Klimaschutz und Wirtschaftswachstum

Ich freue mich sehr, am 25. Februar einen öffentlichen Vortrag am Universitätsspital Zürich halten zu dürfen:

Ort: Hörsaal Pathologie D 22
Zeit: 25. Februar 2020, 17:15 – 18:00
Titel: Klimaschutz und Wirtschaftswachstum – facts & fake news

Ich werde dort u.A. einen konkreten Plan vorstellen, wie wir die Klimakrise schnell lösen können.

Der Vortrag ist Teil der Fortbildungsreihe Surgical and Gastroenterological Grand Rounds des Universitätsspitals.

Kognitive Dissonanz

Beim Lesen des grossartigen Buches «Selbst Denken» von Harald Welzer, bin ich wieder auf den Begriff «Kognitive Dissonanz» gestossen. Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Die beiden Aussagen «Wir brauchen Wirtschaftswachstum» und «die Wirtschaft macht den Planeten kaputt» stellen eine typische kognitive Dissonanz dar. Kein Mensch ist fähig, mit diesen beiden Gedanken im Kopf glücklich zu leben. Denn daraus leitet sich der Zwang ab, im Interesse der Wirtschaft die Zukunft der eigenen Kinder zerstören zu müssen.

Unser Bedürfnis, diesen gefühlsmässigen Knoten zu lösen, ist stärker als die Rationalität. Einige umgehen das Problem, indem sie einfach die Klimaerwärmung leugnen. Sie nehmen kontrafaktisch an, dass die Wirtschaft der Umwelt nicht schadet. Die dafür erforderliche Ignoranz ist ein kleiner Preis für die Beruhigung des Gewissens.

Ein viel grösserer Teil der Bevölkerung setzt auf das Prinzip Hoffnung. Sie geben zwar zu, dass wir momentan ein Problem haben, sind aber zuversichtlich, dass eine Entkopplung von Wirtschaftsleistung und ökologischem Fußabdruck durch neue Technologie möglich sein wird. Deshalb ist das Diagramm unten so wichtig.

Siehe auch https://nordborg.ch/2018/08/12/sustainable-growth-is-an-oxymoron

Die roten Kurven zeigen die historischen globalen CO2-Emissionen (durchgezogen) und die Entwicklung, die gemäss IPCC für weniger als 1.5°C Erwärmung erforderlich wäre (gestrichelt). Die blauen Kurven zeigen die historische globale Wirtschaftsleistung (durchgezogen) und die Erwartungen der G20-Staaten (gestrichelt). Menschen, die eine solche Entwicklung für möglich halten, hoffen offensichtlich auf ein Wunder.

Es gibt aber eine einfachere Möglichkeit, die oben erwähnte kognitive Dissonanz aufzulösen. Denn selbstverständlich brauchen wir kein Wirtschaftswachstum! Das Ziel einer Volkswirtschaft ist doch, die Bedürfnisse der Menschen zu stillen, statt Konsumsucht zu fördern. Ich kann doch nicht jedes Jahr 2-3% mehr essen und es macht keinen Sinn, mehr Schuhe zu produzieren als es Füsse gibt. Da die Menschen der Industrienationen sogar in Überfluss leben, wäre es auch kein Problem, die Wirtschaftsleistung zu senken.

Die vermeintliche Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums kommt daher, dass Kapitaleinkommen im Verhältnis zur Arbeit immer wichtiger wird, wie Piketty eindrücklich festgehalten hat. Kapitaleinkommen fordert eine Zunahme der Geldmenge, die es nur in einer wachsenden Wirtschaft geben kann. Der britische Ökonom Jason Hickel hat es so formuliert: «Wir sind bereit alles zu riskieren – buchstäblich alles – um die Reichen reicher zu machen». Wie kann es sein, dass heute 8 Menschen mehr besitzen als die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung? Sicher nicht durch harte Arbeit.

Jason Hickel on Twitter

Der Satz «die Wirtschaft muss wachsen» ist somit keine faktenbasierte Aussage, sondern ein Befehl. Um ein Infragestellen dieses Imperativs zu verhindern, wird keine Mühe gescheut. Täglich werden wir mit Wirtschaftszahlen und Börsenkursen bombardiert, welche belegen sollen, dass uns die Finanzgötter gnädig sind, weil wir bereit waren, das nötige Opfer zu erbringen. Der unsichtbare Gott ist durch die unsichtbare Hand des Marktes ersetzt worden, aber die profitmachende Angst ist die gleiche.

Es erstaunt mich immer wieder, dass die meisten Menschen in der heutigen Gesellschaft nicht mal verstehen, was Geld ist. Hier ein kleiner Test, ob Sie es verstanden haben:

Nehmen wir an, dass ein Goldgräber in die Berge geht und ein grösseres Stück Gold findet. Wir sind uns vermutlich einig, dass er dadurch reich geworden ist. Nach der Rückkehr in die Heimat kann er für das Gold Champagner, Kaviar und teure Kleider kaufen. Warum? Welchen volkswirtschaftlichen Beitrag hat er geleistet, der so fürstlich entlöhnt werden muss? Schliesslich war ja der Goldklumpen vor ihm da und er hat ihn nur aufgehoben. Überlegen Sie sich. Es gibt eine einfache und eindeutige Antwort auf diese Frage am Ende des Artikels.

Patrick Chappatte — http://www.chappatte.com

Aus meiner Sicht ist die Aussage «die Wirtschaft muss wachsen» nicht nur offensichtlich falsch, sondern er sollte sogar verboten werden. Denn damit werden Menschen in einen Zustand der kognitiven Dissonanz versetz, der sie sehr unglücklich macht. Sie schuften sich zu Tode, vernachlässigen die Kinder und stehen unter permanentem Leistungsdruck, damit das Bruttoinlandprodukt irgendwie ansteigt. Was wäre, wenn wir alle gleichzeitig aus dem Hamsterrad aussteigen würden? Die Aktien- und Finanzmärkte würden einbrechen, aber das ist mir ehrlich gesagt egal. Dafür kann ich etwas länger schlafen und gemütlich mit meiner Familie frühstücken.

Lösung des Rätsels: Durch das Finden des Goldklumpens, nimmt die verfügbare Goldmenge zu. Da Gold als Tauschmittel eingesetzt wird, gibt es jetzt mehr Gold, um das Gleiche zu kaufen. Dadurch werden die Goldersparnisse aller Menschen weniger wert. Der Goldgräber kann mehr kaufen, weil alle andere weniger kaufen können. Oder anders gesagt, er hat das Geld der anderen gestohlen. Dies ist ein Systemfehler, genauso wie Kryptowährungen keinen erkennbaren Nutzen haben.

Global Climate Compensation

Deutsche Version (English translation below)

Können wir die Klimakrise bewältigen? Die Antwort lautet ja, und es würde etwa $1.30 pro Kopf und Tag kosten. Dies ist weniger als eine Tasse Kaffee.

Das Problem ist nur, dass sich nicht alle Menschen auf der Welt so viel Geld haben. Die Wohlhabenderen müssen also bereit sein, den Ärmeren zu helfen.

Fast 30 Jahre nach der Unterzeichnung der Klimakonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) gibt es immer noch keinen praktikablen Plan, wie die Erderwärmung auf weniger als +2°C begrenzt werden kann, und die CO2-Konzentration der Atmosphäre steigt immer schneller an. Zusammen mit einigen Kollegen versuche ich deshalb einen Plan auszuarbeiten, um das Problem im Griff zu bekommen. Die Details dazu finden Sie hier: www.global-climate-compensation.org.

Ich meine dies ernst. Das CO2-Budget für +1.5°C Erderwärmung werden wir in weniger als 8 Jahren ausgeschöpft haben. Die Weichenstellung für eine bessere Zukunft muss also in den nächste 1-2 Jahren passieren. Nach COP25 in Paris und der Rede von Donald J. Trump in Davos bin ich der Meinung, dass die Reichen und Mächtigen versagt haben.

Melden Sie sich also bei mir, wenn sie an der Idee der globalen Klimakompensation mitarbeiten wollen. Das Problem können wir nur gemeinsam lösen. Das erste Treffen findet am 31. Januar 2020 in Zürich statt.

English Version

Can we overcome the climate crisis? The answer is yes, and it would cost about $1.30 per person per day. This is less than a cup of coffee.

The only problem is that not everyone in the world has that amount of money. The affluent must be willing to help the poor.

Almost 30 years after the signing of the United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC), there is still no workable plan to limit global warming to less than +2°C and the CO2 concentration in the atmosphere is rising faster than ever. Together with some colleagues, I am therefore trying to work out a plan to get the problem under control. You can find the details here: www.global-climate-compensation.org.

I’m serious about this. We will have exhausted the CO2 budget for +1.5°C global warming in less than 8 years. The course for a better future must therefore be set in the next 1-2 years. After COP25 in Madrid and Donald J. Trump’s speech in Davos, I believe that the rich and powerful have failed.

So, get in touch with me if you want to work on the idea of global climate compensation. We can only solve the problem together. The first meeting will be in Zurich on January 31, 2020.

Watch this: Jeremy Rifkin on the Green New Deal

If you do not have time to watch this 55 minute talk by Jeremy Rifkin, you’re really not entitled to have an opinion on the issue of climate change.

In my opinion, he is far too optimistic about the possibilities of technology and he could have questioned the need for economic growth and talked about Degrowth. However, he is right about the fact that we are facing a revolutionary transformation of business and society. Old business models simply do not work anymore.


What Mr Rifkin misses

I have recently proposed Global Climate Compensation as a way to solve the climate crises. It is interesting to compare it with the lecture given by Jeremy Rifkin above. Here is my perspective:

  1. Rifkin is right about the seriousness of the Climate Crises and the need to act now.
  2. He is also right about the need for a fundamental transformation of technology and that digitalization and information are important.
  3. One problem is that ICT is currently a main driver of environmental destruction. Currently, data centers consume enormous amounts of power worldwide, even though they try to run in an optimal fashion. Distributed data centers will be less efficient and use more resources.
  4. Mr Rifkin wants to finance the transition by allowing governments to borrow more money, which is essentially equivalent to printing money. In other words, he wants to inflate and already inflated economy with more cheap money. Since global debt is already at a record level, this is probably not a good idea.
  5. He is not talking about a carbon tax, meaning that there will be no incentive to use less energy under his plan. By making energy even cheaper, it is unlikely that energy demand will decrease. We will only use renewable energy in addition to oil, coal, and gas.
  6. Even though he talks about unequal wealth distribution in this introduction, he fails to address this in his plan, which contains nothing about climate justice.

Obviously, Mr. Rifkin believes that economic growth will fix problems all. His views on technology and the environment are reasonably modern – albeit slightly naïve – but his economic ideas are still firmly rooted in the 19th century.

In contrast, Global Carbon Compensation takes money out of the fossil sector and uses it for the energy transition. This increases the price of fossil fuel and provides the necessary funds without further increasing global debt. In other words, it slowly deflates the carbon bubble and uses the money to deflate the debt bubble. Seems like a good idea.

Amusing Themselves to Death in Davos

[…] the commercial always addresses itself to the psychological needs of the viewer. Thus it is not merely therapy. It is instant therapy. Indeed, it puts forward a psychological theory of unique axioms: The commercial asks us to believe that all problems are solvable, that they are solvable fast, and that they are solvable fast through the interventions of technology, techniques and chemistry.

Neil Postman, Amusing Ourselves to Death

Next week, the rich and powerful will again gather to do business at the World Economic Forum in Davos. Such fairs are known since the Middle Ages and have always be accompanied by spectacle, acrobats, artists, and prostitutes. On this level, very little seems to have changed.

To refer to the attendees of the WEF as the “global elite” is clearly unwarranted, since wealth and power are no personal traits. Every idiot born as the heir to the throne is powerful and it does not take brains to inherit a fortune. There is no evidence for the WEF participants being intellectually or ethically superior to the rest of us.

I don’t know many people at the WEF, but I am sure that most of them are nice and would have been perfectly harmless in a normal environment. However, with power and wealth comes responsibility and I would therefore like to offer them some reading advice.

The first book they need to read is The Affluent Society, written by the eminent economist J. K. Galbraith in 1958. His main message is that the capitalist system, which was invented to raise the capital required for industrialization, does not make sense in a society where all material needs have been met. Why increase industrial production, when we already have everything we need? In the affluent society, the manufacturer creates the demand for a product through marketing. It is therefore not surprising, that two of most powerful companies in the world today – Google and Facebook – are advertising companies. Such a situation was clearly not envisioned by Adam Smith. In short, capitalism became obsolete more than 60 years ago.

The second book is Amusing Ourselves to Death by Neil Postman, which deals with the effects modern media has had on our ability to reason and discuss. As the book was written in 1984, his analysis is limited to television, but the invention of the internet and social media has only exacerbated the trend. Anyone brought up on visual media has the feeling that any topic can be treated in less than 60 seconds in an entertaining manner. If the news does not amuse me, I switch to a different channel. Nobody would have listened to Winston Churchill’s speeches, had there been a quiz show running on a different channel. “We will fight on the beaches, but only if we get the chance to win a trip to Las Vegas”.

Finally, you might consider reading The Collapse of Complex Societies by Joseph A. Tainter. He starts from that fact that all complex societies have failed sooner or later. The reason was always the diminishing return on investments in complexity. At one point, the costs of maintaining a complex infrastructure exceeds the income generated by it, which leads to a collapse. Incidentally, Swiss ski resorts are perfect examples of this phenomenon. Despite the fact that global warming will destroy winter tourism, the ski resorts invest increasing amounts of money in equipment for artificial snow. Eventually, the revenue will be insufficient to maintain the expensive infrastructure and there will be no resources left to dismantle it. Thus, ruins are formed.

Which brings us to Davos. The diagram below shows the average temperature in Switzerland for almost 160 years. The WEF was founded in 1971 and has been running for 50 years. If it continues for another 50 years, there will be no snow left in Davos. This is not a political statement, but a simple fact.

The interesting question is whether the WEF has the intellectual flexibility and the courage to face the truth about what is happening to our planet and what needs to be done about it. I am skeptical, since – as Einstein pointed out – it is difficult to solve problems using the same kind of thinking that lead to their creation.

In fact, I believe that the people gathering at the WEF are almost uniquely unqualified to solve the problems facing humanity today. Most of them are marketing experts (including the politicians), who have made a career out of catering to people’s desires for pleasure and fun rather than to their needs. The people who actually understand how the real physical world works, i.e. the climate scientist, the renewable energy expert, the biologist, or even the historian or political scientist, are not welcome. If they do get invited, they are paraded like exotic zoo animals in discussion forums designed not to accomplish anything. In today’s world, the inmates are running the asylum and the arsonists are responsible for fire safety.

The plot below shows the correlation between global energy demand, global carbon emissions, and global GDP during the last 50 years. Unfortunately, economists are not very careful with error estimates, which made it impossible for me to add error bars. Nonetheless, it seems clear that these three quantities are essentially the same.

If we want to lower carbon dioxide emissions by at least 7.6% annually in order to stay below 1.5°C of warming, we also need to reduce energy demand and GDP. It is simply impossible to lower global emissions quickly using new technology, as any investment in renewable energy or energy efficiency has a certain payback time. It takes at least two years for a solar panel to generate the energy needed to produce it. In other words, investments in renewable energy will initially lead to more emissions and not less. This is not an argument against renewable energy, but one cannot ignore basic laws of physics and common logic. Some more unquestionable facts can be found in the public lecture I gave at the ETH in Zurich: You Can’t Have Your Planet And Eat It.

When Galileo was sentenced by the Inquisition in 1633, it was because he threatened the church’s monopoly on The Truth. Likewise, the financial sector and the fossil fuel industry feel threatened by the facts of global warming. To quote Bertrand Russell: “The Inquisition was successful in putting an end to science in Italy, which did not revive there for centuries.” The participants of the WEF seem determined to put an end to humanity. This is very annoying, as the very same people could actually stop climate change.


PS (2020-01-21): Apparently, the current resident of the White House did go to Davos. I wonder why. It is obvious that he has not read any of the books listed above.

BTW, I am not the only one upset with the WEF. Here some other comments: