Energie und Umwelt!

Frau Bundesrätin Simonetta Sommaruga und viele andere Politiker*innen haben sich vor zwei Jahren von der Klimajugend beeindruckt gezeigt. Das ist schön und gut, aber eigentlich sind es die gewählten Politiker*innen, die sich um die Zukunftsstrategie der Nation kümmern sollten, und nicht die Schulkinder.

Ich bin auch von der Klimajugend und ihrem Climate Action Plan begeistert. Sorgen macht mir eher die Nicht-Klimajugend. Wir dürfen nicht vergessen, dass die grosse Mehrheit der Jugendlichen sich anscheinend gar nicht für ihre eigene Zukunft interessiert. Wenn Studierende unserer Hochschule eine Nachhaltigkeitswoche organisieren, sind leider nur einige Studiengänge vertreten. Die grosse Mehrheit der Studierenden scheint nicht verstanden zu haben, dass die Welt sich verändert hat. Das ist übrigens an der ETH nicht anders. Ich finde dieses Verhalten merkwürdig. Der Generalsekretär der UNO nennt es selbstmörderisch. Wer nicht bereit ist, auf einem sinkenden Schiff mit dem Pumpen auszuhelfen, ist nicht besonders schlau.

Die Studiengänge für Enerige- und Umwelttechnik aus der ganzen Schweiz haben ein Video gedreht, um auf die spannende Karrieremöglichkeiten in diesem Bereich aufmerksam zum machen. Wenn wir in diesem Tempo weiter ausbilden, schaffen wir die Energiewende nie.

Wir stehen vor gigantischen Herausforderungen. Ein Teil der Lösung wird sicher der komplette Umbau der globalen Energieinfrastruktur sein. Die Frage ist nur, wer die ganze Arbeit machen soll. Wer heute Energie und Umwelttechnik studiert, erwirbt nicht nur das richtige Wissen für die Zukunft, sondern hat bereits am Ende des Studiums das richtige Netzwerk für eine erfolgreiche und sinnstiftende Karriere.

Die Generalversammlung und der Frühlingsanlass von swisscleantech vom 3. Mai hat wieder gezeigt, wie schnell sich die Wirtschaft verändert. Die Mitglieder dieses Wirtschaftsverbandes haben mehr als 400’000 Angestellte und das Netzwerk wächst schnell. Die grösste Sorge dieser Firmen ist inzwischen, dass sie nicht genug qualifizierte Arbeitskräfte finden werden.

Übrigens, es lohnt sich, die Agenda 2030 von swisscleantech zu lesen. Sie fasst sehr gut zusammen, was wir tun müssen.

Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“

Klimaschutz ist kein Nebenjob

Die Klimakrise stellt junge Menschen vor eine schwierige Wahl. Wer verstanden hat, dass die Klimakrise nur durch einen globalen Systemwandel gelöst werden kann, muss dies auch bei der Karriereplanung berücksichtigen. Es macht keinen Sinn, tagsüber für eine Ölfirma zu arbeiten, um dann am Abend am Klimastreik teilzunehmen. Abgesehen davon, dass Ölfirmen eher schlechte Zukunftsaussichten haben.

Die Frage ist, ob ein potenzieller Arbeitgeber als Teil der Lösung oder als Teil des Problems gesehen werden kann. Eine Marketingfirma mit dem Ziel, den Konsum anzukurbeln, ist Teil des Problems. Das Gleiche gilt auch für Hersteller von SUVs und für Fluggesellschaften, um nur einige Beispiele zu nennen. Es gibt aber viele Firmen, die auch etwas Positives bewirken wollen. Einige davon findet man bei den Mitgliedern von swisscleantech. Diese Firmen setzen sich auch aktiv für die Annahme des neuen CO2-Gesetzes ein, das notwendig, aber sicher nicht hinreichend ist. Es werden weitere Massnahmen erforderlich sein, aber es geht im Moment darum, das eine zu tun und das andere nicht sein zu lassen. Oder wie die Amerikaner es sagen: You’ve got to be able to walk and chew gum simultaneously.

Leider bilden viele Hochschulen immer noch Menschen für die Gesellschaft und Wirtschaft von gestern aus. Sie wollen gut geschmierte Zahnrädchen für eine veraltete Maschine produzieren. Für junge Menschen ist die Aussicht auf einen gut bezahlten Job mit Dienstwagen vielleicht verlockend. Viele stellen sich vor, zuerst 10 Jahre Karriere zu machen, um Geld zu verdienen, bevor sie sich dann einer sinnvollen Tätigkeit widmen. Diese Überlegung ist aus zwei Gründen gefährlich: Der Ausstieg ist meistens schwieriger als man denkt und in 10 Jahren wird es zu spät sein, den Planeten zu retten. Der britische Journalist George Monbiot hat mehrmals darüber geschrieben, wie junge Menschen für sinnlose Tätigkeiten ausgebildet werden, die bald überflüssig sein werden:

Die Digitalisierung ist ein gutes Beispiel dafür, und das Urteil des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung in Deutschland hätte kaum härter ausfallen können:

Im Großen wirken Digitalisierungsprozesse heute eher als Brandbeschleuniger bestehender nicht nachhaltiger Trends, also der Übernutzung natürlicher Ressourcen und wachsender sozialer Ungleichheit in vielen Ländern.

WBGU, Unsere gemeinsame digitale Zukunft

Das Problem ist, dass die Digitalisierung hauptsächlich von gewinnoptimierenden Grossfirmen vorangetrieben wird. Damit ist nicht gesagt, dass sie keine positiven Auswirkungen haben könnte. Das Gleiche lässt sich aber über die Kernspaltung sagen.

Für junge Menschen, die etwas Positives bewirken wollen, gibt es aber genug Möglichkeiten. Hier meine Empfehlungen an die Jugend von heute:

  • Seid laut, kritisch, unartig und politisch aktiv. Damit die notwendigen Veränderungen schnell genug passieren, muss ein enormer politischer Druck aufgebaut werden.
  • Lernt etwas, das auch in einer post-fossilen und post-kapitalistischen Welt Sinn ergibt. Es ist zwecklos, sich für die Welt von gestern auszubilden.
  • Wählt ein Studium, bei dem die Dozierenden und die anderen Studierenden auch etwas Positives bewirken wollen. So macht es mehr Spass und der Lerneffekt ist grösser.

Es freut mich natürlich, wenn unsere Studierenden dies auch so sehen. Das Statement von Cornelia Haueisen zum Studium hat mich sehr beindruckt.

Weitere Videos zum Studiengang Erneuerbare Energien und Umwelttechnik an der OST sind hier zu finden. Ein Kurzbeschreibung des Studiums befindet sich auf unserem Blog.

Avoiding a Ghastly Future

An open letter to the authors of “Underestimating the Challenges of Avoiding a Ghastly Future” by Corey J. A. Bradshaw et al.

Dear authors:

I would like to thank you for writing this concise and yet comprehensive summary of the challenges we face. The article is mandatory reading for anyone interested humanity having a future, such as everyone having or planning to have children. Given that we only have one planet and human survival depends on it, elementary risk management dictates that we should only consider the worst-case scenarios. Viewed this way, our future does indeed look bleak.

Unfortunately, the conclusions of your paper seem strangely disconnected from the rest of it. We are not going to solve the sustainability crisis by being concerned, analyzing, or talking about it. George Monbiot recently wrote an article about the handling of the COVID-19 pandemic titled “Clueless”. It starts with the following sentence: “Here’s the chilling, remarkable thing that should be inscribed on everyone’s minds: there is no plan.” Unfortunately, the same is true for sustainability in general.

As the German author and journalist Philip Blom recently pointed out, the collective intelligence of humanity corresponds to that of a yeast cell. We gobble up all available resources, thereby destroying our environment, and then we die. The reason is not that humans are stupid and unable to understand what is going on. The problem is that we are trapped in a self-destructive economic system which forces us to act against our own interests.

None of the problems described in your paper can be solved within a global economic system built on competition. The reason is simple: no country is prepared to voluntarily sacrifice its competitiveness to save the environment. Everyone understands this. Some people therefore cling to the absurd idea that sustainable technology will make us more competitive and powerful, thereby eliminating the need for tough political decisions. This is complete malarkey as evidenced by the increase in global military spending. The world seems to be gearing up for the climate and resource wars of the future. And wars are not are not sustainable.

Saving humanity will require a global system which increases the cost of fossil fuel while providing climate justice through redistribution. In such a system, it would be in the national interest of every country to limit its greenhouse gas emissions. Furthermore, the system would also reduce the value of fossil fuel reserves, thereby relieving global tensions.

Fixing the problems you so expertly describe in your paper will be very expensive and is probably not compatible with a growing economy. We need a global system for sharing the costs. A surprisingly simple solution to this problem can be found here: www.global-climate-compensation.org. The idea would work, but it is politically difficult to implement. However, I prefer a politically difficult challenge to a physically impossible one.

We will never accomplish anything by simply pointing out problems. The time has come to use whatever influence we have a scientists and citizens to promote workable solutions. Or as poet laureate Amanda Gorman put it at the inauguration of President Biden:

The new dawn blooms as we free it.
For there is always light,
if only we’re brave enough to see it.
If only we’re brave enough to be it.

Amanda Gorman, The Hill We Climb

Truth is Incontrovertible

United wishes and good will cannot overcome brute facts. Truth is incontrovertible. Panic may resent it. Ignorance may deride it. Malice may distort it. But there it is.

Winston Churchill

Here is an interesting graph from September 2020 to start the new year.

https://climateactiontracker.org/global/cat-emissions-gaps

Obviously, the world is not even close to having an idea about a plan for preventing catastrophic climate change. It is a bit worrying when the two largest emitters of greenhouse gases are either “highly” or “critically” insufficient in meeting their climate protection goals.

There are two reasons for this sad state of affairs:

  1. By sticking to the idea of economic growth, governments have essentially been trying to square the circle by accomplishing something which is physically impossible.
  2. There is no incentive for politicians to admit their own inadequacy. When was the last time you heard about a politician who resigned because he realized that he was not up to the job?

This leaves us in a precarious situation, where the people entrusted with climate policy are either unable or unwilling to do what is required to prevent catastrophic climate change. Instead, they put on a charade of pretending to be concerned to appease the masses. If the last four years have taught us anything, it is that “telling the people the lies they want to hear” can be a successful and dangerous strategy.

The incontrovertible fact is that our current approach to tackling the climate crisis has failed and that the people in charge have no idea what to do next. It is therefore not enough to demand that our politicians do something. We need to tell them what to do!

Global Climate Compensation (GCC) offers a simple solution based on the idea that the people responsible for destroying the climate should pay for the damage done. It will not solve all our problems, but it would be a huge step in the direction. It is also completely risk-free and could be implemented immediately. It is a lot better than doing nothing

I am actively trying to promote GCC. Please let me know if you like the idea and believe that you can help.

Die ganze Welt ist eine Bühne

Die Klimakrise ist aber höchst real.

Im Jahr 1648 reiste Johan Axelsson Oxenstierna als offizieller Vertreter Schwedens an die Friedensverhandlungen in Westfalen. In einem Brief an seinen Vater, den schwedischen Reichskanzler Axel Oxenstierna, äusserte er seine Bedenken, dass er für die Aufgabe eventuell zu unerfahren sei. Dieser hat ihn aber mit folgendem Satz beruhigt: «Du ahnst nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.»

Im Jahr 2020 ist diese Einschätzung aktueller denn je. Im Weissen Haus sitzt ein Egomane, der sich weigert seine Wahlniederlage einzugestehen. Sein russisches Pendant ist etwas geschickter und stellt sicher, dass er die Wahlen jedes Mal gewinnt. In China werden gar keine Wahlen durchgeführt, was den administrativen Aufwand der Machterhaltung deutlich reduziert. Die Briten haben sich entschieden, den Brexit um jeden Preis umzusetzen, auch wenn das Volk dabei verhungern wird, während andere EU-Mitglieder immer grössere Mühe mit Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte bekunden. Zwischen Aserbaidschan und Armenien tobte ein kurzer Krieg, in dem die israelischen und türkischen Drohnen der Aserbaidschaner die armenische Armee in kürzester Zeit ausgeschaltet haben. Im automatisierten Hightech-Krieg der Zukunft sind die Menschen nur noch Kanonenfutter. Darüber wurde aber praktisch nichts berichtet, da die Medien zwischen Trump und der Pandemie schlicht keine Zeit dafür hatten. Und schliesslich hat COVID-19 gezeigt, dass jedes Thema politisiert werden kann, weil das Internet zu einem Selbstbedienungsladen für alternative Fakten mutiert ist. Wie erkläre ich meinen Kindern, dass wir von Egoisten, Hohlköpfen und Psychopathen regiert werden? Zum Glück haben sie es schon längst begriffen.

Dabei hätten wir eigentlich eine Klimakrise zu bewältigen. November 2020 war der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen und die CO2-Konzentration der Atmosphäre ist höher als jemals zuvor in den letzten drei Millionen Jahren. Es ist inzwischen klar, dass die bisherige Erderwärmung von “nur” einem Grad verheerende Auswirkungen hatte und es ist ebenso klar, dass junge Menschen, die wie meine Kinder im 21. Jahrhundert geboren sind, mit einem weiteren Temperaturanstieg von mindestens einem Grad fertig werden müssen.

Leider gibt es auch nach 25 Klimakonferenzen der UNO nicht mal ansatzweise einen Plan, um die Klimazerstörung zu stoppen. Das Problem lässt sich graphisch sehr schön darstellen.

Es geschehe ein Wunder!

Das Diagramm enthält nur öffentlich verfügbare Daten. Die durchgezogenen Kurven zeigen das weltweite inflationsbereinigte Bruttoinlandprodukt (GDP) in Billionen USD (blau) und die globalen jährlichen CO2-Emissionen in Gigatonnen (rot). Wenn man die Achsen richtig skaliert, ist die enge Korrelation der beiden Grössen offensichtlich. Die gestrichelte blaue Kurve stellt ein jährliches Wirtschaftswachstum von +2% dar, was von den G20-Staaten als Minimalziel für die nächste Zukunft erachtet wird. Die gestrichelte rote Kurve zeigt eine Halbierung der CO2-Emissionen innerhalb von 10 Jahren oder eine jährliche Reduktion von 6.7%, wie es vom Pariser Klimaabkommen verlangt wird. Die Regierungen der Welt haben somit Ziele festgelegt, die sich wahrscheinlich gegenseitig ausschliessen. Wer die Quadratur des Kreises zum politischen Programm macht, wird seine Wähler*innen bald enttäuschen.

Wenn ich öffentliche Klimavorträge halte, fängt das Publikum spätestens an diesem Punkt an zu lachen. Man muss weder Ökonom noch Wissenschaftler sein, um zu verstehen, was hier gespielt wird. Axel Oxenstierna hätte es sofort verstanden, Machiavelli auch. Wenn die Mächtigen von den langfristigen Konsequenzen ihres Handelns nichts zu befürchten haben, entscheiden sie sich immer für den kurzfristigen Gewinn. Wenn Politik und Wirtschaft von älteren vorwiegend weissen Männern kontrolliert werden, ist nichts Anderes zu erwarten. In der Privatwirtschaft wird häufig von «Dogfooding» gesprochen: die Mitarbeiter*innen eines Unternehmens müssen im übertragenen Sinn «das eigene Hundefutter essen», um die Qualität zu garantieren. Softwareentwickler sollen die eigene Software nutzen, Mitarbeiter eines Autoherstellers sollen nicht lieber mit den Autos der Konkurrenz fahren und das Personal von McDonalds soll auch bereit sein, ab und zu einen Hamburger zu essen. Die Reichen und Mächtigen dieser Welt, die für die globale Wirtschaftspolitik zuständig sind, müssen sich wegen der Klimaerwärmung wenig Sorgen machen, da sie alt und reich genug sind, um sich von den Konsequenzen freikaufen zu können.

Galileo Galilei wurde im Jahr 1633 zu Hausarrest verurteilt, weil er die Wahrheit über die Bewegung der Planeten gelehrt hatte. Interessanterweise scheint er das Universum viel besser verstanden zu haben als seine Mitmenschen, denn er versuchte die katholische Kirche mit Fakten zu überzeugen. Dies ist eine weit verbreitete Berufskrankheit der Wissenschaftler, die immer davon ausgehen, dass der politische Gegner sich für die Wahrheit interessiert. Dabei war es im 17. Jahrhundert dem Papst ziemlich egal, welcher Planet sich um welchen drehte. Wichtiger war, dass die Kirche ihre Deutungshoheit des Weltgeschehens behalten konnte. Der Klerus hat mit allen Mitteln versucht, die wissenschaftliche Revolution aufzuhalten, was ihm in den katholischen Ländern auch teilweise gelungen ist. Die protestantischen Fürsten, denen es vor allem darum ging, die Macht des Papstes zu schwächen, waren eher für neue Ideen offen. Ihre Kanonen haben vielleicht mehr für die Verbreitung der Wissenschaft geleistet als Galileo. Ein hochgradig ketzerischer Gedanke.

Die Moral der Geschichte ist einfach: es geht immer nur um Macht. Die Reichen und Mächtigen der Welt interessieren sich nicht für die Wissenschaft per se, sondern nur für ihre Nützlichkeit. Die Erforschung der Welt dient nur ihrer Ausbeutung und wissenschaftliche Erkenntnisse, welche die bestehende Gesellschaftsordnung in Frage stellen, waren aber nie beliebt.

Deshalb ist die Grafik oben so wichtig. Ein gewisser Optimismus bezüglich der Möglichkeiten neuer Technologien ist vollkommen in Ordnung, aber auf ein Wunder zu hoffen ist keine Strategie. Es besteht ein Unterschied zwischen Optimismus und Fanatismus. Obwohl eine vollständige Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch als sehr unwahrscheinlich erscheint, gilt «nachhaltiges Wachstum» in der Politik als einzige «realistische Lösung» der Klimakrise. Das Primat des Kapitals steht nicht zur Diskussion, so wie die Lehren Aristoteles vor 400 Jahren nicht durch physikalische Beobachtungen in Frage gestellt werden durften. «Meine Herren, ich ersuche Sie in aller Demut, Ihren Augen zu trauen» lässt Bertolt Brecht Galileo sagen. Ich kann diese Aufforderung nur mit zunehmender Verzweiflung wiederholen.

«Die ganze Welt ist Bühne und alle Fraun und Männer bloße Spieler» schrieb ein berühmter Zeitgenosse Alex Oxenstiernas. Wir können davon ausgehen, dass der Autor von Werken wie «Richard III», «King Lear» oder «Julius Caesar» die heutige Lage der Menschheit sehr schnell und treffend analysiert hätte. Denn es geht beim Klimaschutz nicht um Forschung oder Technik. Es geht um Gier, Macht und Geld. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt und dessen Lösung ebenso: die Förderung fossiler Brennstoffe muss so schnell wie möglich gestoppt werden! Leider hätte diese Entscheidung dermassen grosse gesellschaftliche Auswirkungen, «daß wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehn.»

So wird seit Jahrzehnten Theater gespielt, ohne dass jemand sich traut, das tatsächliche Problem beim Namen zu nennen. Die Klimaforscher tun so als würden wir noch mehr Klimadaten brauchen, obwohl wir mehr als genug wissen um zu handeln. Die Ingenieure wollen die Klimakrise mit Elektromobilität und erneuerbaren Energien lösen, die Informatiker mit Digitalisierung, die Ökonomen mit Wirtschaftswachstum, und die Politiker am liebsten gar nicht, wenn es sie Stimmen kosten könnte. Wir spielen alle unsere Rollen mit dem Ziel, die nächste Lohnzahlung zu erhalten und vergessen dabei, dass die Klimakrise so nicht gelöst werden kann. «Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral». Das Resultat ist eine Folge ungenügender Massnahmen, die uns in die Katastrophe führen.

Dabei wäre eine Lösung der Klimakrise gar nicht so schwierig, wenn wir uns von der Vorstellung des ewigen Wachstums lösen würden. Wie Einstein so richtig festgehalten hat, können wir Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Die Industrienationen sind durch übermässigen Ressourcenverbrauch reich geworden und haben dadurch die Klimaerwärmung und viele andere Problemen verursacht. Sie haben jetzt sowohl die finanziellen Mittel wie auch die moralische Verantwortung, diese Probleme zu lösen, wie sie auch in der «United Nations Framework Convention on Climate Change» aus dem Jahr 1992 festgehalten haben.

Wir zahlen jetzt aber den Preis dafür, dass wir die Welt weitgehend privatisiert haben. Vor Kurzem nahm ich an einem Podiumsgespräch mit hochkarätigen Vertretern der Finanzbranche teil. Unter dem Titel «Finance in Climate» wurde über die Auswirkungen des Klimawandels auf Geldanlagen gesprochen. Positiv dabei war die Feststellung, dass die fossilen Energieträger ausgedient haben. Wer heute noch in Öl-, Kohle-, oder Gasfirmen investiert, verschenkt einfach sein Geld. Ein Beispiel: während die Aktienkurse von BP und Shell im Jahr 2020 um mehr als ein Drittel eingebrochen sind, ist der Börsenkurs des dänischen Windkraftherstellers VESTAS um 100% gestiegen. Die schlauen Anleger haben die Zeichen der Zeit erkannt und verlassen das sinkende Schiff.

Dass Anleger und Finanzinstitute Geld verdienen wollen, ist nicht erstaunlich und vielleicht nicht mal verwerflich. Schwierig wird es, wenn Geldvermehrung zum einzigen Ziel menschlichen Handelns wird. Hinter Begriffen wie «private-public- partnership» und «green investing» versteckt sich die traurige Wahrheit, dass Probleme der heutigen Welt nur dann lösbar sind, wenn sich jemand dadurch bereichern kann. Heute besitzen 1% der Superreichen mehr als die restlichen 99% der Weltbevölkerung. Sie sind gerne bereit, etwas für die Rettung der Welt zu tun, wenn sie dadurch noch reicher werden können. Die Bemerkung, dass sie unrechtmässig reich geworden sind, weil sie ihr Vermögen mit nicht-nachhaltigen Investitionen aufgebaut haben, führt im Kreis der Reichen zum Eklat. Dabei sind es gerade sie, die durch ihren Lebensstil den Planeten am stärksten belasten.

Die Grafik oben zeigt somit die intellektuelle Kapitulation der Menschheit vor dem Primat des Kapitals. Von bestehenden Machtstrukturen werden wir gezwungen, auf dem Weg des Wachstums weiter ins Ungewisse zu laufen und hinter uns die Brücken zu verbrennen. Wir wissen nicht was wir tun und welche Auswirkungen es haben wird. Sicher ist nur, dass wir es nicht mehr rückgängig machen können. Wenn wir in 10 Jahren feststellen, dass eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch unmöglich ist, wird es längst zu spät sein. Wie Soldaten in einer längst verlorenen Schlacht machen wir einfach weiter, ohne den Sinn des letzten Befehls zu hinterfragen. Wir sind in einer Falle der gefühlten Ausweglosigkeit gefangen und können uns nicht mehr vorstellen, dass es anders sein könnte.

Man kann heute keine Diskussion über die Zukunft führen, ohne auf die Globalisierung einzugehen. Ihre ideologische Seite besteht darin, alle anwachsenden Zumutungen im Kapitalismus als Wirkung eines objektiven Prozesses zu deuten, auf den man keinen Einfluss habe.

Gregor Gysi

Dabei könnte alles anders sein. Die Reise Johan Oxenstiernas nach Westfalen wurde dadurch veranlasst, dass ein deutscher Mönch namens Martin Luther etwa 130 Jahre früher seine 95 Thesen in Wittenberg vorgelegt hatte. Er hat darin das Geschäft mit dem Ablasshandel in Frage gestellt und viele Kritikpunkte rhetorisch geschickt als naive Fragen formuliert: «Warum baut der Papst, der heute reicher ist als der reichste Crassus, nicht wenigstens die Kirche St. Peter lieber mit seinem eigenen Geld als dem der armen Gläubigen?» Eine berechtige Frage. Ihre heutige Entsprechung wäre die Frage, wieso wir immer noch über globale Armut diskutieren, wenn die Superreichen das Problem morgen lösen könnten.

Heute brauchen wir wieder eine Reformation des Denkens, die uns erlaubt, die intellektuelle Zwangsjacke des Kapitalismus abzuwerfen. Der Homo Oeconomicus wird die Klimakrise nicht lösen können, der Homo Sapiens vielleicht schon. Wir müssen uns wieder darauf besinnen, dass Fragen ohne Antworten wertvoller sind als Antworten, die nicht hinterfragt werden dürfen.

Viele Ökonomen können sich eine Welt ohne Wirtschaftswachstum nicht vorstellen. Dies ist schon etwas fantasielos, denn ich kann mir eine Welt ohne Ökonomen sehr gut vorstellen. Um die gesellschaftliche Debatte etwas zu beleben und ein paar Gedanken anzuregen, lege ich gleich folgende Thesen für das neue Jahr vor:

  • Selbstverständlich können wir die Klimazerstörung stoppen, da diese zu 100% von menschlichen Aktivitäten verursacht wird. Dass der grösste Teil der Klimazerstörung auf Luxuskonsum der reichen Länder zurückzuführen ist, macht die Lösung des Problems noch einfacher.
  • Ob wir die Klimazerstörung aufhalten wollen, ist hauptsächlich eine ethische Frage und hat nichts mit Wissenschaft und Wirtschaft zu tun. Es geht gar nicht um Geld, sondern um das Überleben der Menschheit und den einzig bewohnbaren Planeten im uns bekannten Universum.
  • Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Der Planet ist dermassen komplex, dass nur ein Verrückter sich anmassen würde, die Kosten des Klimaschutzes den wirtschaftlichen Schäden der Klimaerwärmung gegenüberzustellen, um ein Optimum zu finden. Leider hat er dafür Wirtschaftsnobelpreis erhalten.
  • In der Vergangenheit war es nicht notwendig, die Zukunft vorherzusagen, weil das Klima stabil war. Es gab im Wesentlichen nur jährliche Schwankungen, denen man sich anpassen konnte. Es gibt viele Bäume, die älter als 1000 Jahre sind. Der Grund dafür ist, dass die mittlere Temperatur der Welt sich während dieser Zeit um weniger als 0.2°C verändert hat. Heute steigt die Temperatur um mehr als 0.2° pro Dekade. In der Zukunft wird es sicher keine Wälder mit alten Bäume geben.
  • Wir müssen den Gedanken akzeptieren, dass Klimaschutz mit Wirtschaftswachstum wahrscheinlich nicht vereinbar ist. Im Moment haben wir für diesen Fall keinen Plan.
  • Es gibt keine nationalen Klimaziele, sondern nur ein globales. Internationale Zusammenarbeit ist angesagt.
  • Es gibt keinen Widerspruch zwischen Klimaschutz und Vollbeschäftigung. Günstige fossile Brennstoffe fördern Globalisierung und Automatisierung, wodurch Arbeitsplätze abgebaut werden.
  • Es gibt einen Widerspruch zwischen Klimaschutz und Kapitaleinkommen. In einer nachhaltigen Welt wird man wieder arbeiten müssen, um Geld zu verdienen.
  • Was uns in den vergangenen 30 Jahren als Klimapolitik verkauft wurde, war ein verzweifelter Versuch, ein bankrottes System zu retten. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder und jedes Mal als Tragödie. Der Versuch, die europäischen Monarchien zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu retten, hat viele Tote hinterlassen. Beim Versuch, den Kapitalismus zu retten, könnten noch mehr Leute sterben.

Ich gebe offen zu, dass ich beim Nachdenken über den Zustand der Welt sowohl Wut wie auch Trauer verspüre. Trauer über das bereits Verlorene. Wut darüber, dass wir die Zerstörung der Zukunft unserer Kinder tatenlos hinnehmen.

Dabei gäbe es viel Grund zum Optimismus. Der Planet ist immer noch bewohnbar und der Sonne ist es sowieso egal, was wir auf der Erde machen. Wenn wir mit der Zerstörung des Planeten rechtzeitig aufhören, könnte sich die menschliche Zivilisation während Jahrtausenden noch positiv weiterentwickeln. Wir müssen es aber nicht nur wollen, sondern auch den Mut haben, eine Zukunft für unsere Kinder einzufordern.

Ohne einen Plan geht aber gar nichts, weshalb ich einen entwickelt habe: Die globale Klimakompensation. Mit dieser kann die Klimaerwärmung gestoppt, die globale Armut abgeschafft, die Flüchtlingskrise beendet und für mehr internationale Stabilität gesorgt werden. Plötzlich könnten unsere Kinder wieder Kinder sein und mit Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft schauen. Wenn sich das WEF wirklich für das Wohlergehen der Menschheit interessieren würde, könnten ihre prominenten Mitglieder die globale Klimakompensation morgen umsetzen. Als Konsequenz würden sie vielleicht künftig auf ihre Business Jets verzichten müssen.

Und damit sind wir beim Kern des Problems angekommen. Mit der Globalisierung hat sich der Kapitalismus von den Fesseln der Demokratie befreit. Die Menschen, die ihre Kinder noch lieben, haben nicht die Macht, die Klimaerwärmung zu stoppen. Die Mächtigen wollen es nicht. Hier müssen wir ansetzen. Wir können nicht zulassen, dass eine kleine Gruppe von Menschen, die weder gewählt wurden noch sonst irgendwelche politische Legitimität haben, die Zukunft unserer Kinder zerstören.

Kehren wir doch die Feststellung von Edmund Burke, Albert Einstein und anderen für einmal um: damit das Gute gewinnt müssen anständige Menschen etwas Rückgrat zeigen. In zehn Jahren wird es zu spät sein, die Klimazerstörung zu stoppen, und wir werden zehn Jahre älter sein. Die Zeit zum Handeln ist jetzt.

Ein am 25. Juli 1654 datierter Brief beginnt mit dem Satz «Mein lieber Sohn» und endet mit «Dein treuer Vater, solange ich noch lebe, Axel Oxenstierna». Memento mori. Auf der Rückseite hat der Adressat, Graf Erik Oxenstierna folgende Bemerkung hinzugefügt: «Dies ist der letzte Brief meines verehrten Herrn Vaters». Aus den isländischen Sagen der Wikinger ist folgender Hinweis überliefert worden:

Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
endlich stirbt man selbst;
doch eines weiß ich, daß immer bleibt:
das Urteil über den Toten.

Hávamál

Wer den Sinn des Lebens nur in der Vermehrung materiellen Eigentums sieht, wird nicht als Vorbild oder wegen seines Charakters in Erinnerung bleiben, sondern hauptsächlich als Entsorgungsproblem.

Ich wünsche allen ein aufgeklärtes und gesundes neues Jahr!