Die ganze Welt ist eine Bühne

Die Klimakrise ist aber höchst real.

Im Jahr 1648 reiste Johan Axelsson Oxenstierna als offizieller Vertreter Schwedens an die Friedensverhandlungen in Westfalen. In einem Brief an seinen Vater, den schwedischen Reichskanzler Axel Oxenstierna, äusserte er seine Bedenken, dass er für die Aufgabe eventuell zu unerfahren sei. Dieser hat ihn aber mit folgendem Satz beruhigt: «Du ahnst nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.»

Im Jahr 2020 ist diese Einschätzung aktueller denn je. Im Weissen Haus sitzt ein Egomane, der sich weigert seine Wahlniederlage einzugestehen. Sein russisches Pendant ist etwas geschickter und stellt sicher, dass er die Wahlen jedes Mal gewinnt. In China werden gar keine Wahlen durchgeführt, was den administrativen Aufwand der Machterhaltung deutlich reduziert. Die Briten haben sich entschieden, den Brexit um jeden Preis umzusetzen, auch wenn das Volk dabei verhungern wird, während andere EU-Mitglieder immer grössere Mühe mit Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte bekunden. Zwischen Aserbaidschan und Armenien tobte ein kurzer Krieg, in dem die israelischen und türkischen Drohnen der Aserbaidschaner die armenische Armee in kürzester Zeit ausgeschaltet haben. Im automatisierten Hightech-Krieg der Zukunft sind die Menschen nur noch Kanonenfutter. Darüber wurde aber praktisch nichts berichtet, da die Medien zwischen Trump und der Pandemie schlicht keine Zeit dafür hatten. Und schliesslich hat COVID-19 gezeigt, dass jedes Thema politisiert werden kann, weil das Internet zu einem Selbstbedienungsladen für alternative Fakten mutiert ist. Wie erkläre ich meinen Kindern, dass wir von Egoisten, Hohlköpfen und Psychopathen regiert werden? Zum Glück haben sie es schon längst begriffen.

Dabei hätten wir eigentlich eine Klimakrise zu bewältigen. November 2020 war der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen und die CO2-Konzentration der Atmosphäre ist höher als jemals zuvor in den letzten drei Millionen Jahren. Es ist inzwischen klar, dass die bisherige Erderwärmung von “nur” einem Grad verheerende Auswirkungen hatte und es ist ebenso klar, dass junge Menschen, die wie meine Kinder im 21. Jahrhundert geboren sind, mit einem weiteren Temperaturanstieg von mindestens einem Grad fertig werden müssen.

Leider gibt es auch nach 25 Klimakonferenzen der UNO nicht mal ansatzweise einen Plan, um die Klimazerstörung zu stoppen. Das Problem lässt sich graphisch sehr schön darstellen.

Es geschehe ein Wunder!

Das Diagramm enthält nur öffentlich verfügbare Daten. Die durchgezogenen Kurven zeigen das weltweite inflationsbereinigte Bruttoinlandprodukt (GDP) in Billionen USD (blau) und die globalen jährlichen CO2-Emissionen in Gigatonnen (rot). Wenn man die Achsen richtig skaliert, ist die enge Korrelation der beiden Grössen offensichtlich. Die gestrichelte blaue Kurve stellt ein jährliches Wirtschaftswachstum von +2% dar, was von den G20-Staaten als Minimalziel für die nächste Zukunft erachtet wird. Die gestrichelte rote Kurve zeigt eine Halbierung der CO2-Emissionen innerhalb von 10 Jahren oder eine jährliche Reduktion von 6.7%, wie es vom Pariser Klimaabkommen verlangt wird. Die Regierungen der Welt haben somit Ziele festgelegt, die sich wahrscheinlich gegenseitig ausschliessen. Wer die Quadratur des Kreises zum politischen Programm macht, wird seine Wähler*innen bald enttäuschen.

Wenn ich öffentliche Klimavorträge halte, fängt das Publikum spätestens an diesem Punkt an zu lachen. Man muss weder Ökonom noch Wissenschaftler sein, um zu verstehen, was hier gespielt wird. Axel Oxenstierna hätte es sofort verstanden, Machiavelli auch. Wenn die Mächtigen von den langfristigen Konsequenzen ihres Handelns nichts zu befürchten haben, entscheiden sie sich immer für den kurzfristigen Gewinn. Wenn Politik und Wirtschaft von älteren vorwiegend weissen Männern kontrolliert werden, ist nichts Anderes zu erwarten. In der Privatwirtschaft wird häufig von «Dogfooding» gesprochen: die Mitarbeiter*innen eines Unternehmens müssen im übertragenen Sinn «das eigene Hundefutter essen», um die Qualität zu garantieren. Softwareentwickler sollen die eigene Software nutzen, Mitarbeiter eines Autoherstellers sollen nicht lieber mit den Autos der Konkurrenz fahren und das Personal von McDonalds soll auch bereit sein, ab und zu einen Hamburger zu essen. Die Reichen und Mächtigen dieser Welt, die für die globale Wirtschaftspolitik zuständig sind, müssen sich wegen der Klimaerwärmung wenig Sorgen machen, da sie alt und reich genug sind, um sich von den Konsequenzen freikaufen zu können.

Galileo Galilei wurde im Jahr 1633 zu Hausarrest verurteilt, weil er die Wahrheit über die Bewegung der Planeten gelehrt hatte. Interessanterweise scheint er das Universum viel besser verstanden zu haben als seine Mitmenschen, denn er versuchte die katholische Kirche mit Fakten zu überzeugen. Dies ist eine weit verbreitete Berufskrankheit der Wissenschaftler, die immer davon ausgehen, dass der politische Gegner sich für die Wahrheit interessiert. Dabei war es im 17. Jahrhundert dem Papst ziemlich egal, welcher Planet sich um welchen drehte. Wichtiger war, dass die Kirche ihre Deutungshoheit des Weltgeschehens behalten konnte. Der Klerus hat mit allen Mitteln versucht, die wissenschaftliche Revolution aufzuhalten, was ihm in den katholischen Ländern auch teilweise gelungen ist. Die protestantischen Fürsten, denen es vor allem darum ging, die Macht des Papstes zu schwächen, waren eher für neue Ideen offen. Ihre Kanonen haben vielleicht mehr für die Verbreitung der Wissenschaft geleistet als Galileo. Ein hochgradig ketzerischer Gedanke.

Die Moral der Geschichte ist einfach: es geht immer nur um Macht. Die Reichen und Mächtigen der Welt interessieren sich nicht für die Wissenschaft per se, sondern nur für ihre Nützlichkeit. Die Erforschung der Welt dient nur ihrer Ausbeutung und wissenschaftliche Erkenntnisse, welche die bestehende Gesellschaftsordnung in Frage stellen, waren aber nie beliebt.

Deshalb ist die Grafik oben so wichtig. Ein gewisser Optimismus bezüglich der Möglichkeiten neuer Technologien ist vollkommen in Ordnung, aber auf ein Wunder zu hoffen ist keine Strategie. Es besteht ein Unterschied zwischen Optimismus und Fanatismus. Obwohl eine vollständige Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch als sehr unwahrscheinlich erscheint, gilt «nachhaltiges Wachstum» in der Politik als einzige «realistische Lösung» der Klimakrise. Das Primat des Kapitals steht nicht zur Diskussion, so wie die Lehren Aristoteles vor 400 Jahren nicht durch physikalische Beobachtungen in Frage gestellt werden durften. «Meine Herren, ich ersuche Sie in aller Demut, Ihren Augen zu trauen» lässt Bertolt Brecht Galileo sagen. Ich kann diese Aufforderung nur mit zunehmender Verzweiflung wiederholen.

«Die ganze Welt ist Bühne und alle Fraun und Männer bloße Spieler» schrieb ein berühmter Zeitgenosse Alex Oxenstiernas. Wir können davon ausgehen, dass der Autor von Werken wie «Richard III», «King Lear» oder «Julius Caesar» die heutige Lage der Menschheit sehr schnell und treffend analysiert hätte. Denn es geht beim Klimaschutz nicht um Forschung oder Technik. Es geht um Gier, Macht und Geld. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt und dessen Lösung ebenso: die Förderung fossiler Brennstoffe muss so schnell wie möglich gestoppt werden! Leider hätte diese Entscheidung dermassen grosse gesellschaftliche Auswirkungen, «daß wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehn.»

So wird seit Jahrzehnten Theater gespielt, ohne dass jemand sich traut, das tatsächliche Problem beim Namen zu nennen. Die Klimaforscher tun so als würden wir noch mehr Klimadaten brauchen, obwohl wir mehr als genug wissen um zu handeln. Die Ingenieure wollen die Klimakrise mit Elektromobilität und erneuerbaren Energien lösen, die Informatiker mit Digitalisierung, die Ökonomen mit Wirtschaftswachstum, und die Politiker am liebsten gar nicht, wenn es sie Stimmen kosten könnte. Wir spielen alle unsere Rollen mit dem Ziel, die nächste Lohnzahlung zu erhalten und vergessen dabei, dass die Klimakrise so nicht gelöst werden kann. «Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral». Das Resultat ist eine Folge ungenügender Massnahmen, die uns in die Katastrophe führen.

Dabei wäre eine Lösung der Klimakrise gar nicht so schwierig, wenn wir uns von der Vorstellung des ewigen Wachstums lösen würden. Wie Einstein so richtig festgehalten hat, können wir Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Die Industrienationen sind durch übermässigen Ressourcenverbrauch reich geworden und haben dadurch die Klimaerwärmung und viele andere Problemen verursacht. Sie haben jetzt sowohl die finanziellen Mittel wie auch die moralische Verantwortung, diese Probleme zu lösen, wie sie auch in der «United Nations Framework Convention on Climate Change» aus dem Jahr 1992 festgehalten haben.

Wir zahlen jetzt aber den Preis dafür, dass wir die Welt weitgehend privatisiert haben. Vor Kurzem nahm ich an einem Podiumsgespräch mit hochkarätigen Vertretern der Finanzbranche teil. Unter dem Titel «Finance in Climate» wurde über die Auswirkungen des Klimawandels auf Geldanlagen gesprochen. Positiv dabei war die Feststellung, dass die fossilen Energieträger ausgedient haben. Wer heute noch in Öl-, Kohle-, oder Gasfirmen investiert, verschenkt einfach sein Geld. Ein Beispiel: während die Aktienkurse von BP und Shell im Jahr 2020 um mehr als ein Drittel eingebrochen sind, ist der Börsenkurs des dänischen Windkraftherstellers VESTAS um 100% gestiegen. Die schlauen Anleger haben die Zeichen der Zeit erkannt und verlassen das sinkende Schiff.

Dass Anleger und Finanzinstitute Geld verdienen wollen, ist nicht erstaunlich und vielleicht nicht mal verwerflich. Schwierig wird es, wenn Geldvermehrung zum einzigen Ziel menschlichen Handelns wird. Hinter Begriffen wie «private-public- partnership» und «green investing» versteckt sich die traurige Wahrheit, dass Probleme der heutigen Welt nur dann lösbar sind, wenn sich jemand dadurch bereichern kann. Heute besitzen 1% der Superreichen mehr als die restlichen 99% der Weltbevölkerung. Sie sind gerne bereit, etwas für die Rettung der Welt zu tun, wenn sie dadurch noch reicher werden können. Die Bemerkung, dass sie unrechtmässig reich geworden sind, weil sie ihr Vermögen mit nicht-nachhaltigen Investitionen aufgebaut haben, führt im Kreis der Reichen zum Eklat. Dabei sind es gerade sie, die durch ihren Lebensstil den Planeten am stärksten belasten.

Die Grafik oben zeigt somit die intellektuelle Kapitulation der Menschheit vor dem Primat des Kapitals. Von bestehenden Machtstrukturen werden wir gezwungen, auf dem Weg des Wachstums weiter ins Ungewisse zu laufen und hinter uns die Brücken zu verbrennen. Wir wissen nicht was wir tun und welche Auswirkungen es haben wird. Sicher ist nur, dass wir es nicht mehr rückgängig machen können. Wenn wir in 10 Jahren feststellen, dass eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch unmöglich ist, wird es längst zu spät sein. Wie Soldaten in einer längst verlorenen Schlacht machen wir einfach weiter, ohne den Sinn des letzten Befehls zu hinterfragen. Wir sind in einer Falle der gefühlten Ausweglosigkeit gefangen und können uns nicht mehr vorstellen, dass es anders sein könnte.

Man kann heute keine Diskussion über die Zukunft führen, ohne auf die Globalisierung einzugehen. Ihre ideologische Seite besteht darin, alle anwachsenden Zumutungen im Kapitalismus als Wirkung eines objektiven Prozesses zu deuten, auf den man keinen Einfluss habe.

Gregor Gysi

Dabei könnte alles anders sein. Die Reise Johan Oxenstiernas nach Westfalen wurde dadurch veranlasst, dass ein deutscher Mönch namens Martin Luther etwa 130 Jahre früher seine 95 Thesen in Wittenberg vorgelegt hatte. Er hat darin das Geschäft mit dem Ablasshandel in Frage gestellt und viele Kritikpunkte rhetorisch geschickt als naive Fragen formuliert: «Warum baut der Papst, der heute reicher ist als der reichste Crassus, nicht wenigstens die Kirche St. Peter lieber mit seinem eigenen Geld als dem der armen Gläubigen?» Eine berechtige Frage. Ihre heutige Entsprechung wäre die Frage, wieso wir immer noch über globale Armut diskutieren, wenn die Superreichen das Problem morgen lösen könnten.

Heute brauchen wir wieder eine Reformation des Denkens, die uns erlaubt, die intellektuelle Zwangsjacke des Kapitalismus abzuwerfen. Der Homo Oeconomicus wird die Klimakrise nicht lösen können, der Homo Sapiens vielleicht schon. Wir müssen uns wieder darauf besinnen, dass Fragen ohne Antworten wertvoller sind als Antworten, die nicht hinterfragt werden dürfen.

Viele Ökonomen können sich eine Welt ohne Wirtschaftswachstum nicht vorstellen. Dies ist schon etwas fantasielos, denn ich kann mir eine Welt ohne Ökonomen sehr gut vorstellen. Um die gesellschaftliche Debatte etwas zu beleben und ein paar Gedanken anzuregen, lege ich gleich folgende Thesen für das neue Jahr vor:

  • Selbstverständlich können wir die Klimazerstörung stoppen, da diese zu 100% von menschlichen Aktivitäten verursacht wird. Dass der grösste Teil der Klimazerstörung auf Luxuskonsum der reichen Länder zurückzuführen ist, macht die Lösung des Problems noch einfacher.
  • Ob wir die Klimazerstörung aufhalten wollen, ist hauptsächlich eine ethische Frage und hat nichts mit Wissenschaft und Wirtschaft zu tun. Es geht gar nicht um Geld, sondern um das Überleben der Menschheit und den einzig bewohnbaren Planeten im uns bekannten Universum.
  • Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Der Planet ist dermassen komplex, dass nur ein Verrückter sich anmassen würde, die Kosten des Klimaschutzes den wirtschaftlichen Schäden der Klimaerwärmung gegenüberzustellen, um ein Optimum zu finden. Leider hat er dafür Wirtschaftsnobelpreis erhalten.
  • In der Vergangenheit war es nicht notwendig, die Zukunft vorherzusagen, weil das Klima stabil war. Es gab im Wesentlichen nur jährliche Schwankungen, denen man sich anpassen konnte. Es gibt viele Bäume, die älter als 1000 Jahre sind. Der Grund dafür ist, dass die mittlere Temperatur der Welt sich während dieser Zeit um weniger als 0.2°C verändert hat. Heute steigt die Temperatur um mehr als 0.2° pro Dekade. In der Zukunft wird es sicher keine Wälder mit alten Bäume geben.
  • Wir müssen den Gedanken akzeptieren, dass Klimaschutz mit Wirtschaftswachstum wahrscheinlich nicht vereinbar ist. Im Moment haben wir für diesen Fall keinen Plan.
  • Es gibt keine nationalen Klimaziele, sondern nur ein globales. Internationale Zusammenarbeit ist angesagt.
  • Es gibt keinen Widerspruch zwischen Klimaschutz und Vollbeschäftigung. Günstige fossile Brennstoffe fördern Globalisierung und Automatisierung, wodurch Arbeitsplätze abgebaut werden.
  • Es gibt einen Widerspruch zwischen Klimaschutz und Kapitaleinkommen. In einer nachhaltigen Welt wird man wieder arbeiten müssen, um Geld zu verdienen.
  • Was uns in den vergangenen 30 Jahren als Klimapolitik verkauft wurde, war ein verzweifelter Versuch, ein bankrottes System zu retten. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder und jedes Mal als Tragödie. Der Versuch, die europäischen Monarchien zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu retten, hat viele Tote hinterlassen. Beim Versuch, den Kapitalismus zu retten, könnten noch mehr Leute sterben.

Ich gebe offen zu, dass ich beim Nachdenken über den Zustand der Welt sowohl Wut wie auch Trauer verspüre. Trauer über das bereits Verlorene. Wut darüber, dass wir die Zerstörung der Zukunft unserer Kinder tatenlos hinnehmen.

Dabei gäbe es viel Grund zum Optimismus. Der Planet ist immer noch bewohnbar und der Sonne ist es sowieso egal, was wir auf der Erde machen. Wenn wir mit der Zerstörung des Planeten rechtzeitig aufhören, könnte sich die menschliche Zivilisation während Jahrtausenden noch positiv weiterentwickeln. Wir müssen es aber nicht nur wollen, sondern auch den Mut haben, eine Zukunft für unsere Kinder einzufordern.

Ohne einen Plan geht aber gar nichts, weshalb ich einen entwickelt habe: Die globale Klimakompensation. Mit dieser kann die Klimaerwärmung gestoppt, die globale Armut abgeschafft, die Flüchtlingskrise beendet und für mehr internationale Stabilität gesorgt werden. Plötzlich könnten unsere Kinder wieder Kinder sein und mit Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft schauen. Wenn sich das WEF wirklich für das Wohlergehen der Menschheit interessieren würde, könnten ihre prominenten Mitglieder die globale Klimakompensation morgen umsetzen. Als Konsequenz würden sie vielleicht künftig auf ihre Business Jets verzichten müssen.

Und damit sind wir beim Kern des Problems angekommen. Mit der Globalisierung hat sich der Kapitalismus von den Fesseln der Demokratie befreit. Die Menschen, die ihre Kinder noch lieben, haben nicht die Macht, die Klimaerwärmung zu stoppen. Die Mächtigen wollen es nicht. Hier müssen wir ansetzen. Wir können nicht zulassen, dass eine kleine Gruppe von Menschen, die weder gewählt wurden noch sonst irgendwelche politische Legitimität haben, die Zukunft unserer Kinder zerstören.

Kehren wir doch die Feststellung von Edmund Burke, Albert Einstein und anderen für einmal um: damit das Gute gewinnt müssen anständige Menschen etwas Rückgrat zeigen. In zehn Jahren wird es zu spät sein, die Klimazerstörung zu stoppen, und wir werden zehn Jahre älter sein. Die Zeit zum Handeln ist jetzt.

Ein am 25. Juli 1654 datierter Brief beginnt mit dem Satz «Mein lieber Sohn» und endet mit «Dein treuer Vater, solange ich noch lebe, Axel Oxenstierna». Memento mori. Auf der Rückseite hat der Adressat, Graf Erik Oxenstierna folgende Bemerkung hinzugefügt: «Dies ist der letzte Brief meines verehrten Herrn Vaters». Aus den isländischen Sagen der Wikinger ist folgender Hinweis überliefert worden:

Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
endlich stirbt man selbst;
doch eines weiß ich, daß immer bleibt:
das Urteil über den Toten.

Hávamál

Wer den Sinn des Lebens nur in der Vermehrung materiellen Eigentums sieht, wird nicht als Vorbild oder wegen seines Charakters in Erinnerung bleiben, sondern hauptsächlich als Entsorgungsproblem.

Ich wünsche allen ein aufgeklärtes und gesundes neues Jahr!

Presenting the OctoWheelBarrow!

Ladies and Gentlemen! I am delighted to present my latest invention: the OctoWheelBarrow. Don’t laugh – it is a lot better than the previous version, which used a square wheel.

A wheelbarrow with an octagonal wheel

Assume that we lived in a society where the state religion bans the use of round shapes in engineering. There would be two kinds of engineers: The opportunists and careerists would make a living from designing octagonal wheels and the decent ones would get politically involved and try to remove the ban. To paraphrase George Bernard Shaw:

The reasonable man adapts himself to the world; the unreasonable one persists in trying to adapt the world to himself. Therefore, all progress depends on the unreasonable man.

For this reason, I cannot attend innovation seminars anymore. To begin with, it is kind of surreal to have a person on stage telling people to think independently. Monty Python made fun of this in “Life of Brian”, where they had a huge crowd of people shouting “We are all different!” in unison. A creative person does not need to be told what to think.

Even worse, nobody attending such seminars is prepared to think outside the box of capitalism. There is an unwritten agreement that the purpose of all human activity is to generate ROI. If someone comes up with an idea to sell more guns, alcohol, or junk food, it is automatically considered a good thing. The purpose of a vending machine for soft drinks is to sell as many of those as possible, even if they are unhealthy. In order to accomplish this, engineers today use cameras with face recognition in order to display the gender- and age-appropriate ads. It is called progress.

My main point is not to criticize our current economic system. I just want to point out that we have all been brainwashed into believing that no alternatives are possible. Children are taught how to compute compound interest, but they do not learn where the money comes from. This way, innovation in our society is limited to technology. All other forms are banned. Ideas without business models are dead on arrival. That is not very innovative.

Here is a simple question I like to ask my students and attendees of my public lectures:

A gold digger departs into the mountains and finds a huge goldnugget. Upon returning to civilization, he is considered rich. Why?

Even though there is a simple and obvious answer to this question, many people do not get it.(*)

Our collective lack of imagination gets almost unbearable when talking about sustainability. We start by excluding the 99.9% of solutions which would be good for the environment but not have a business model and focus on the 0.1% of solutions that allow someone to get rich. That is no way to conduct a brainstorming. (Note: the figures quoted are used for rhetorical effect. They should not be interpreted literally)

Is there are conflict between economic growth and sustainability? I believe it is obvious because we are ultimately interested in consuming things. We do not work to earn money but to acquire purchasing power. Money allows us to have buy a big house with a huge garden, to get a nice car, and to travel to interesting places. In short, it allows us to consume non-renewable resources. If we were not allowed to use our money, we probably would not work that hard.

Anyway, I am not the only one of this opinion (see below). I would be happy to be proven wrong but currently I am more interested in finding out the truth. That will be the topic of a future blog post.

Some sources:

  • Isaksen, Elisabeth T.; Narbel, Patrick A. (2017): A carbon footprint proportional to expenditure – A case for Norway? In: Ecological Economics 131, S. 152–165. DOI: 10.1016/j.ecolecon.2016.08.027.
  • Ward, James D.; Sutton, Paul C.; Werner, Adrian D.; Costanza, Robert; Mohr, Steve H.; Simmons, Craig T. (2016): Is Decoupling GDP Growth from Environmental Impact Possible? In: PloS one 11 (10), e0164733. DOI: 10.1371/journal.pone.0164733.
  • Hickel, Jason (2019): The contradiction of the sustainable development goals: Growth versus ecology on a finite planet. In: Sustainable Development 145 (6), S. 10. DOI: 10.1002/sd.1947.

(*) Depending on demand, I might publish the correct answer here.

Denken ist erlaubt

GALILEI (fast unterwürfig): Meine Herren, der Glaube an die Autorität des Aristoteles ist eine Sache, Fakten, die mit Händen zu greifen sind, eine andere. Sie sagen, nach dem Aristoteles gibt es dort oben Kristallschalen, und so können gewisse Bewegungen nicht stattfinden, weil die Gestirne die Schale durchstoßen müßten. Aber wie, wenn Sie diese Bewegungen konstatieren könnten? Vielleicht sagt Ihnen das, daß es diese Kristallschalen gar nicht gibt? Meine Herren, ich ersuche Sie in aller Demut, Ihren Augen zu trauen.

Brecht, Bertolt. Leben des Galilei: Schauspiel. Suhrkamp Verlag.

Das Problem einer autoritären Erziehung ist, dass die Kinder nie zu denken lernen. Wenn jede ihrer Fragen mit dem Satz «weil ich es sage» beantwortet wird, verlieren Sie ihre Neugier und haben keine Lust mehr, sich selber Gedanken zu machen. Sie gewöhnen sich daran, dass es immer Autoritäten gibt – seien es die Eltern, die Priester oder die Lehrer – die alles besser wissen. Das Erfolgserlebnis des Denkens bleibt aus.

Ein grossartiges Cartoon des iranischen Zeichners Mana Neyestani

Aus den autoritär erzogenen Kindern werden gehorsame Bürger autoritärer Regime. Studien in den USA haben gezeigt, dass die Wähler und Wählerinnen, die für Donald Trump stimmten, sich vor allem einen starken Mann als Präsidenten wünschten. Sie brauchen einen Führer, der immer sofort auf alles eine einfache Antwort hat, ganz unabhängig davon, ob diese richtig ist oder nicht. Das Nachdenken gilt für sie als Zeichen der Schwäche. Diese Haltung ist in der Gesellschaft weit verbreitet. Im Jahr 2000 hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei Boston Consulting in Chicago. Die Stelle habe ich nicht bekommen, weil der Personalverantwortliche das Gefühl hatte, ich denke bevor ich spreche. Mit diesem Urteil kann ich gut leben.

Autoritäre Systeme zeichnen sich durch ein einfaches Weltbild und die Unterdrückung abweichender Meinungen aus. Der Neoliberalismus ist deshalb autoritär, da er eine Lösung für alle Probleme postuliert und keine anderen Ideen zulässt. Die berühmte Behauptung von Margret Thatcher, dass es keine Alternative gibt (TINA), lässt sich kaum als Einladung zum Dialog interpretieren.

Wir leben heute in einer Welt, in der die freie Marktwirtschaft als göttliche Ordnung verstanden wird. Unbequeme Fakten werden unterdrückt und Unwahrheiten zu Dogmen erhoben. Obwohl unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten offensichtlich unmöglich ist, wird die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums selten infrage gestellt. Die Tatsache, dass der ökologische Fussabdruck der Menschheit um einen Faktor zwei zu gross ist und immer noch zunimmt, wird von den Mächtigen zur Kenntnis genommen und gleich ignoriert. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Galileo hätte den Frust der Klimaforscher sofort verstanden.

«Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität» sagt Galileo im oben zitierten Theaterstück von Bertolt Brecht. Was Galileo wirklich gesagt hat, wissen wir aus einem Brief an die Grossherzogin Christine (etwa aus dem Jahr 1615):

Ich möchte jene sehr klugen Väter bitten, dass sie mit aller Sorgfalt den Unterschied bedenken möchten, der zwischen den auf Meinung gegründeten und den beweisbaren Lehren besteht: Wenn sie sich nämlich deutlich vor Augen stellen würden, mit welcher Kraft die zwangsläufigen Schlussfolgerungen zwingend sind, würde ihnen eher klar werden, dass es nicht in der Macht der Professoren der beweisenden Wissenschaften steht, die Meinungen nach ihrem Willen zu ändern, indem sie sich bald dieser und bald jener anschliessen, und dass ein grosser Unterschied besteht zwischen dem Befehl an einen Mathematiker oder an einen Philosophen und der Anordnung an einen Kaufmann oder an einen Rechtsgelehrten, und dass die bewiesenen Schlüsse über die Dinge der Natur und des Himmels nicht mit der gleichen Leichtigkeit geändert werden können wie die Meinungen über das, was in einem Vertrag, einem Census oder einem Wechsel zulässig ist.

Hans Bieri, Der Streit um das kopernikanische Weltsystem im 17. Jahrhundert, Peter Lang Verlag

Anders gesagt, auch vor 400 Jahren musste die Rolle der Wissenschaft den Mächtigen erklärt werden. In den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften gibt es keine Naturgesetze, da das ganze System menschengemacht ist. Gesetzliche Vorschriften, von denen erstaunlich viele für das Funktionieren der angeblich «freien Marktwirtschaft» erforderlich sind, können wir jederzeit ändern. Die Gesetze der Natur eben nicht. Ich bin nicht sicher, ob alle Juristen und Ökonomen dies verstehen.

Jesse Springer

Mit dem Coronavirus meldet sich die reale Welt zurück. Plötzlich haben wir es mit einer externen Bedrohung des Wirtschaftssystems zu tun, die sich nicht um menschengemachte Regeln und Gesetze kümmert. Erstaunt stellen wir fest, dass ein grosser Teil der Privatwirtschaft über Nacht abgestellt werden kann und wir trotzdem genug zu essen haben. Sogar das Klopapier reicht für alle. J. K. Galbraith hat dies in seinem Buch «Gesellschaft im Überfluss» schon im Jahr 1958 vorhergesagt. In einer Gesellschaft, deren materielle Bedürfnisse schon befriedigt sind, produziert die Wirtschaft hauptsächlich Produkte, die niemand braucht. «Die Wirtschaft schafft Arbeitsplätze» wird oft behauptet. Hoffentlich tut sie mehr als das, denn sonst müssten wir einen anderen Weg finden, die Menschen zu beschäftigen.

Im Gegensatz zur Klimaerwärmung stellt das Coronavirus keine Bedrohung der Menschheit dar. Weil aber diesmal Männer über 50 zur Risikogruppe gehören und ein Virus keine Lobby hat, wurde sofort reagiert. Es macht Sinn, die Verbreitung des Coronavirus so weit wie möglich einzudämmen, damit eine Überforderung des Gesundheitswesens vermieden werden kann. Zum Glück scheinen die meisten Regierungen der Welt dies zu verstehen und haben entsprechende Massnahmen ergriffen.

Die Coronakrise wäre auch eine gute Gelegenheit, unser Wirtschaftssystem grundsätzlich zu hinterfragen. Um dies zu verhindern, will eine Mehrheit der Meinungsbildner aus Politik und Wirtschaft möglichst schnell zur vermeintlichen Normalität zurückkehren. Es bestünde sonst die Gefahr, dass wir aus der Krise etwas lernten.

Genau dies sollten wir aber tun. Denn wir neigen dazu, jedes Problem mit minimalistischen Veränderungen des bestehenden Systems lösen zu wollen. Die Klimaerwärmung wollen wir mit Elektroautos und Solarpanels in den Griff bekommen, obwohl dies offensichtlich nicht ausreicht. Das Coronavirus lehrt uns, dass wir gewisse Herausforderungen auf diese Art nicht meistern können. Auch bei der Erwärmung des Erdklimas gibt es keinen Grund zu vermuten, dass das Problem innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems gelöst werden kann. Wir brauchen komplett neue Ideen.

Mike Lukovich

Die Frage ist, wer ein neues System aufbauen soll. Menschen wehren sich gegen Veränderungen, weil sie Angst haben, etwas zu verlieren. Es macht wenig Sinn, eine Gruppe von Kardinälen damit zu beauftragen, die Frage nach der Existenz Gottes zu klären. Analog können und wollen Menschen, die mit dem bestehenden Wirtschaftssystem reich und erfolgreich wurden, das System kaum umbauen. Niemand verlässt gerne den Bereich des Bekannten, um sich neue Themen zu widmen. Wenn Menschen doch über den Tellerrand schauen, werden sie mit dem Vorwurf konfrontiert, keine Experten zu sein.

Ich verstehe die Sorgen. Als Physiker hätte ich auch ein grosses Problem, wenn die Naturgesetze morgen aufhören würden zu gelten. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies passiert und ich es auch überleben würde, schätze ich aber als sehr gering ein. Somit bilden wissenschaftliche Fakten eine gute Basis für den Aufbau eines neuen Systems. Nicht weil sie von den Wissenschaftlern stammen, sondern weil sie wahr sind.

Wer jetzt bereit ist, der Bitte von Galileo folgend den eigenen Augen zu trauen, stellt Erstaunliches fest. In vielen Städten der Welt hat sich die Luftqualität wegen des wirtschaftlichen Lockdowns massiv verbessert und der Lärmpegel ist gesunken. Dies ist eindeutig gut für Mensch und Umwelt. Der wirtschaftliche Schaden hingegen ist systembedingt. Wenn unser Wirtschaftssystem nicht auf Wachstum und Überkonsum basierte, wäre der Lockdown kein Problem. «Die Wirtschaft leidet» verkünden die Medien unisono, aber niemand fragt sich wieso. Rein abgesehen davon, dass juristische Personen kaum leiden können.

Gleichzeitig geht es dem Planeten schlechter als je zuvor. Die ersten drei Monate dieses Jahres waren viel zu heiss, und Europa wird wieder von einer Dürre mit grossen Ernteausfällen bedroht. Der Lockdown wird den globalen CO2-Austoss um etwa 5% in diesem Jahr reduzieren. Wir brauchen aber eine Reduktion von über 7% pro Jahr über die nächsten 30 Jahre, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu verstehen, dass dies schwierig wird. Wenn wir in alten Denkmustern verharren, schaffen wir es sicher nicht.


Nachtrag 1: Ich möchte Margaret Thatcher nicht unrecht tun. Dass sie die Kohleminen in Grossbritannien geschlossen hat, war wohl gut für die Umwelt. Sie hat auch im Jahr 1989 in einem dringlichen Appell an die Generalversammlung der Uno vor den Gefahren der Umweltzerstörung und der Klimaerwärmung gewarnt. Ihre politischen Ideen waren sonst aber nicht besonders progressiv.

Nachtrag 2: Viele Denker*innen setzen sich im Moment mit den Konsequenzen der Coronakrise auseinander. Hier eine kleine Auswahl:

Nachtrag 3: Hier noch der Auszug aus dem Brief von Galilei Galileo:

Alla Serenissima Madama, la Gran Duchessa Madre.

….

Io vorrei pregar questi prudentissimi Padri, che volessero con ogni diligenza considerare la differenza che è tra le dottrine opinabili e le dimostrative; acciò, rappresentandosi ben avanti la mente con qual forza stringhino le necessarie illazioni, si accertassero maggiormente come non è in potestà de’professori delle scienze demostrative il mutar l’opinioni a voglia loro, applicandosi ora a questa ed ora a quella, e che gran differenza è tra il comandare a un matematico o a un filosofo e ‘l disporre un mercante o un legista, e che non con l’istessa facilità si possono mutare le conclusioni dimostrate circa le cose della natura e del cielo, che le opinioni circa a quello che sia lecito o no in un contratto, in un censo, o in un cambio.

Galileo Galilei, etwa 1615