Planlos durch den Winter

Kurz vor Weihnachten hat uns The Economist ein schönes Wintersujet geliefert. Der Artikel Europe faces an enduring crisis of energy and geopolitics hält nochmals fest, was wir alle schon wussten: Die Energiewende wäre für Europa nicht nur aus Sicht des Klimaschutzes, sondern auch aus wirtschaftlichen und geopolitischen Überlegungen das Richtige gewesen.

Frozen Out, The Economist, 26.11.2022

Etwa zwei Wochen später doppelt der Generaldirektor der internationalen Energieagentur (IEA) nach:

Die unbequeme Wahrheit ist, dass das Geschäftsmodell vieler europäischer Industrien jahrzehntelang auf der Verfügbarkeit reichhaltiger und billiger russischer Energielieferungen beruhte. Dieses Geschäftsmodell wurde durch den russischen Einmarsch in die Ukraine zerstört und wird sich nicht erholen.

Faith Birol, IEA, Europe urgently needs a new industrial master plan

Politikerinnen und Politiker, die sich in der Vergangenheit gegen eine ambitionierte Klimapolitik eingesetzt haben, lagen somit falsch. Hoffentlich sind sie jetzt endlich bereit, den Fehler einzugestehen und ihre Meinung zu ändern.

Wenn die Politik versagt, müssen andere in die Bresche springen. Ingmar Rentzhog ist ein umtriebiger Schwede, der die die Organisation We Don’t Have Time gegründet hat. Unter dem Tag #WeCanDoIt lädt er engagierte Menschen ein, sich zu vernetzen und aktiv zu werden. Schaden tut dies sicher nicht.

Ingmar Rentzhog, Nigel Topping und Johan Rockström an der #COP27

An der OST kämpfen wir dafür, dass wenigstens genug Fachkräfte für die Energiewende zur Verfügung stehen werden. Wer heute Energie- oder Umwelttechnik studiert, hat nach drei Jahren einen sicheren und sinnstiftenden Job mit einem guten Lohn und exzellenten Zukunftsperspektiven, wie der Artikel von meinem Kollegen Carsten Wemhöner zeigt:

Leider ist es schwierig, junge Menschen für die technische Umsetzung der Energiewende zu gewinnen. Vielleicht hat dies mit dem Statusverlust des Ingenieurberufes in einer zunehmend deindustrialisierten Gesellschaft zu tun. Obwohl wir alle von modernster Technik abhängig sind, wollen die wenigsten wissen, wie die Welt funktioniert. Joan Diamond und Paul Ehrlich erkennen hier ein Scheitern der Universitäten, die immer noch junge Menschen für die Welt von gestern ausbilden und sie nicht auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten.

Es kann auch sein, dass technische Ausbildungen als langweilig angesehen werden. Ingenieure (die immer noch mehrheitlich männlich sind) werden als Nerds angesehen, die für jedes Problem eine technische Lösung suchen. Das stimmt aber nicht. Unsere Dozierenden haben sehr wohl verstanden, dass die Klimakrise nur interdisziplinär gelöst werden kann. Nichtdestotrotz werden wir technische Lösungen brauchen, um gewisse fossile Infrastrukturen zu ersetzen.

Die Hochschulen können die Klimakrise genauso wenig lösen wie die Wirtschaft. Wir können aber als progressive Kraft in der Gesellschaft wirken. Den ersten Schritt in diese Richtung machen wir mit dem Vortrag der jungen britischen Journalistin und Podcasterin Rachel Donald am 22. März 2023: Planet Critical – Making Sense of the Crisis.


Ich wünsche allen erholsame Festtage und einen guten Rutsch. Auch im nächsten Jahr wird uns die Arbeit nicht ausgehen.

Herzlichst,
Henrik Nordborg

Die «nützlichen Idioten» der Konsensfabrik

Hinweis: Der Begriff «Konsensfabrik» bezieht sich auf das Buch von Edward S. Hermann und Noam Chomsky und die systemerhaltende Funktion der Medien. Während «nützliche Idioten» überall in der Gesellschaft anzutreffen sind, können sich die wenigsten eine Medienplattform leisten. Das Geld dafür bekommt man nur, wenn man die richtige Botschaft verkündet. «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.»

Symptomatisch für den bevorstehenden Untergang einer korrupten Gesellschaft ist, dass Unmoral zum wertvollen Gut wird. Da bestehende Machtstrukturen mit rationalen Argumenten nicht mehr zu rechtfertigen sind, werden Menschen auf die Bühne geholt, die nicht nur keine Moral haben, sondern auch bereit sind, ihre Seele zu verkaufen. Der Arbeitsmarkt für Schwachköpfe und Opportunisten war wohl selten besser also heute.

Das Phänomen ist nicht neu und Namen wie «Judas» oder «Quisling» sind uns allen bekannt. Im Roman «Kassandra» von Christa Wolf wird die Rolle des opportunistischen Mitläufers vom Eumelos verkörpert. «Der Sohn eines niedrigen Schreibers und einer Sklavin aus Kreta» reisst als «fähiger Mensch» immer mehr Macht an sich, weil er skrupellos jeden Befehl der Obrigkeit ausführt. Als Kassandra ihn auf den bevorstehenden Untergang aufmerksam macht, glaubt er ihr nicht, «weil er gar nichts glaubte. Ein Niemand, der nicht glaubensfähig war.»

Das Besondere an der heutigen Situation ist also nur das Ausmass des Wahnsinns. Viele Politiker, wie beispielsweise Boris Johnsson oder Donald Trump, glauben an nichts mehr und haben keine erkennbaren politischen Visionen. Sie haben festgestellt, dass Lügen keine Konsequenzen haben, und verhalten sich entsprechend. «Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich ganz ungeniert.» Leider haben sich auch viele Medienorganisationen entschieden, dass sich Opportunismus besser verkauft als die Wahrheit. Die einst renommierte «NZZ» ist anscheinend diesen Weg eingeschlagen.

Das erste Beispiel dafür ist eine Recherche zur Windkraft in Deutschland, die zum Schluss kommt, dass die Windenergie sich nur durch Subventionen behaupten kann. Kann sein, aber der Grund dafür sind die massiven Subventionen der fossilen Energien. Rechnen wir es kurz durch: Gemäss BP versorgen uns die fossilen Brennstoffe mit etwa 136’000 TWh Primärenergie. Eine Studie des internationalen Währungsfonds (IMF) kommt aber zum Schluss, dass fossile Brennstoffe weltweit mit 5.9 Billionen USD subventioniert werden. Dies entspricht etwa 4.3 Cent pro kWh oder 11 Cent pro kWh Strom, wenn wir mit einem Wirkungsgrad von 40% rechnen. Ein globaler CO2-Preis von 174 USD pro Tonne CO2 würde das Problem lösen und ein konkreter Vorschlag liegt vor: Global Climate Compensation. Die Klimabewegung wäre offen für eine freie Marktwirtschaft, wenn bei allen Energieträgern eine Vollkostenrechnung gemacht werden würde. Die «NZZ» scheint damit ein Problem zu haben, was durch das Propagandamodell von Hermann und Chomsky leicht zu erklären ist: Subventionen sind nur dann schlecht, wenn die falschen Leute das Geld erhalten.

Als zweites Beispiel kann ein Kommentar des NZZ-Chefredaktors Eric Gujer erwähnt werden. Schamlos bedient er sich des tragischen Todes einer Frau in Berlin, um die Überwachung der Klimabewegung durch den Staatsschutz zu fordern. Dabei handelt es sich um einen tragischen Unfall mit tödlichem Ausgang und die Justiz muss die Schuldfrage klären. Fest steht, dass die Frau von einem Betonmischer überrollt wurde, der kaum im Auftrag der Klimabewegung unterwegs war. Ob der Verkehrsstau oder eher das Fehlen einer Rettungsgasse, zum Tod der Frau beigetragen hat und wie weit dies der Klimabewegung angelastet werden kann, ist ebenfalls Gegenstand einer von der Staatsanwaltschaft geführten Ermittlung, die noch lange nicht abgeschlossen ist. All dies müsste Herrn Gujer bekannt sein. Übrigens sterben deutlich mehr Menschen durch Verkehrsunfälle als durch politische Gewalttaten. Wenn wir die gesundheitlichen Auswirkungen der Luftverschmutzung auch noch berücksichtigen, wird klar, gegen wen der Staat eigentlich vorgehen müsste.

In Amerika hat Roger Ailes mit der Schaffung des Senders «Fox News» dem Journalismus einen irreparablen Schaden zugefügt. In der Schweiz ist ein ähnlicher Trend festzustellen. Roger Köppel hat die «Weltwoche» zerstört und Eric Gujer hat dies offensichtlich mit der «NZZ» vor.

Selbstverständlich haben die Herren Köppel und Gujer das Recht, ihre Meinungen kundzutun. In einer Marktwirtschaft dürfen sie wohl auch die Webseiten ihrer Organisation dafür nutzen oder Geld von Lobbygruppen für das Verbreiten einer Botschaft entgegennehmen. Wenn aber das Stimmvolk (oder «der Souverän») sowohl von Politikern wie auch von Journalisten hinters Licht geführt wird, ist dies dem politischen Diskurs nicht dienlich. Die vierte Gewalt hätte in einer Demokratie eine wichtige Funktion zu erfüllen und das Prinzip wäre eigentlich einfach: Meinungen sind frei, aber Fakten sind heilig («Comments are free but facts are sacred»).

«Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein» hat Karl Marx gesagt. Vielleicht könnten die «NZZ» und «Die Weltwoche» etwas von ihm lernen.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Parsifal: «Ich schreite kaum, doch wähn ich mich schon weit.»
Gurnemanz: «Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit.»

Wagner, Parsifal

Während der letzten sechs Monate habe ich eine Zeitreise unternommen. Statt mich von den Massenabfertigungssystemen der modernen Reisebranche von einem Kontinenten zum anderen verfrachten zu lassen, habe ich mich mit Orten und Menschen auseinandergesetzt, die ich einst gekannt habe. Vor allem bin ich dorthin gereist, wo ich nicht nur meiner Kreditkarte wegen freundlich empfangen wurde. Ich habe alte Freunde wiedergesehen und neue Bekanntschaften gemacht.

Abschied von Malte Jönsson – «Ihn fällte des Alters siegende Kraft»

Die Reise fing im Elternhaus zusammen mit meinem 90-jährigen Vater an und hörte mit dem Abschiednehmen in der wunderbaren mittelalterlichen Kirche von Stehag auf. Ein langes Leben ist zu Ende gegangen und es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Wer, wie mein Vater, in den dreissiger Jahren auf einem Bauernhof im neutralen Schweden geboren wurde, hatte gute Voraussetzungen, alt zu werden. Die Kindheit und Jugend wurden mit körperlicher Arbeit an der frischen Luft verbracht und im Alter standen die Errungenschaften der modernen Medizin zur Verfügung. Ausserdem musste weder er noch seine älteren Brüder befürchten, in einen sinnlosen Krieg geschickt zu werden. Heute ist alles anderes und die Jugend wird sich wohl damit abfinden müssen, deutlich früher zu sterben. Nicht nur wegen des ungesünderen Lebens, sondern vor allem weil Ressourcenknappheit und Klimawandel die vier Reiter der Apokalypse wieder auf die Bühne geholt haben. Die schwedische Neutralität ist widerstandslos aufgegeben worden und die Rüstungsausgaben steigen weltweit (Trends in World Military Expenditure, 2021 | SIPRI). Während der COVID-Pandemie ist es uns allen klar geworden, dass die Idee der internationalen Zusammenarbeit eine Illusion bleibt. Wir erleben gerade den gefährlichsten Moment der Menschengeschichte, wie Noam Chomsky richtig festgehalten hat.

Mein Vater Ende der 40er Jahre.

Als mein Vater mit der Mistgabel auf dem Pferdewagen stand, war der zweite Weltkrieg gerade zu Ende gegangen. Es folgte eine Periode beispiellosen wirtschaftlichen Wachstums und technischen Fortschritts, welche das Denken der Menschen geprägt hat. Vor allem die Kernspaltung und die Verheissung der unbegrenzt verfügbaren Energie (E = mc2) hat die Menschheit fasziniert. Plötzlich schien jedes Problem durch Investitionen in neue Technik lösbar zu sein. Das dafür benötigte Geld sollte durch Wachstum erzeugt werden und die Aufgabe der Politik wurde auf das Bereitstellen günstiger Rahmenbedingungen für die Wirtschaft reduziert. Der Fantasie (bzw. Geldgier) der Menschen waren keine Grenzen gesetzt und zum ersten Mal in der Geschichte wurde Übermut (Hybris) zur Tugend. Wer das Ausmass des Wahnsinns verstehen möchte, soll sich bitte Our Friend the Atom aus dem Jahr 1957 auf Youtube anschauen. In diesem von Walt Disney produzierten Film wird vom deutschen Physiker und ehemaligen SS-Mitglied Heinz Haber der Segen der radioaktiven Strahlung sehr anschaulich und kindergerecht erklärt. Allerdings scheint auch Dr. Haber verstanden zu haben, dass die Verbrennung fossiler Brennstoffe möglichst bald aufhören müsste – die Nutzung der Atomkraft war für ihn die einzige Lösung.

Was dagegenspricht, sich in Fragen, die menschliche Angelegenheiten angehen, auf Wissenschaftler qua Wissenschaftler zu verlassen, ist nicht, daß sie sich bereitfanden, die Atombombe herzustellen, bzw. daß sie naiv genug waren zu meinen, man würde sich um ihre Ratschläge kümmern und bei ihnen anfragen, ob und wie sie eingesetzt werden sollte; viel schwerwiegender ist, daß sie sich überhaupt in einer Welt bewegen, in der die Sprache ihre Macht verloren hat, die der Sprache nicht mächtig ist.

Arendt, Hannah. Vita activa oder Vom tätigen Leben

Der oben genannte Film vermittelt den Eindruck, dass es bei der Kernenergie nicht nur um eine neue Technologie handelt, sondern um eine Revolution der menschlichen Existenz. Heute ist das gleiche Phänomen in der Diskussion der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz (KI) zu beobachten. Die Automatisierung versprach die Abschaffung der physischen Arbeit, die KI das Ende des menschlichen Denkens. Dabei ist die Fähigkeit kritisch zu Denken heute wichtiger als je zuvor.

Warum werden gerade diejenigen Wünsche, die sich auf Irrtümern gründen, in uns übermächtig? Nichts haben sie mir später mehr übelgenommen als meine Weigerung, mich ihrem fatalen Wunschentzücken hinzugeben.

Christa Wolf, Kassandra

Es gab auch vernünftigere Stimmen auf der Welt. Schon während des zweiten Weltkrieges hat sich Erwin Schrödinger (Nobelpreis 1933) Gedanken zur thermodynamischen Erklärung des Lebens gemacht (Was ist Leben?). Seine Ideen, zusammen mit den späteren Arbeiten von Ilya Prigogine (Nobelpreis 1977) und anderen, sind für eine wissenschaftlichen Definition der Nachhaltigkeit ausreichend. Leider hat sich niemand dafür interessiert. Im Jahr 1958 erklärte der renommierte amerikanische Ökonom J. K. Galbraith in seinem Buch The Affluent Society den Kapitalismus zum Auslaufmodell: Wenn Arbeit darin besteht, ein sinnloses Produkt zu erstellen, das niemand braucht und die Umwelt zerstört, wäre es viel besser, nicht zu arbeiten. Auch für diese offensichtlich korrekte Aussage hat sich niemand interessiert.

Im Jahr 1958 haben sich auch meine Eltern kennengelernt. Als sie fünf Jahre später heirateten, war das Buch Silent Spring von Rachel Carson gerade erschienen, das vielleicht als Anfang der Umweltbewegung gesehen werden kann. Vor 50 Jahren, als ich erst fünf Jahre alt war, wurde die Studie Grenzen des Wachstums des Club of Rome veröffentlicht, die aufgrund ihrer Richtigkeit weitestgehend ignoriert wurde. Dafür wurden Wissenschaftler, welche die Studie nicht verstanden haben, später mit dem Nobelpreis geehrt (Why Economists Can’t Understand Complex Systems: Not Even the Nobel Prize, William Nordhaus – Resilience).

Als die kleine Kirche in Stehag im 12. Jahrhundert gebaut wurde, waren die letzten vorchristlichen Tempel im damals dänischen Reich gerade abgerissen und ein Weltbild durch ein neues, nicht weniger falsches, ersetzt worden. Etwa 500 Jahre später hat ein gewisser Galileo Galilei einen bemerkenswerten Brief an die Grossherzogin Christina von Toskana verfasst. Er verteidigt darin die empirischen Wissenschaften, deren Aussagen auf Beobachtungen der Natur basieren, und hält fest, dass die Mächtigen dieser Welt zwar Gesetze, aber keine Naturgesetze, erlassen können. Was dabei auffällt, ist die Naivität Galileos. Er glaubte, dass seine Forschungsergebnisse allein wegen ihrer Richtigkeit akzeptiert werden müssten und verstand nicht, dass die Mächtigen sich nur für ihre Nützlichkeit interessierten. Da die katholische Kirche darin vor allem ein Infragestellen der göttlichen Ordnung gesehen hat, wurde Galileo unter Hausarrest gestellt und zum Schweigen gebracht.

Ich entdeckte vor wenigen Jahren, wie Ihre durchlauchte Hoheit wohl wissen, viele besondere Erscheinungen am Himmel, die bis dahin unsichtbar gewesen waren. Weil diese, sei es wegen ihrer Neuheit, sei es wegen mehrerer Konsequenzen, die sich aus ihnen ergeben, einigen Behauptungen über die Natur widersprechen, die üblicherweise von den Philosophenschulen akzeptiert werden, brachten sie eine nicht geringe Zahl von Professoren gegen mich auf, gleichsam als ob ich diese Dinge eigenhändig an den Himmel gesetzt hätte, um Natur und Wissenschaft in Verwirrung zu bringen.

Galileo Galilei, Brief an die Grossherzogin Christina

Wir müssen die wissenschaftliche Revolution, die vor etwa 400 Jahren stattgefunden hat, neu denken. Sie war weniger ein Sieg der Vernunft als ein machtpolitischer Entscheid, die Priester durch Wissenschaftler zu ersetzen, genauso wie die Könige der Wikinger 500 Jahre früher das Christentum aus realpolitischen Überlegungen eingeführt haben. Weltanschauungen sind nun mal Narrative, die bestehende Machstrukturen rechtfertigen sollen, und die Vertreter der Kirche und der Wissenschaft werden wegen ihrer Nützlichkeit geduldet. Dafür müssen sie einfach so tun, als könnten sie alle Probleme der Menschheit lösen und dem König niemals widersprechen. Die COVID-, Klima-, oder Energiestrategien eines Landes sind aus wissenschaftlicher Sicht immer gut, weil die Wissenschaftler sonst kein Geld bekommen. Ich übertreibe vielleicht ein wenig, aber der Interessenskonflikt ist offensichtlich, da die Forscher ihren Lohn direkt vom Staat beziehen. Es erstaunt immer wieder, wie häufig Forschungsergebnisse im Interesse des Auftraggebers ausfallen. Die Warnung Galileos aus dem Jahr 1615 ist somit ungehört geblieben, und nur so ist die Idee des nachhaltigen Wachstums als Antwort auf den Klimawandel zu verstehen. Diese neuste Inkarnation des Perpetuum Mobiles ist eher durch ihre politische Notwendigkeit als ihre physikalische Machbarkeit zu erklären.

Die Krise der Menschheit ist ein direktes Resultat unseres Weltbildes und deshalb nicht durch neue Technologie zu lösen. Hingegen wäre unabhängige Forschung, die nicht im Interesse der Geldvermehrung durchgeführt wird, sehr wichtig. Die Forschungsförderung führt aber dazu, dass die Universitäten heute keine Kraft des gesellschaftlichen Wandels sind und die Prophezeiung Galileos aus dem Bühnenstück von Bertolt Brecht sich leider bewahrheitet hat. Aus den Forschern ist “ein Geschlecht erfinderischer Zwerge” geworden, die für alles gemietet werden können.

Unter diesen ganz besonderen Umständen hätte die Standhaftigkeit eines Mannes große Erschütterungen hervorrufen können. Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden! Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können.

Brecht, Bertolt. Leben des Galilei

Heute brauchen wir aber keine Wissenschaft, um den schlechten Zustand unseren Planeten zu verstehen. Der grösste Vorteil einer Zeitreise ist vielleicht, dass sie die schleichende Verschlechterung der Umwelt gnadenlos offenbart. Wer zu den Orten seiner Kindheit zurückkehrt, stellt sehr schnell fest, dass die Wiesen und Wälder von damals, durch Strassen, Parkplätze, und Häuser ersetzt worden sind. Die biologische Vielfalt ist einer primitiven Konsumgesellschaft gewichen, was sicher nicht nachhaltig ist. Leider scheinen viele Menschen dies nicht zu verstehen, weil sie jeglichen Bezug zur Natur und zu biologischen Prozessen verloren haben. In der Generation meines Vaters ist praktisch jeder auf einem Bauernhof aufgewachsen und hat verstanden, wie Essen auf den Tisch kommt. Heute ist dies nicht mehr der Fall.

Es geht inzwischen, inmitten von Finanzkrise, Klimawandel, Ressourcenkonkurrenz und Globalisierung der Wirtschaftskreisläufe, schon längst nicht mehr um die Gestaltung einer offenen Zukunft: Aller Schwung ist dahin. Es geht nur mehr um Restauration; um die Aufrechterhaltung eines schon brüchig gewordenen Status quo, in diesem Sinn nicht mehr um Politik, sondern um hektisches Basteln.

Welzer, Harald. Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand
Eine letzte Warnung an die Menschheit von Ann-Margret Jönsson, geb. Nordborg.

Meine Mutter hat die Zusammenhänge der Natur intuitiv sehr gut verstanden. Mit unglaublicher Energie, Kreativität und künstlerischer Begabung schien sie sich zum Ziel gesetzt haben, die Welt noch schöner zu gestalten. Als sie im Alter von nur 47 Jahren an Krebs erkrankte, haben ihre Kräfte noch ausgereicht, um als Abschied eine letzte Warnung and die Menschheit zu schaffen. Entstanden ist dabei ein Wandteppich mit einer blutenden Erde unter einer kaputten Ozonschicht.

Einige Monate später, im Juni 1988, war sie tot. Den Wandteppich habe ich im Elternhaus wiedergefunden und in unserem Sommerhaus aufgehängt. Möge er dort künftige Generationen zum Nachdenken anregen.


Zeit zum Handeln

Nach meinem sechsmonatigen Sabbatical bin ich hochmotiviert in die Schweiz zurückgekehrt. Ich werde die mir verbleibende Zeit nutzen, um etwas Gutes zu tun.

Hier einige Links zu Aktivitäten, die in den letzten Monaten passiert sind.

  • Die Idee der globalen Klimakompensation hat eine eigene Webseite erhalten: Global Climate Compensation.
  • Ich habe die grossartige Klimajournalistin Rachel Donald kennengelernt. Sie hat den Podcast Planet: Critical ins Leben gerufen und mich eingeladen, über die Klimakompensation zu sprechen.
  • Meine Beiträge für higgs.ch sind vom Energieexperten Thomas Elmiger gerettet worden. Sie sind hier zu finden: Henrik Nordborg schreibt für Energie-Experten.
  • Als Physiker habe ich mich von Erwind Schrödinger, Ilya Prigogine und andere inspirieren lassen und arbeite jetzt an einer thermodynamischen Definition der Nachhaltigkeit. Einen ersten Vortrag zu diesem Thema durfte ich im August dieses Jahres an der CMD29 Konferenz in Manchester halten. Die Konferenz hatte nichts mit Nachhaltigkeit zu tun, aber die Organisatoren waren der Meinung, dass das Thema uns allen angeht.
  • Ich suche Partner für eine Beteiligung am MEER-Projekt (Solar Radiation Managment | Meer). Es geht darum, die Sonneneinstrahlung an geeigneten Orten mit Spiegeln abzuschirmen.

Was mich in den letzten Monaten besonders beeindruckt und gefreut hat ist die Tatsache, dass immer mehr Entscheidungsträger der Wirtschaft die Notwendigkeit des Handelns einsehen. Es laufen auch Aktivitäten über die ich im Moment nichts sagen darf 😊.

PS: Ich habe im obigen Text bewusst auf gendergerechte Sprache verzichtet. Die Welt der Vergangenheit war männerdominiert, und ich möchte nicht die Frauen für unsere Probleme verantwortlich machen.

That Sinking Feeling

Imagine that we are all on board a sinking ship. There are big holes in the hull, and we are taking in water at an increasing rate. Various people are pretending to do something about it. The scientists are trying to figure out how much water the ship can hold before it sinks. The engineers are designing pumps to keep the leaking ship afloat. The economists just want to keep the casino open. And everyone agrees that it will be the people traveling in third class who will drown first. Strangely enough, very few people seem interested in plugging the holes. On the contrary, the most lucrative job on the ship is drilling new ones. The second most lucrative is making sure that poor people remain on the lower decks.

When it comes to climate change, this metaphor is too close for comfort ….

Full text here: https://henriknordborg.substack.com/p/can-we-get-serious-now