Das Gespenst der Fakten

Galileo Galilei vor der Inquisition (Quelle)

Keep your facts. I’m going with the truth

Stephen Colbert

Als Physiker ist es sehr ärgerlich festzustellen, dass die naturwissenschaftliche und technische Forschung nicht in der Lage sein wird, das Nachhaltigkeitsproblem der Menschheit zu lösen. Vielmehr sind Verhaltensänderungen der Bevölkerung und eine komplette Transformation des Wirtschaftssystems erforderlich.

Zu diesem Zweck habe ich einige wichtige Fakten in einem Manifest zusammengefasst:

Das Gespenst der Fakten (PDF)

Hoffentlich regt der Text zum Nachdenken an. Ich freue mich auf Rückmeldungen.

European Energy Independence

A phenomenon noticeable throughout history regardless of place or period is the pursuit by governments of policies contrary to their own interests. Mankind, it seems, makes a poorer performance of government than of almost any other human activity. In this sphere, wisdom, which may be defined as the exercise of judgment acting on experience, common sense and available information, is less operative and more frustrated than it should be. Why do holders of high office so often act contrary to the way reason points and enlightened self-interest suggests? Why does intelligent mental process seem so often not to function?

Tuchman, Barbara W., The March of Folly: From Troy to Vietnam.
Global Energy System based on 100% Renewable Energy – Power, Heat, Transport and Desalination
Sectors. (Full study here)

The questions posed by the American Historian Barbara W. Tuchman are indeed puzzling and very relevant. Humanity has been almost unimaginably successful in eradicating disease, improving food security, and raising quality of life through agricultural, technical and medical advances. Almost all this progress was based on science. With the internet, everybody on the planet has access to this science and knowledge. Nonetheless, our species now seems intent on committing ecological suicide through climate change in the near future. Why?

Consider the situation from the European perspective:

  1. Climate change represents a clear and present danger, which will have disastrous consequences for anyone younger than 30 years of age. If you want a good update on the seriousness of the situation, I recommend the video Climate Change – The Facts with David Attenborough. It takes an hour to watch, but it is an hour well spent. The video is also available on Youtube.
  2. Simultaneously, a recent study from the Energy Watch Group and the LUT University in Finland points out that decarbonizing the economy would not only save humanity but also lower energy costs. After an initial investment, which requires a lot of capital, operational expenses of wind and solar power plants are very low. I am not saying that I believe all the conclusions of this report, but it is possible to argue that renewable energy is a lot cheaper than fossil fuel.
  3. At the moment, capital is available. However, many economists warn that the next financial crisis is just around the corner and that it will be worse than 2008. If we invest in renewable energy today, the money will be safe. A stock market crash changes many things, but it does not stop wind turbines from turning.
  4. We also know that Europe is currently extremely dependent on imported fossil fuel, spending roughly EUR 266 billion annually to import pollution and support various undemocratic regimes. Clearly, this dependence on imported energy represents a huge geopolitical risk. A renewable energy system would be decentralized and therefore less vulnerable.
  5. A significant part of the money not spent on buying fossil fuel, would be spent on creating local jobs in European countries. This money would reduce social tensions.

In other words, it would be possible for the European Union to launch a massive Energy Independence Initiative, which would cut CO2 emissions, cut energy costs, create a lot of jobs, and make Europe less dependent on foreign powers. For some reason, this does not happen.

I am willing to team up with anyone – researchers, companies, inventors – to start such an initiative. Any takers?

Concerns of young protesters are justified

This makes me feel somewhat more optimistic about the state of the world. The letter organized by scientists for future was just published in Science:

Science 12 Apr 2019: Vol. 364, Issue 6436, pp. 139-140 DOI: 10.1126/science.aax3807

My brother and 8 colleagues from the HSR signed too. A complete list of the signatories is available.

We see it as our social, ethical, and scholarly responsibility to state in no uncertain terms: Only if humanity acts quickly and resolutely can we limit global warming, halt the ongoing mass extinction of animal and plant species, and preserve the natural basis for the food supply and well-being of present and future generations. This is what the young people want to achieve. They deserve our respect and full support.

Scientists4Future

Weltweiter Klimastreik am 15. März 2019

Der neuste Blog-Beitrag von Prof. Dr. Reto Knutti zu den Klimastreiks ist sehr lesenswert: Warum wir uns einmischen.

Klimastreik und #ScientistsForFuture

Ich habe auch den Aufruf Scientists for Future unterschrieben und werde am 15. März an der Polyterrasse dabei sein. Die Zeit zum Handeln ist jetzt und der Klimastreik bietet eine Möglichkeit dazu!

Die HSR in Rapperswil engagiert sich auch für die Nachhaltigkeit. Es würde mich freuen, mit Ihnen am Infotag (16.3.2019) oder während der Nachhaltigkeitswoche (25.3.2019 – 30.3.2019) ins Gespräch zu kommen. Auch der Vortrag am 26. März könnte spannend werden.

PS: Offensichtlich haben bereits über 12000 Wissenschaftler den Aufruf Scientists for Future unterschrieben. Hier eine ausführliche Stellungnahme: Keine Ausreden mehr.

Nicht absent, sondern präsent!

Vor langer Zeit ist mir eine wunderbare Zukunftsvision aus den 50er Jahren in die Hände gefallen. Der Autor, ein deutscher Ingenieur, hat begeistert über die technische Entwicklung der Haushaltgeräte berichtet. Vom Kochherd bis zur Waschmaschine wurden, nach seiner Einschätzung, alle Geräte einfacher zu bedienen. Seine Schlussfolgerung: Die Hausfrauen der Zukunft werden wohl nur einige Knöpfe drücken müssen. Die Vorstellung, dass auch Frauen berufstätig sein wollen oder dass die Männer im Haushalt aushelfen können, war zu visionär. Für den Autor war Innovation ein technisches Gerät mit vielen Knöpfen.

Die Geschichte zeigt exemplarisch, wie eingeschränkt das Denken vieler Menschen ist. Der Physiker Max Planck hat schon festgestellt, dass der wissenschaftliche Fortschritt nur durch das Aussterben älterer Professoren möglich ist. Da wir Menschen immer älter werden, ist die Gefahr gross, dass wir in alten Denkmustern erstarren. Besonders problematisch ist dies, wenn Politiker nicht rechtzeitig abtreten wollen. Zugegebenermassen ist das Alter das kleinste Problem von Donald Trump, aber er sollte lieber seinen wohlverdienten(?) Ruhestand geniessen, statt Politik zu machen. Dies ist kein Votum gegen alte Menschen, aber wieso soll ein 72-jähriger über die Zukunft entscheiden?

Mit der Klimaerwärmung ist die Menschheit anscheinend in diese Falle des erstarrten Denkens getappt. Das Problem fängt schon bei der Formulierung der Kernfrage an. Können wir die Klimaerwärmung stoppen? Die richtige Frage wäre, ob wir mit der Klimazerstörung aufhören wollen. Ohne uns Menschen hätte das Klima nämlich gar keine Probleme. Und die Antwort lautet, dass wir dies wollen müssen. Sonst haben unsere Kinder keine Zukunft, was sie, angeführt von der Jeanne d’Arc der Klimabewegung Greta Thunberg, auch festgestellt haben.

Die gute Nachricht ist, dass wir die Klimazerstörung noch stoppen können, wenn wir mit dem Verbrauch fossiler Brennstoffe aufhören und unsere Essgewohnheiten drastisch ändern. Dafür muss, in den Köpfen vieler Menschen, ein transformatives Umdenken stattfinden. Das Klimaproblem lösen wir nicht, indem wir Benzin- und Dieselautos durch Elektroautos ersetzten, sondern durch eine Neudefinition der Mobilität. Auch das Wirtschaftswachstum und das Wesen des globalen Kapitalismus müssen ernsthaft hinterfragt werden. Eine spannendere politische Aufgabe kann man sich wohl kaum vorstellen. Schnelles Umdenken tut not, da wir sonst Gefahr laufen, grosse Fehlinvestitionen in Infrastruktur und Ausbildung zu tätigen. Sind sechsspurige Autobahnen, eine zweite Gotthardröhre, ein Ausbau des Flughafens Zürich und grosse Investitionen in die Informatikbildung die richtige Antwort auf eine Klimakrise? Wie ein Jugendfreund von mir es mal so schön formuliert hat: «Die Politik will nichts verändern und dies sehr schnell».

Dies macht die jüngsten Klimaproteste der Schüler so aufregend. Sie sind als eine Herausforderung der Jugend an die Erwachsengeneration, zu der ich auch gehöre, zu deuten: «Könnt Ihr noch denken und wollt Ihr noch führen? Wenn nicht, dann macht bitte die Bühne frei für Leute, die noch kreativ sind und Ideen haben». Die Schüler und Schülerinnen, die auf die Strasse gehen, sind nicht unerlaubterweise von der Schule abwesend, sondern in der Politik sehr präsent. Wir Erwachsene müssen wählen, ob wir für oder gegen die eigenen Kinder kämpfen wollen. Ich habe mich schon entschieden!