Denken ist erlaubt

GALILEI (fast unterwürfig): Meine Herren, der Glaube an die Autorität des Aristoteles ist eine Sache, Fakten, die mit Händen zu greifen sind, eine andere. Sie sagen, nach dem Aristoteles gibt es dort oben Kristallschalen, und so können gewisse Bewegungen nicht stattfinden, weil die Gestirne die Schale durchstoßen müßten. Aber wie, wenn Sie diese Bewegungen konstatieren könnten? Vielleicht sagt Ihnen das, daß es diese Kristallschalen gar nicht gibt? Meine Herren, ich ersuche Sie in aller Demut, Ihren Augen zu trauen.

Brecht, Bertolt. Leben des Galilei: Schauspiel. Suhrkamp Verlag.

Das Problem einer autoritären Erziehung ist, dass die Kinder nie zu denken lernen. Wenn jede ihrer Fragen mit dem Satz «weil ich es sage» beantwortet wird, verlieren Sie ihre Neugier und haben keine Lust mehr, sich selber Gedanken zu machen. Sie gewöhnen sich daran, dass es immer Autoritäten gibt – seien es die Eltern, die Priester oder die Lehrer – die alles besser wissen. Das Erfolgserlebnis des Denkens bleibt aus.

Ein grossartiges Cartoon des iranischen Zeichners Mana Neyestani

Aus den autoritär erzogenen Kindern werden gehorsame Bürger autoritärer Regime. Studien in den USA haben gezeigt, dass die Wähler und Wählerinnen, die für Donald Trump stimmten, sich vor allem einen starken Mann als Präsidenten wünschten. Sie brauchen einen Führer, der immer sofort auf alles eine einfache Antwort hat, ganz unabhängig davon, ob diese richtig ist oder nicht. Das Nachdenken gilt für sie als Zeichen der Schwäche. Diese Haltung ist in der Gesellschaft weit verbreitet. Im Jahr 2000 hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei Boston Consulting in Chicago. Die Stelle habe ich nicht bekommen, weil der Personalverantwortliche das Gefühl hatte, ich denke bevor ich spreche. Mit diesem Urteil kann ich gut leben.

Autoritäre Systeme zeichnen sich durch ein einfaches Weltbild und die Unterdrückung abweichender Meinungen aus. Der Neoliberalismus ist deshalb autoritär, da er eine Lösung für alle Probleme postuliert und keine anderen Ideen zulässt. Die berühmte Behauptung von Margret Thatcher, dass es keine Alternative gibt (TINA), lässt sich kaum als Einladung zum Dialog interpretieren.

Wir leben heute in einer Welt, in der die freie Marktwirtschaft als göttliche Ordnung verstanden wird. Unbequeme Fakten werden unterdrückt und Unwahrheiten zu Dogmen erhoben. Obwohl unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten offensichtlich unmöglich ist, wird die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums selten infrage gestellt. Die Tatsache, dass der ökologische Fussabdruck der Menschheit um einen Faktor zwei zu gross ist und immer noch zunimmt, wird von den Mächtigen zur Kenntnis genommen und gleich ignoriert. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Galileo hätte den Frust der Klimaforscher sofort verstanden.

«Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität» sagt Galileo im oben zitierten Theaterstück von Bertolt Brecht. Was Galileo wirklich gesagt hat, wissen wir aus einem Brief an die Grossherzogin Christine (etwa aus dem Jahr 1615):

Ich möchte jene sehr klugen Väter bitten, dass sie mit aller Sorgfalt den Unterschied bedenken möchten, der zwischen den auf Meinung gegründeten und den beweisbaren Lehren besteht: Wenn sie sich nämlich deutlich vor Augen stellen würden, mit welcher Kraft die zwangsläufigen Schlussfolgerungen zwingend sind, würde ihnen eher klar werden, dass es nicht in der Macht der Professoren der beweisenden Wissenschaften steht, die Meinungen nach ihrem Willen zu ändern, indem sie sich bald dieser und bald jener anschliessen, und dass ein grosser Unterschied besteht zwischen dem Befehl an einen Mathematiker oder an einen Philosophen und der Anordnung an einen Kaufmann oder an einen Rechtsgelehrten, und dass die bewiesenen Schlüsse über die Dinge der Natur und des Himmels nicht mit der gleichen Leichtigkeit geändert werden können wie die Meinungen über das, was in einem Vertrag, einem Census oder einem Wechsel zulässig ist.

Hans Bieri, Der Streit um das kopernikanische Weltsystem im 17. Jahrhundert, Peter Lang Verlag

Anders gesagt, auch vor 400 Jahren musste die Rolle der Wissenschaft den Mächtigen erklärt werden. In den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften gibt es keine Naturgesetze, da das ganze System menschengemacht ist. Gesetzliche Vorschriften, von denen erstaunlich viele für das Funktionieren der angeblich «freien Marktwirtschaft» erforderlich sind, können wir jederzeit ändern. Die Gesetze der Natur eben nicht. Ich bin nicht sicher, ob alle Juristen und Ökonomen dies verstehen.

Jesse Springer

Mit dem Coronavirus meldet sich die reale Welt zurück. Plötzlich haben wir es mit einer externen Bedrohung des Wirtschaftssystems zu tun, die sich nicht um menschengemachte Regeln und Gesetze kümmert. Erstaunt stellen wir fest, dass ein grosser Teil der Privatwirtschaft über Nacht abgestellt werden kann und wir trotzdem genug zu essen haben. Sogar das Klopapier reicht für alle. J. K. Galbraith hat dies in seinem Buch «Gesellschaft im Überfluss» schon im Jahr 1958 vorhergesagt. In einer Gesellschaft, deren materielle Bedürfnisse schon befriedigt sind, produziert die Wirtschaft hauptsächlich Produkte, die niemand braucht. «Die Wirtschaft schafft Arbeitsplätze» wird oft behauptet. Hoffentlich tut sie mehr als das, denn sonst müssten wir einen anderen Weg finden, die Menschen zu beschäftigen.

Im Gegensatz zur Klimaerwärmung stellt das Coronavirus keine Bedrohung der Menschheit dar. Weil aber diesmal Männer über 50 zur Risikogruppe gehören und ein Virus keine Lobby hat, wurde sofort reagiert. Es macht Sinn, die Verbreitung des Coronavirus so weit wie möglich einzudämmen, damit eine Überforderung des Gesundheitswesens vermieden werden kann. Zum Glück scheinen die meisten Regierungen der Welt dies zu verstehen und haben entsprechende Massnahmen ergriffen.

Die Coronakrise wäre auch eine gute Gelegenheit, unser Wirtschaftssystem grundsätzlich zu hinterfragen. Um dies zu verhindern, will eine Mehrheit der Meinungsbildner aus Politik und Wirtschaft möglichst schnell zur vermeintlichen Normalität zurückkehren. Es bestünde sonst die Gefahr, dass wir aus der Krise etwas lernten.

Genau dies sollten wir aber tun. Denn wir neigen dazu, jedes Problem mit minimalistischen Veränderungen des bestehenden Systems lösen zu wollen. Die Klimaerwärmung wollen wir mit Elektroautos und Solarpanels in den Griff bekommen, obwohl dies offensichtlich nicht ausreicht. Das Coronavirus lehrt uns, dass wir gewisse Herausforderungen auf diese Art nicht meistern können. Auch bei der Erwärmung des Erdklimas gibt es keinen Grund zu vermuten, dass das Problem innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems gelöst werden kann. Wir brauchen komplett neue Ideen.

Mike Lukovich

Die Frage ist, wer ein neues System aufbauen soll. Menschen wehren sich gegen Veränderungen, weil sie Angst haben, etwas zu verlieren. Es macht wenig Sinn, eine Gruppe von Kardinälen damit zu beauftragen, die Frage nach der Existenz Gottes zu klären. Analog können und wollen Menschen, die mit dem bestehenden Wirtschaftssystem reich und erfolgreich wurden, das System kaum umbauen. Niemand verlässt gerne den Bereich des Bekannten, um sich neue Themen zu widmen. Wenn Menschen doch über den Tellerrand schauen, werden sie mit dem Vorwurf konfrontiert, keine Experten zu sein.

Ich verstehe die Sorgen. Als Physiker hätte ich auch ein grosses Problem, wenn die Naturgesetze morgen aufhören würden zu gelten. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies passiert und ich es auch überleben würde, schätze ich aber als sehr gering ein. Somit bilden wissenschaftliche Fakten eine gute Basis für den Aufbau eines neuen Systems. Nicht weil sie von den Wissenschaftlern stammen, sondern weil sie wahr sind.

Wer jetzt bereit ist, der Bitte von Galileo folgend den eigenen Augen zu trauen, stellt Erstaunliches fest. In vielen Städten der Welt hat sich die Luftqualität wegen des wirtschaftlichen Lockdowns massiv verbessert und der Lärmpegel ist gesunken. Dies ist eindeutig gut für Mensch und Umwelt. Der wirtschaftliche Schaden hingegen ist systembedingt. Wenn unser Wirtschaftssystem nicht auf Wachstum und Überkonsum basierte, wäre der Lockdown kein Problem. «Die Wirtschaft leidet» verkünden die Medien unisono, aber niemand fragt sich wieso. Rein abgesehen davon, dass juristische Personen kaum leiden können.

Gleichzeitig geht es dem Planeten schlechter als je zuvor. Die ersten drei Monate dieses Jahres waren viel zu heiss, und Europa wird wieder von einer Dürre mit grossen Ernteausfällen bedroht. Der Lockdown wird den globalen CO2-Austoss um etwa 5% in diesem Jahr reduzieren. Wir brauchen aber eine Reduktion von über 7% pro Jahr über die nächsten 30 Jahre, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu verstehen, dass dies schwierig wird. Wenn wir in alten Denkmustern verharren, schaffen wir es sicher nicht.


Nachtrag 1: Ich möchte Margaret Thatcher nicht unrecht tun. Dass sie die Kohleminen in Grossbritannien geschlossen hat, war wohl gut für die Umwelt. Sie hat auch im Jahr 1989 in einem dringlichen Appell an die Generalversammlung der Uno vor den Gefahren der Umweltzerstörung und der Klimaerwärmung gewarnt. Ihre politischen Ideen waren sonst aber nicht besonders progressiv.

Nachtrag 2: Viele Denker*innen setzen sich im Moment mit den Konsequenzen der Coronakrise auseinander. Hier eine kleine Auswahl:

Nachtrag 3: Hier noch der Auszug aus dem Brief von Galilei Galileo:

Alla Serenissima Madama, la Gran Duchessa Madre.

….

Io vorrei pregar questi prudentissimi Padri, che volessero con ogni diligenza considerare la differenza che è tra le dottrine opinabili e le dimostrative; acciò, rappresentandosi ben avanti la mente con qual forza stringhino le necessarie illazioni, si accertassero maggiormente come non è in potestà de’professori delle scienze demostrative il mutar l’opinioni a voglia loro, applicandosi ora a questa ed ora a quella, e che gran differenza è tra il comandare a un matematico o a un filosofo e ‘l disporre un mercante o un legista, e che non con l’istessa facilità si possono mutare le conclusioni dimostrate circa le cose della natura e del cielo, che le opinioni circa a quello che sia lecito o no in un contratto, in un censo, o in un cambio.

Galileo Galilei, etwa 1615

Ist die Zukunft mehrheitsfähig?

Warum werden gerade diejenigen Wünsche, die sich auf Irrtümern gründen, in uns übermächtig? Nichts haben sie mir später mehr übelgenommen als meine Weigerung, mich ihrem fatalen Wunschentzücken hinzugeben.

Christa Wolf, Kassandra
Théâtre Aventicum

Ein kürzlich erschienenes Editorial in der Washington Post gibt zu denken. Bezugnehmend auf einen Bericht des World Resources Institute wird die Frage gestellt, ob es in 30 Jahren möglich sein wird, die Menschheit zu ernähren, ohne den Planeten zu verheizen. Heute wird weltweit genug Essen produziert, aber der ökologische Preis dafür ist sehr hoch und die Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft reichen aus, um das Klima des Planeten zu destabilisieren. Dazu kommen andere Probleme, wie Bodenerosion und die Zerstörung von Biodiversität. Auf die Frage, ob es möglich sein wird, die Lebensmittelproduktion bei reduziertem ökologischem Fussabdruck signifikant zu steigern, haben wir schlicht keine Antwort.

Was ist mit einer Gesellschaft los, die eine massive Nahrungsversorgungskrise in weniger als 30 Jahren vorhersagen kann, aber nicht fähig ist, darauf zu reagieren? Wieso stellen wir nicht Ressourcen zur Verfügung, um dieses Problem zu lösen? Junge Menschen sind gesetzlich verpflichtet, Geld in Pensionskassen anzulegen, um vielleicht in 40 Jahren eine Rente zu bekommen. Das Geld wird teilweise in absurde Bauprojekte oder Ölförderung investiert, damit irgendwie eine fiktive Rendite erwirtschaftet werden kann. Es scheint aber niemanden zu interessieren, ob es in 30 Jahren etwas zu essen gibt. Das ist doch absurd!

Ein grosses Problem der heutigen Welt ist, dass sich die Mächtigen gar nicht für die Zukunft interessieren. Da sie mehrheitlich männlich, alt, weiss, und reich sind, haben sie andere Prioritäten. Wirtschaftlich macht es für diese Leute keinen Sinn, auf Konsum und Ressourcenverbrauch zu verzichten, damit die nächste Generation auch etwas zu essen haben wird. Die Jugend und Menschen aus dem globalen Süden haben leider politisch und wirtschaftlich wenig zu sagen. Somit erstaunt es nicht, dass die heutige Klima- und Umweltpolitik mit Palliativpflege grosse Ähnlichkeiten aufweist. Es geht nur darum, die letzten Tage der Menschheit möglichst komfortabel zu gestalten. Auf lange Sicht sind wir eh alle tot.

Auch in gut funktionierenden Demokratien ist die Situation nicht besser. Wir müssen uns wohl mit dem Gedanken abfinden, dass die Zukunft nicht mehrheitsfähig ist. Für eine transformative Veränderung der Gesellschaft, die für das Aufhalten der Klimakatastrophe erforderlich wäre, lassen sich im Moment keine politischen Mehrheiten finden. Die zentrale Frage ist, ob die Menschen wirklich bereit sind, ihre Kinder auf dem Altar des Materialismus zu opfern. Oder sind sie vielleicht einfach ungenügend informiert? (vgl. “The hope lies in the fact that people don’t know what is going on”, Interview mit Greta Thunberg.)

Hören wir doch endlich auf, über technische Lösungen und Details zu reden. Es spielt keine Rolle, ob wir die CO2-Emissionen mit einer Steuer oder über Zertifikatshandel senken. Das zentrale Problem ist doch, dass wir diese Emissionen gar nicht senken wollen, weil wir bei wachsender Bevölkerung immer mehr Energie pro Kopf brauchen. Wer jährlich aus Langeweile tausende von Kilometern fliegen möchte, braucht mehr Energie als wenn er zuhause bliebe. Mit einem zweieinhalb Tonnen schweren SUV herumzufahren macht absolut keinen Sinn, egal ob dieser mit Strom oder Benzin angetrieben wird. Wer eine grosse Wohnfläche hat, braucht mehr Ressourcen und Energie als jemand mit wenig Platzbedarf. Wer täglich Fleisch isst, hat einen hohen ökologischen Fussabdruck. Man kann nicht mehr essen und weniger scheissen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Die Klimakrise ist im Kern eine ethisch-moralische Krise, weshalb auch viele Menschen so emotional auf angebliche Weltverbesser*innen reagieren. Wir sehen Greta Thunberg und verstehen sofort, dass sie recht hat und uns moralisch weit überlegen ist. Ihre Botschaft «Du musst dein Leben ändern» kommt aber schlecht an. Wir wollen gar nicht akzeptieren, dass wir eine Wahl haben. Wenn wir einen lebenswerten Planeten erhalten wollen, müssen wir auch bereit sein, die dafür erforderlichen Massnahmen zu beschliessen und umzusetzen. Es ist dabei egal, ob sie wirtschaftlich Sinn machen oder nicht. Der Homo Oeconomicus wird den Planeten nicht retten, der Homo Sapiens vielleicht schon.

Es stellt sich somit die Sinnfrage. Werde ich am Ende meines Lebens die Gewissheit ertragen können, dass mein Lebensstil die Zukunft meiner Kinder zerstört hat und dass ich nichts unternommen habe, um dies zu verhindern? Werde ich nicht glücklicher, wenn ich zusammen mit jungen Menschen für die Zukunft kämpfe? Für mich war die Entscheidung einfach. Als Egoist und Feigling zu sterben, macht wirklich keinen Spass.

PS: Ein interessanter Beitrag zu Bescheidenheit und Lebenszufriedenheit ist heute im SRF Kontext erschienen.

Erneuerbare Energie und Umwelttechnik an der HSR

Ich durfte heute die neuen Studierenden des Studienganges EEU an der HSR begrüssen. Im letzten Jahr haben wir viele spannende Projekte und Anlässe durchführen können. Einige davon sind in in diesem Newsletter dokumentiert.

Hier noch ein Film zum schönen Sommaranlass von swisscleantech an der HSR mit Frau Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Es geht jetzt darum, die Energiezukunft umzusetzen.

swisscleantech Sommeranlass an der HSR,

Nicht absent, sondern präsent!

Vor langer Zeit ist mir eine wunderbare Zukunftsvision aus den 50er Jahren in die Hände gefallen. Der Autor, ein deutscher Ingenieur, hat begeistert über die technische Entwicklung der Haushaltgeräte berichtet. Vom Kochherd bis zur Waschmaschine wurden, nach seiner Einschätzung, alle Geräte einfacher zu bedienen. Seine Schlussfolgerung: Die Hausfrauen der Zukunft werden wohl nur einige Knöpfe drücken müssen. Die Vorstellung, dass auch Frauen berufstätig sein wollen oder dass die Männer im Haushalt aushelfen können, war zu visionär. Für den Autor war Innovation ein technisches Gerät mit vielen Knöpfen.

Die Geschichte zeigt exemplarisch, wie eingeschränkt das Denken vieler Menschen ist. Der Physiker Max Planck hat schon festgestellt, dass der wissenschaftliche Fortschritt nur durch das Aussterben älterer Professoren möglich ist. Da wir Menschen immer älter werden, ist die Gefahr gross, dass wir in alten Denkmustern erstarren. Besonders problematisch ist dies, wenn Politiker nicht rechtzeitig abtreten wollen. Zugegebenermassen ist das Alter das kleinste Problem von Donald Trump, aber er sollte lieber seinen wohlverdienten(?) Ruhestand geniessen, statt Politik zu machen. Dies ist kein Votum gegen alte Menschen, aber wieso soll ein 72-jähriger über die Zukunft entscheiden?

Mit der Klimaerwärmung ist die Menschheit anscheinend in diese Falle des erstarrten Denkens getappt. Das Problem fängt schon bei der Formulierung der Kernfrage an. Können wir die Klimaerwärmung stoppen? Die richtige Frage wäre, ob wir mit der Klimazerstörung aufhören wollen. Ohne uns Menschen hätte das Klima nämlich gar keine Probleme. Und die Antwort lautet, dass wir dies wollen müssen. Sonst haben unsere Kinder keine Zukunft, was sie, angeführt von der Jeanne d’Arc der Klimabewegung Greta Thunberg, auch festgestellt haben.

Die gute Nachricht ist, dass wir die Klimazerstörung noch stoppen können, wenn wir mit dem Verbrauch fossiler Brennstoffe aufhören und unsere Essgewohnheiten drastisch ändern. Dafür muss, in den Köpfen vieler Menschen, ein transformatives Umdenken stattfinden. Das Klimaproblem lösen wir nicht, indem wir Benzin- und Dieselautos durch Elektroautos ersetzten, sondern durch eine Neudefinition der Mobilität. Auch das Wirtschaftswachstum und das Wesen des globalen Kapitalismus müssen ernsthaft hinterfragt werden. Eine spannendere politische Aufgabe kann man sich wohl kaum vorstellen. Schnelles Umdenken tut not, da wir sonst Gefahr laufen, grosse Fehlinvestitionen in Infrastruktur und Ausbildung zu tätigen. Sind sechsspurige Autobahnen, eine zweite Gotthardröhre, ein Ausbau des Flughafens Zürich und grosse Investitionen in die Informatikbildung die richtige Antwort auf eine Klimakrise? Wie ein Jugendfreund von mir es mal so schön formuliert hat: «Die Politik will nichts verändern und dies sehr schnell».

Dies macht die jüngsten Klimaproteste der Schüler so aufregend. Sie sind als eine Herausforderung der Jugend an die Erwachsengeneration, zu der ich auch gehöre, zu deuten: «Könnt Ihr noch denken und wollt Ihr noch führen? Wenn nicht, dann macht bitte die Bühne frei für Leute, die noch kreativ sind und Ideen haben». Die Schüler und Schülerinnen, die auf die Strasse gehen, sind nicht unerlaubterweise von der Schule abwesend, sondern in der Politik sehr präsent. Wir Erwachsene müssen wählen, ob wir für oder gegen die eigenen Kinder kämpfen wollen. Ich habe mich schon entschieden!

Prädikat klimaschädlich

Medienmitteilung von fossil-free.ch und Artisans de la Transition:
Prädikat klimaschädlich
Studie zur Anlagepolitik der Schweizerischen Nationalbank

Freiburg/Zürich, 24. April 2018 Eine heute publizierte Studie der Artisans de la transition in Zusammenarbeit mit fossil-free.ch belegt die klimaschädliche Anlagepolitik der Schweizerischen Nationalbank SNB. Mit ihrem Aktienportfolio verantwortet sie höhere Emissionen als die Gesamtemissionen der Schweiz. Das Festhalten an einer CO2-intensiven Anlagestrategie kostet: Im Zeitraum 2015 bis 2017 hätte die SNB durch die Umschichtung ihrer klimaschädlichsten Anlagen in klimafreundliche Unternehmen ihr Ergebnis gemäss Berechnungen der ISS Ethix Zürich um 20 (sic!) Milliarden Franken verbessert (2013 – 2015: 4 Milliarden). Die Studie stützt die Forderung der Klimaallianz Schweiz nach einem Klimastresstest und deren Empfehlungen zu Klimarisiken, die gestern veröffentlicht wurden.

Das identifizierbare untersuchte Aktienportfolio der Schweizerischen Nationalbank (CHF 92 Milliarden oder 60% der Aktienanlagen der Bank SNB bei einem Gesamtvermögen von 843 Milliarden) verursachte im Jahr 2017 48,5 Millionen Tonnen CO2-Emissionen (Gesamtemissionen Schweiz : 48.3 Millionen Tonnen CO2).

Hätte die SNB die 7,4 Milliarden Franken, die sie in die am meisten CO2-emittierenden Unternehmen investiert hat, in sehr klimafreundliche Unternehmen reinvestiert, hätte sie die Emissionen ihres Aktienportfolios halbiert und dabei das Finanzergebnis der letzten drei Jahre (1. Januar 2015 bis 31. Dezember 2017) um 20 Milliarden Franken verbessert.

Diese Resultate bestätigen und übertreffen die im Dezember 2016 im ersten Bericht “USA-Finanzanlagen der Schweizer Nationalbank in fossile Unternehmen: Ein Desaster für Rendite und Klima” der Artisans de la transition veröffentlichten Zahlen.

Die SNB verwaltet ein Vermögen von 843,3 Milliarden Franken und damit mehr als die 1’700 beruflichen Vorsorgeeinrichtungen der Schweiz. Der Einfluss der SNB bei der Ausrichtung des Finanzplatzes Schweiz auf die Ziele des Pariser Abkommens und den Verlauf der Energiewende ist deshalb immens.

Weltweit haben wichtige Akteure wie Zentralbanken und Finanzaufsichtsbehörden – wie im Pariser Abkommen gefordert – damit begonnen, Finanzflüsse im Kampf gegen den Klimawandel umzuleiten. Die Weltbank beispielsweise wird die Finanzierung von Öl- und Gasinfrastrukturen ab 2019 einstellen. Die SNB als Verwalterin des achtgrössten Vermögens der Welt hinkt der internationalen Entwicklung hinterher.

Mit der Vernachlässigung von Klimarisiken untergräbt die SNB die Wirksamkeit der Schweizer Klimapolitik, nimmt eine enorme Verschwendung öffentlicher Gelder in Kauf und schadet den Interessen der Schweiz.

 

Links

Studie deutsch

https://bit.ly/2F7KaMp

http://www.artisansdelatransition.org/berichte.html

http://www.artisansdelatransition.org/berichte.html#infografie
Étude en français
http://www.artisansdelatransition.org/rapports.html

Empfehlungen der Klimaallianz
https://bit.ly/2HHS2JF

 

Hinweis

Am Freitag 27. April findet anlässlich der GV der Schweizerischen Nationalbank um 09.45 Uhr beim Eingang Kursaal Bern, Kornhausstrasse 3, 3013 Bern eine paradoxe Strassenaktion statt, bei der als SNB Bankmanager Verkleidete für deren klimaschädliche Anlagepolitik einstehen werden.

 

Für Rückfragen

Markus Keller: 076 316 92 37, markus.keller@fossil-free.ch
Susana Jourdan: 026 321 37 11, susana.jourdan@larevuedurable.com
Jacques Mirenowicz: 026 321 37 10, jacques.mirenowicz@larevuedurable.com
 

Artisans de la transition

Der 2016 gegründete Verein Artisans de la transition strebt die Förderung von Möglichkeiten an, damit jedermann zum Akteur eines raschen Ausstiegs aus fossilen Energien und für einen ökologischen Wandel werden kann. Die Artisans handeln auf drei Ebenen: a) möglichst viele Menschen für Projekte der Bürgerenergie (besonders Energiegenossenschaften) und für das Divestment aus den fossilen Energie mobilisieren, b) mittels der halbjährlich erscheinenden Zeitschrift LaRevueDurable und mit Newslettern informieren, und c) darauf hinwirken, dass das persönliche Handeln mit den persönlichen Werten im Einklang ist, besonders durch die Durchfuhrung von Carbon conversations.

 

fossil-free.ch

Die Divestmentbewegung fossil-free.ch setzt sich in der Schweiz dafür ein, dass institutionelle und wohlhabende Investoren ihre Investitionen in besonders klimaschädliche Unternehmen aufgeben und in non-fossile Firmen umschichten, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichbar zu machen.

Markus Keller MSc
Vizepräsident / Medien
Fossil Free Switzerland

+41 76 317 92 37
markus.keller@fossil-free.ch
www.fossil-free.ch