Feierabendgespräch an der OST
Mittwoch, 25. März 2026, Hörsaal 3.008
Unser Wirtschaftssystem basiert auf zwei Annahmen: Naturressourcen sind in unbegrenzter Menge vorhanden und sind deshalb billig, während das Geld knapp und wertvoll ist. Beide Annahmen sind falsch, was nichts daran ändert, dass viele Menschen felsenfest daran glauben. Das Phänomen ist uns sonst aus der Welt der Religionen bekannt.
Der amerikanische Ökonom John K. Galbraith hat im Jahr 1958 die Wirtschaftstheorie als die «etablierte Meinung» (englisch: «conventional wisdom») beschrieben, die nicht dadurch charakterisiert ist, dass sie stimmt, sondern nur dadurch, dass sie allgemein akzeptiert ist. Er schreibt:
In gewisser Weise ist die Artikulation der etablierten Meinung ein religiöses Ritual. Es ist ein Akt der Bekräftigung, ähnlich dem Vorlesen aus der Heiligen Schrift oder dem Kirchgang. Der Geschäftsleiter, der einer Mittagsrede über die unveränderlichen Tugenden der freien Marktwirtschaft lauscht, ist bereits überzeugt – ebenso wie seine Mitzuhörer –, und alle sind sich ihrer Überzeugungen sicher. Tatsächlich, obwohl eine Haltung gespannter Aufmerksamkeit erforderlich ist, mag es der Geschäftsleiter nicht für notwendig halten, wirklich zuzuhören. Doch er besänftigt die Götter, indem er am Ritual teilnimmt.

In unserer Gesellschaft ist die Religion grösstenteils durch den Kapitalismus ersetzt worden. Oder, besser gesagt, der Kapitalismus ist die neue Religion. Und die Funktion einer Religion ist zu verhindern, dass «die Armen die Reichen umbringen» (Napoleon Bonaparte).
An diesem Abend werden wir den Kapitalismus analysieren. Wir werden uns anhand einiger einfacher Beispiele verschiedene Wirtschaftssysteme anschauen und vergleichen. Wir werden sehen, wie der Kapitalismus in der Sprache der Regelungstechnik als positiver Feedbackloop beschrieben werden kann, der exponentielles Wachstum erzeugt. Nun ist aber exponentielles Wachstum auf einem endlichen Planeten auf Dauer keine gute Lösung und die daraus resultierende Vermögensverteilung verträgt sich schlecht mit der Grundidee einer Demokratie.
Jeder, der an unbegrenztes Wachstum von etwas Realem auf einem endlichen Planeten glaubt, ist entweder verrückt oder ein Ökonom. – Kenneth E. Boulding
Ein perfektes Wirtschaftsmodell zu designen, ist schwierig. Das Ziel der Veranstaltung ist es nur, etwas Besseres als den Kapitalismus zu entwickeln.
Vortrag auf Youtube:
Ein EEU-Seminar des Studiengangs Erneuerbare Energien und Umwelttechnik.
Foliensatz als PDF: