Denken ist erlaubt

GALILEI (fast unterwürfig): Meine Herren, der Glaube an die Autorität des Aristoteles ist eine Sache, Fakten, die mit Händen zu greifen sind, eine andere. Sie sagen, nach dem Aristoteles gibt es dort oben Kristallschalen, und so können gewisse Bewegungen nicht stattfinden, weil die Gestirne die Schale durchstoßen müßten. Aber wie, wenn Sie diese Bewegungen konstatieren könnten? Vielleicht sagt Ihnen das, daß es diese Kristallschalen gar nicht gibt? Meine Herren, ich ersuche Sie in aller Demut, Ihren Augen zu trauen.

Brecht, Bertolt. Leben des Galilei: Schauspiel. Suhrkamp Verlag.

Das Problem einer autoritären Erziehung ist, dass die Kinder nie zu denken lernen. Wenn jede ihrer Fragen mit dem Satz «weil ich es sage» beantwortet wird, verlieren Sie ihre Neugier und haben keine Lust mehr, sich selber Gedanken zu machen. Sie gewöhnen sich daran, dass es immer Autoritäten gibt – seien es die Eltern, die Priester oder die Lehrer – die alles besser wissen. Das Erfolgserlebnis des Denkens bleibt aus.

Ein grossartiges Cartoon des iranischen Zeichners Mana Neyestani

Aus den autoritär erzogenen Kindern werden gehorsame Bürger autoritärer Regime. Studien in den USA haben gezeigt, dass die Wähler und Wählerinnen, die für Donald Trump stimmten, sich vor allem einen starken Mann als Präsidenten wünschten. Sie brauchen einen Führer, der immer sofort auf alles eine einfache Antwort hat, ganz unabhängig davon, ob diese richtig ist oder nicht. Das Nachdenken gilt für sie als Zeichen der Schwäche. Diese Haltung ist in der Gesellschaft weit verbreitet. Im Jahr 2000 hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei Boston Consulting in Chicago. Die Stelle habe ich nicht bekommen, weil der Personalverantwortliche das Gefühl hatte, ich denke bevor ich spreche. Mit diesem Urteil kann ich gut leben.

Autoritäre Systeme zeichnen sich durch ein einfaches Weltbild und die Unterdrückung abweichender Meinungen aus. Der Neoliberalismus ist deshalb autoritär, da er eine Lösung für alle Probleme postuliert und keine anderen Ideen zulässt. Die berühmte Behauptung von Margret Thatcher, dass es keine Alternative gibt (TINA), lässt sich kaum als Einladung zum Dialog interpretieren.

Wir leben heute in einer Welt, in der die freie Marktwirtschaft als göttliche Ordnung verstanden wird. Unbequeme Fakten werden unterdrückt und Unwahrheiten zu Dogmen erhoben. Obwohl unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten offensichtlich unmöglich ist, wird die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums selten infrage gestellt. Die Tatsache, dass der ökologische Fussabdruck der Menschheit um einen Faktor zwei zu gross ist und immer noch zunimmt, wird von den Mächtigen zur Kenntnis genommen und gleich ignoriert. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Galileo hätte den Frust der Klimaforscher sofort verstanden.

«Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität» sagt Galileo im oben zitierten Theaterstück von Bertolt Brecht. Was Galileo wirklich gesagt hat, wissen wir aus einem Brief an die Grossherzogin Christine (etwa aus dem Jahr 1615):

Ich möchte jene sehr klugen Väter bitten, dass sie mit aller Sorgfalt den Unterschied bedenken möchten, der zwischen den auf Meinung gegründeten und den beweisbaren Lehren besteht: Wenn sie sich nämlich deutlich vor Augen stellen würden, mit welcher Kraft die zwangsläufigen Schlussfolgerungen zwingend sind, würde ihnen eher klar werden, dass es nicht in der Macht der Professoren der beweisenden Wissenschaften steht, die Meinungen nach ihrem Willen zu ändern, indem sie sich bald dieser und bald jener anschliessen, und dass ein grosser Unterschied besteht zwischen dem Befehl an einen Mathematiker oder an einen Philosophen und der Anordnung an einen Kaufmann oder an einen Rechtsgelehrten, und dass die bewiesenen Schlüsse über die Dinge der Natur und des Himmels nicht mit der gleichen Leichtigkeit geändert werden können wie die Meinungen über das, was in einem Vertrag, einem Census oder einem Wechsel zulässig ist.

Hans Bieri, Der Streit um das kopernikanische Weltsystem im 17. Jahrhundert, Peter Lang Verlag

Anders gesagt, auch vor 400 Jahren musste die Rolle der Wissenschaft den Mächtigen erklärt werden. In den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften gibt es keine Naturgesetze, da das ganze System menschengemacht ist. Gesetzliche Vorschriften, von denen erstaunlich viele für das Funktionieren der angeblich «freien Marktwirtschaft» erforderlich sind, können wir jederzeit ändern. Die Gesetze der Natur eben nicht. Ich bin nicht sicher, ob alle Juristen und Ökonomen dies verstehen.

Jesse Springer

Mit dem Coronavirus meldet sich die reale Welt zurück. Plötzlich haben wir es mit einer externen Bedrohung des Wirtschaftssystems zu tun, die sich nicht um menschengemachte Regeln und Gesetze kümmert. Erstaunt stellen wir fest, dass ein grosser Teil der Privatwirtschaft über Nacht abgestellt werden kann und wir trotzdem genug zu essen haben. Sogar das Klopapier reicht für alle. J. K. Galbraith hat dies in seinem Buch «Gesellschaft im Überfluss» schon im Jahr 1958 vorhergesagt. In einer Gesellschaft, deren materielle Bedürfnisse schon befriedigt sind, produziert die Wirtschaft hauptsächlich Produkte, die niemand braucht. «Die Wirtschaft schafft Arbeitsplätze» wird oft behauptet. Hoffentlich tut sie mehr als das, denn sonst müssten wir einen anderen Weg finden, die Menschen zu beschäftigen.

Im Gegensatz zur Klimaerwärmung stellt das Coronavirus keine Bedrohung der Menschheit dar. Weil aber diesmal Männer über 50 zur Risikogruppe gehören und ein Virus keine Lobby hat, wurde sofort reagiert. Es macht Sinn, die Verbreitung des Coronavirus so weit wie möglich einzudämmen, damit eine Überforderung des Gesundheitswesens vermieden werden kann. Zum Glück scheinen die meisten Regierungen der Welt dies zu verstehen und haben entsprechende Massnahmen ergriffen.

Die Coronakrise wäre auch eine gute Gelegenheit, unser Wirtschaftssystem grundsätzlich zu hinterfragen. Um dies zu verhindern, will eine Mehrheit der Meinungsbildner aus Politik und Wirtschaft möglichst schnell zur vermeintlichen Normalität zurückkehren. Es bestünde sonst die Gefahr, dass wir aus der Krise etwas lernten.

Genau dies sollten wir aber tun. Denn wir neigen dazu, jedes Problem mit minimalistischen Veränderungen des bestehenden Systems lösen zu wollen. Die Klimaerwärmung wollen wir mit Elektroautos und Solarpanels in den Griff bekommen, obwohl dies offensichtlich nicht ausreicht. Das Coronavirus lehrt uns, dass wir gewisse Herausforderungen auf diese Art nicht meistern können. Auch bei der Erwärmung des Erdklimas gibt es keinen Grund zu vermuten, dass das Problem innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems gelöst werden kann. Wir brauchen komplett neue Ideen.

Mike Lukovich

Die Frage ist, wer ein neues System aufbauen soll. Menschen wehren sich gegen Veränderungen, weil sie Angst haben, etwas zu verlieren. Es macht wenig Sinn, eine Gruppe von Kardinälen damit zu beauftragen, die Frage nach der Existenz Gottes zu klären. Analog können und wollen Menschen, die mit dem bestehenden Wirtschaftssystem reich und erfolgreich wurden, das System kaum umbauen. Niemand verlässt gerne den Bereich des Bekannten, um sich neue Themen zu widmen. Wenn Menschen doch über den Tellerrand schauen, werden sie mit dem Vorwurf konfrontiert, keine Experten zu sein.

Ich verstehe die Sorgen. Als Physiker hätte ich auch ein grosses Problem, wenn die Naturgesetze morgen aufhören würden zu gelten. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies passiert und ich es auch überleben würde, schätze ich aber als sehr gering ein. Somit bilden wissenschaftliche Fakten eine gute Basis für den Aufbau eines neuen Systems. Nicht weil sie von den Wissenschaftlern stammen, sondern weil sie wahr sind.

Wer jetzt bereit ist, der Bitte von Galileo folgend den eigenen Augen zu trauen, stellt Erstaunliches fest. In vielen Städten der Welt hat sich die Luftqualität wegen des wirtschaftlichen Lockdowns massiv verbessert und der Lärmpegel ist gesunken. Dies ist eindeutig gut für Mensch und Umwelt. Der wirtschaftliche Schaden hingegen ist systembedingt. Wenn unser Wirtschaftssystem nicht auf Wachstum und Überkonsum basierte, wäre der Lockdown kein Problem. «Die Wirtschaft leidet» verkünden die Medien unisono, aber niemand fragt sich wieso. Rein abgesehen davon, dass juristische Personen kaum leiden können.

Gleichzeitig geht es dem Planeten schlechter als je zuvor. Die ersten drei Monate dieses Jahres waren viel zu heiss, und Europa wird wieder von einer Dürre mit grossen Ernteausfällen bedroht. Der Lockdown wird den globalen CO2-Austoss um etwa 5% in diesem Jahr reduzieren. Wir brauchen aber eine Reduktion von über 7% pro Jahr über die nächsten 30 Jahre, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu verstehen, dass dies schwierig wird. Wenn wir in alten Denkmustern verharren, schaffen wir es sicher nicht.


Nachtrag 1: Ich möchte Margaret Thatcher nicht unrecht tun. Dass sie die Kohleminen in Grossbritannien geschlossen hat, war wohl gut für die Umwelt. Sie hat auch im Jahr 1989 in einem dringlichen Appell an die Generalversammlung der Uno vor den Gefahren der Umweltzerstörung und der Klimaerwärmung gewarnt. Ihre politischen Ideen waren sonst aber nicht besonders progressiv.

Nachtrag 2: Viele Denker*innen setzen sich im Moment mit den Konsequenzen der Coronakrise auseinander. Hier eine kleine Auswahl:

Nachtrag 3: Hier noch der Auszug aus dem Brief von Galilei Galileo:

Alla Serenissima Madama, la Gran Duchessa Madre.

….

Io vorrei pregar questi prudentissimi Padri, che volessero con ogni diligenza considerare la differenza che è tra le dottrine opinabili e le dimostrative; acciò, rappresentandosi ben avanti la mente con qual forza stringhino le necessarie illazioni, si accertassero maggiormente come non è in potestà de’professori delle scienze demostrative il mutar l’opinioni a voglia loro, applicandosi ora a questa ed ora a quella, e che gran differenza è tra il comandare a un matematico o a un filosofo e ‘l disporre un mercante o un legista, e che non con l’istessa facilità si possono mutare le conclusioni dimostrate circa le cose della natura e del cielo, che le opinioni circa a quello che sia lecito o no in un contratto, in un censo, o in un cambio.

Galileo Galilei, etwa 1615

2 thoughts on “Denken ist erlaubt

  1. Vielen Dank aufs Neue für den fantastischen mit leichtem Sarkasmus bespickten Exkurs in die Vergangenheit und Zukunft. Sehr sehr unterhaltsam zum Lesen, wenn das Thema nicht so todernst wäre.

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