Es gibt gute Gründe, wieso Kriegs- und Katastrophenfilme im Kino (oder auf Netflix) so gut ankommen. Offensichtlich fasziniert es uns zu sehen, wie Menschen in Extremsituationen reagieren und wie der Held (oder in moderneren Filmen auch mal eine Heldin) einen kühlen Kopf bewahrt und die Welt durch Mut und Kühnheit wieder einmal rettet.
Das einzige Realistische an solchen Filmen ist die Tatsache, dass viele Menschen in schwierigen Situationen zu schreienden Statisten werden. Offensichtlich sind die meisten von uns nicht in der Lage, in Krisensituationen rational zu denken und zu handeln. Stattdessen unternehmen wir alles, um nichts unternehmen zu müssen: Wir leugnen die Existenz der Gefahr, hoffen auf ein Wunder oder resignieren, weil wir uns machtlos fühlen. Alle drei Verhaltensmuster sind in der Politik der westlichen Demokratien heute deutlich zu erkennen.
Besonders beunruhigend ist die scheinbare Resignation der Jugend, die ich aber nicht als ganz irrational bezeichnen würde. Sie sind nicht schuld an der katastrophalen Weltlage und sie sehen wenig Möglichkeiten, innerhalb des bestehenden politischen Systems etwas zu verändern. Somit macht es mehr Sinn, das Leben zu geniessen und auf Kinder zu verzichten, als sich um die Zukunft zu kümmern. «Nach mir die Sintflut» ist das Verhalten, das sie von ihren Eltern und Lehrern gelernt haben.
Ich bin in der glücklichen Lage, täglich mit jungen Menschen zu interagieren. Die meisten von ihnen sind grossartig und ich wünsche ihnen von Herzen alles Gute. Nichtsdestotrotz zeigt die Fieberkurve unseres Planeten immer steiler nach oben, das Artensterben beschleunigt sich und die Doomsday Clock gibt inzwischen 85 Sekunden vor Mitternacht an. Es erstaunt deshalb nicht, dass es immer mehr junge Menschen gibt, denen es psychisch schlecht geht.
«When the going gets tough, the tough get going» heisst ein amerikanisches Sprichwort. Wir sind jetzt an dem Punkt im Actionfilm angelangt, wo die mutigen und rational denkenden Menschen die Sache in die Hand nehmen, um das Böse zu besiegen. Wer zu dieser Kategorie gehört, hat wenig mit Bildung und sozialem Status zu tun, sondern eher mit Charakter. Was wir tun müssen, basiert auf Fakten.
Seit über 12 Jahren beschäftige ich mich mit der Klimakrise und bin jetzt bereit, eine Synthese zu formulieren, die ich in einer Reihe von Vorträgen und Feierabendgesprächen an der OST präsentieren werde. Das Programm sieht wie folgt aus:
Vortrag an der OST Mittwoch, 25. Februar 2026, Hörsaal 3.008
Es handelt sich um einen Physikvortrag, in dem ich auf mathematische Formeln verzichte, um ihn allgemeinverständlich zu gestalten. Ich möchte zeigen, dass es eine wissenschaftliche Definition der Nachhaltigkeit gibt, die von den wenigsten verstanden wird. Ohne diese Definition kommen wir aber nicht weiter.
Feierabendgespräch an der OST Mittwoch, 11. März 2026, Hörsaal 3.008
Hier wird der Spruch «die herrschende Meinung ist die Meinung der Herrschenden» erläutert, mit Beispielen aus den letzten 400 Jahren von Galileo bis zum Klimawandel.
Feierabendgespräch an der OST Mittwoch, 25. März 2026, Hörsaal 3.008
Basierend auf Arbeiten von Thomas Piketty, Joseph E. Stiglitz, John K. Galbraith, Kate Raworth, Ann Pettifor, Yanis Varoufakis, Jason Hickel, Bret Christophers, Steve Keen und anderen Ökonomen wird erklärt, wieso unser Wirtschaftssystem immer weniger Sinn macht.
Feierabendgespräch an der OST Mittwoch, 15. April 2026, Hörsaal 3.008
Es wird ein Plan zur Weltrettung vorgestellt, von dem 80 % der Weltbevölkerung profitieren würden und der sogar vom CEO der Exxon Mobil Corporation als sinnvoll erachtet wird.
Feierabendgespräch an der OST Mittwoch, 29. April 2026, Hörsaal 3.008
Es könnte alles anders sein. Die Probleme der Menschheit sind menschengemacht und können somit auch von Menschen gelöst werden. Wenn sich hinreichend viele von uns entscheiden würden, das Richtige zu tun, wäre der Weltuntergang kein Thema mehr.
Ich freue mich auf zahlreiche und engagierte Teilnahme, vor allem von jungen Menschen.
Das dumpfe Einverstandensein mit aller Verschlechterung der Zukunftsaussichten zeigt sich vor allem darin, dass wir widerspruchslos in einer Kultur leben, in der »Gutmensch« genauso als Beleidigung gilt wie »Wutbürger«.
Die Utopie ist am Horizont. Ich laufe zwei Schritte, sie entfernt sich zwei Schritte und der Horizont rückt zehn Schritte weiter fort. Also, wofür ist die Utopie dann gut? Eben dafür, damit man läuft.
– Eduardo Galeano
Vor langer Zeit habe ich zusammen mit einem deutschen Postdoc den theoretischen Physiker Paul Wiegmann in seinem Büro in Chicago besucht. Er hat uns von einem spannenden Forschungsthema erzählt und uns gleichzeitig davon abgeraten, daran zu arbeiten. Der Grund war, dass die Lösung – wenn es überhaupt eine gäbe – mindestens zehn Jahre dauern würde, ohne brauchbare Zwischenergebnisse. Der Versuch, dieses Problem zu lösen, käme somit einem akademischen Selbstmord gleich.
Kein System ist perfekt. Jeder Versuch, menschliche Leistung zu messen, ob in der Schule, in der Forschung oder in der Privatwirtschaft, ist fehlerbehaftet. Nichtsdestotrotz leben wir in einer Welt des zunehmenden Controllings. «Was nicht gemessen werden kann, kann nicht gemanagt werden» lautet ein bekannter Spruch. Daraus wird immer gefolgert, dass mehr gemessen werden muss, auch wenn eine viel einfachere Lösung zur Verfügung stünde: Vielleicht müssen wir nicht alles managen. Erwachsene und gut ausgebildete Menschen, wie Lehrer, Ärzte oder Forscher (weibliche Form inbegriffen) müssten eigentlich in der Lage sein, sich selbst zu führen.
Die aus dem Kontrollwahn resultierende Bürokratisierung der Hochschulen hat sicherlich dazu geführt, dass Wissenschaftler immer weniger Forschung machen, weil sie zu viel Zeit mit Administration und dem Schreiben von Anträgen aufwenden (Binswanger 2024). Dies ist aber nicht der Hauptgrund, wieso sich das akademische System in einer Krise befindet. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass Forschungsfinanzierung sehr politisch geworden ist. Die «akademische Freiheit» ist durch ein System der «Wissenschaftsprostitution» ersetzt worden; die Forschenden machen das, wofür sie Geld bekommen, und tun so, als würde es ihnen gefallen (Tsakraklides 2025).
Leider ist dadurch ein System aufgebaut worden, das «wissenschaftliche Revolutionen» im Sinne von Thomas Kuhn verhindert (Kuhn 1962). Insbesondere ist es nicht dazu geeignet, Lösungen der planetaren Krise zu entwickeln. Wenn Forschung als Karriere gesehen wird, werden sich Wissenschaftler hauptsächlich mit Forschung beschäftigen, die dieser Karriere dienlich ist. Sie haben keine andere Wahl. Die verrückten Ideen, die lange dauern, eine tiefe Erfolgsquote haben, aber das Potenzial hätten, die Welt zu verändern, werden von den Förderagenturen ignoriert.
Das Problem ist nicht neu. Galileo Galilei wurde für seine bahnbrechenden Entdeckungen der Astronomie mit Hausarrest belohnt, und die Philosophen und Wissenschaftler der Aufklärung haben keine Mühe gescheut, die Vereinbarkeit ihrer Thesen mit den Dogmen der Kirche zu betonen, auch wenn sie vom Gegenteil überzeugt waren. Philipp Blom erzählt in «Die Unterwerfung» die Geschichte des deutschen Universalgelehrten Christian Wolff, der wegen der Behauptung, die chinesische Kultur liefere den Beweis für die Möglichkeit einer nicht-christlichen Ethik, im Jahr 1723 gecancelt wurde. Genau wie Galileo hatte er nicht verstanden, dass Kritik an der «göttlichen Ordnung» von den Mächtigen nicht goutiert wird.
Solche Gedanken führten direkt in den Abgrund und so wendete die »Moderate mainstream«-Aufklärung enorm viel Tinte auf, um sich vor ihren eigenen Konsequenzen zu schützen, denn letztendlich hatte die Philosophie im Verständnis vieler Zeitgenossen die Aufgabe, die Welt nicht nur zu erklären, sondern auch in ihren gegenwärtigen Strukturen zu rechtfertigen, was häufig auch mit wirtschaftlichen Abhängigkeiten verbunden war, siehe Christian Wolff.
-Philipp Blom, Die Unterwerfung
Im Jahr 1972 erschien der Bericht «Die Grenzen des Wachstums» (Meadows et al. 1972). Auch hier handelte es sich um eine wissenschaftlich korrekte Aussage mit dem Potenzial, bestehende Machtstrukturen zu zerrütten. Konsequenterweise ist den Autoren das gleiche Schicksal widerfahren wie Galileo etwa 340 Jahre früher. Die Frage, wie unbegrenztes Wachstum auf einem endlichen Planeten möglich sein kann, wurde nie beantwortet; sie wurde verboten. Die ganze Geschichte kann man auf «Cassandra’s Legacy» nachlesen oder im Podcast «Tipping Point» nachhören. Gaya Herrington hat einen aktuellen Vergleich zwischen den Vorhersagen des ursprünglichen Berichtes und der Realität veröffentlicht, und die Übereinstimmung ist erstaunlich gut (Herrington 2020). Bei der Unmöglichkeit des unbegrenzten Wachstums handelt es sich um eine verbotene Wahrheit. Oder anders gesagt, das Wirtschaftswachstum ist die Mutter aller Lügen.
Die heutigen Klima- und Nachhaltigkeitsforscher haben daraus gelernt. Wer Forschungsfinanzierung erhalten möchte, muss sich zuerst bereit erklären, den offensichtlichen Widerspruch zwischen Kapitalismus und Nachhaltigkeit zu leugnen. Die meisten tun dies, indem sie sich auf ein Teilproblem spezialisieren und sich somit nicht mit den grossen Fragen der Gegenwart auseinandersetzen müssen. Den Satz «dies wird die Welt auch nicht retten, aber …» habe ich inzwischen zu häufig gehört, um ihn lustig zu finden.
“Once the rockets are up, who cares where they come down? That’s not my department,” says Wernher von Braun
Ich weiss heute immer noch nicht, ob das von Paul Wiegmann vorgeschlagene Forschungsthema interessant gewesen wäre. Wahrscheinlich nicht, da sich die theoretische Physik inzwischen von der realen Welt entfernt zu haben scheint. Inzwischen habe ich aber mehr als zehn Jahre investiert, um die sich beschleunigende Klimazerstörung zu stoppen. Oder anders gesagt, ich habe nach Möglichkeiten gesucht, den kollektiven Selbstmord der Menschheit zu verhindern. Es war ein langer Weg, der mich inzwischen wieder zum Ausgangspunkt zurückgeführt hat. Denn ob es uns gefällt oder nicht, am Ende geht es nur um Thermodynamik: Wir können den Planeten nachhaltig bewirtschaften oder ihn verheizen. Leider haben wir uns für die zweite Option entschieden und leben deshalb auf einem sterbenden Planeten.
Das Problem mit fossilen Brennstoffen ist längst bekannt. Professor Rudolf Clausius, einer der Pioniere der Thermodynamik und der Erfinder des Entropiebegriffes, hat schon im Jahr 1885 ein internationales Abkommen zur Begrenzung des Kohleabbaus gefordert (Erdöl und Erdgas gab es damals noch nicht) und Svante Arrhenius hat im Jahr 1896 das erste Klimamodell veröffentlicht. Für die Erklärung des Klimawandels wurde keine neue Physik benötigt – wie die Relativitätstheorie oder die Quantenmechanik – weil die gute alte Thermodynamik vollkommen ausreichte. Trotzdem fehlt in der Abschlussdeklaration des COP 30 – 140 Jahre nach der Empfehlung von Herrn Clausius – jede Erwähnung der fossilen Brennstoffe. Es gibt heute viel mehr Menschen auf unserem Planeten als vor 400 Jahren, aber die kollektive Intelligenz scheint eher abgenommen zu haben. Zwischen den Veröffentlichungen von Kopernikus «De revolutionibus orbium coelestium» (1543) und Newtons «Philosophiæ Naturalis Principia Mathematica» (1687) sind nur 144 Jahre verstrichen. Und sowohl die Relativitätstheorie als auch die Quantenmechanik wurden viel schneller von der Gesellschaft akzeptiert als die offensichtliche Tatsache des anthropogenen Klimawandels.
Jeder von uns trägt ein Weltbild mit sich, das uns erlaubt, die Welt zu interpretieren und schnelle Entscheidungen zu treffen. Um den Vergleich mit künstlicher Intelligenz zu wagen, tragen wir alle ein neuronales Netz im Kopf, das durch unsere Erfahrungen, Erziehung, Bildung und Indoktrination trainiert wurde und uns erlaubt, auf vorhandenes Wissen schnell zuzugreifen. Ein gelernter Automechaniker, der beim Autofahren ein komisches Rattern hört, wird das Geräusch anders interpretieren als der normale Autofahrer. Analog wird eine Ärztin die Symptome eines kranken Menschen hoffentlich besser interpretieren als der Laie.
Der entscheidende Punkt ist, dass Menschen die gleiche Information sehr unterschiedlich interpretieren. Im Mittelalter wurden Seuchen und Naturkatastrophen als die Strafe Gottes gedeutet, was der Lösungsfindung nicht gerade förderlich war. Heute sind wir vielleicht etwas weiter und nutzen unser Vorwissen aus der Medizin und Meteorologie, um die gleichen Ereignisse zu verstehen. Daraus zu schliessen, dass die Menschen im Mittelalter dumm waren, ist aber falsch. Basierend auf dem Weltbild eines allmächtigen Gottes lag die Vermutung nahe, dass dieser auch in der Lage war, in das Leben der Menschen direkt einzugreifen.
Almost everything that distinguishes the modern world from earlier centuries is attributable to science, which achieved its most spectacular triumphs in the seventeenth century.
– Bertrand Russell, History of Western Philosophy
Die grösste Errungenschaft der wissenschaftlichen Revolution war die Einführung der wissenschaftlichen Methode, von Francis Bacon bereits im Jahr 1620 als «Novum Organum» bezeichnet. Diese Methode hat es uns ermöglicht, die Korrektheit einer Aussage objektiv zu überprüfen. Damit waren Fakten erfunden, die von religiösen Autoritäten unabhängig waren und somit die Macht der Kirche in Frage stellten. Am Ende konnte sich die Wissenschaft durchsetzen, weil sie den weltlichen Fürsten nützlicher war als die Religion. Die Wissenschaftler haben die Priester nicht nur als Berater ersetzt, sondern sie wurden Teil der «Rechtfertigungsindustrie», welche für den Erhalt bestehender Machtstrukturen notwendig ist. Wie Philipp Blom so schön festgehalten hat, wurde die vermeintliche Unterlegenheit der Frauen oder anderer Rassen zuerst religiös begründet und nachher wissenschaftlich (Blom 2022). Das Ziel war immer das gleiche, denn die herrschende Meinung ist immer die Meinung der Herrschenden. Dass die Wissenschaft inzwischen religiöse Züge angenommen hat, ist kein Zufall, sondern eine Notwendigkeit, denn ohne ein allumfassendes Weltbild (oder eben eine Religion) können komplexe Gesellschaften nicht funktionieren (Harari 2015). Nietzsche hatte wohl recht, als er feststellte, dass Gottesmord ein schweres Verbrechen ist, das nicht so leicht gesühnt werden kann.
Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. Weiter reichte seine Vorstellungskraft nicht.
– Tage Danielsson
Die Wissenschaft kann aber die existenziellen Fragen der Menschen nicht beantworten und ist somit als Weltbild unzulänglich. Es folgt, dass wir alle – unabhängig vom Bildungsstand und der Profession – viele unbegründete und irrationale Meinungen in uns tragen, die unser Denken und Handeln massgeblich beeinflussen. Das Weltbild der Europäer ist von der christlichen Vorstellung der Unterwerfung der Natur, kombiniert mit einer guten Portion Rassismus und Gewaltfixierung, geprägt. Seit Hunderten von Jahren führen wir einen Dauerkrieg nicht nur gegen die Natur, sondern auch gegen andere Kulturen und Rassen. Lange waren wir erfolgreich, weshalb Australien, Neuseeland und Amerika grösstenteils von Europäern besiedelt sind und die Erde inzwischen Fieber hat. Heute stellen wir fest, dass die restliche Welt und die Natur durchaus imstande sind, Widerstand zu leisten.
Das ist eine böse Zeit, wenn Wahnwitzige die Blinden führen.
Das Problem mit Weltbildern fängt dann an, wenn sie so starr werden, dass sie weiteres Lernen verunmöglichen. Intelligente Menschen zeichnen sich durch ihre Lernfähigkeit aus. Sie bleiben neugierig, sind bereit zuzuhören und können aufgrund neuer Fakten ihre Meinung ändern. Was wir momentan in Europa erleben, ist das Gegenteil von Intelligenz. Die herrschende Elite und ein Grossteil der Bürgerinnen und Bürger können gar nicht akzeptieren, dass weiteres Wirtschaftswachstum weder möglich noch erwünscht ist oder dass die USA bereit sind, das europäische Projekt aufzugeben (Donald 2025). Wir werden von Vertretern der Gattung «Homo Ignorans» regiert, die bewusst jede Information ausblenden, die nicht zu ihrem Weltbild passt (Hertwig und Engel 2016).
Als ich im Jahr 2013 meinen ersten Klimavortrag an der Hochschule in Rapperswil hielt, war der Hörsaal zum Bersten voll. Damals hatte noch niemand vom Pariser Klimaabkommen oder den Klimastreiks gehört und die Studierenden schienen grosses Interesse daran zu haben, mehr über die Klimazerstörung zu erfahren. Die CO2-Konzentration der Atmosphäre war kleiner als 400 ppm, die globale Erwärmung lag etwa bei 1 °C, und die meisten Nationen der Welt hatten handlungsfähige und rational denkende Regierungen.
Heute, 12 Jahre später, hat sich die Weltlage in fast jeder Hinsicht massiv verschlechtert. Die einzige positive Nachricht ist, dass die Chinesen inzwischen sehr günstige Batterien und Solarpanels produzieren können, weshalb der Ausbau der erneuerbaren Energien schnell voranschreitet. Dies wird aber nicht ausreichen, weil der globale Energiebedarf weiterhin ansteigt und die Biosphäre allmählich ihre Fähigkeit verliert, zusätzliches CO2 aufzunehmen. Das Ergebnis ist, dass die Konzentration der Treibhausgase immer schneller ansteigt, wie aus dem Diagramm unten ersichtlich ist. Wir fahren gegen eine Wand und beschleunigen immer noch. Jeder Versuch, den Fuss vom Gaspedal wegzunehmen oder sogar die Bremse zu betätigen, gilt als politisch zu radikal, um mehrheitsfähig zu sein.
Die Keeling-Kurve (Scripps Institution of Oceanography) mit der atmosphärischen Kohlendioxidkonzentration. Der kleine rote Kreis zeigt das Datum meines ersten Klimavortrags. Mehr als 20 % der Gesamtemissionen stammen aus der Zeit nach diesem Vortrag.
Gleichzeitig scheint die nächste Generation – mit wenigen Ausnahmen – aufgegeben zu haben. Der Grund dafür ist das «bla, bla, bla» (Zitat Greta Thunberg) der Politik, Wirtschaft und Medien. Junge Menschen haben das Gefühl, ständig angelogen zu werden, und der Grund dafür ist, dass sie ständig angelogen werden. Jeder denkende Mensch versteht, dass Begriffe wie «nachhaltiges Wachstum» oder «Klimarealismus» nur euphemistische Umschreibungen der geplanten Weltzerstörung sind. Wir scheinen von Menschen regiert zu werden, die weder das Wissen noch die intellektuelle Kapazität oder die Führungsqualität haben, um realistische Lösungen für höchst reale Probleme anzubieten. Ausserdem ist es unklar, ob sie es überhaupt wollen; Regierungen, die einem Genozid tatenlos zuschauen können, werden kaum einen Ökozid verhindern wollen. Die Bürgerinnen und Bürger haben verständlicherweise Angst vor dem Kollaps und suchen verzweifelt nach dem Erlöser. Wie es enden könnte, kann man in «Die Geschichte eines Deutschen» von Sebastian Haffner nachlesen, der Deutschland im Jahr 1938 rechtzeitig verlassen konnte (Haffner 2014).
Während Hitler das Tausendjährige Reich durch den Massenmord aller Juden herbeiführen wollte, gab es in Thüringen einen gewissen Lamberty, der es durch allgemeinen Volkstanz, Singen und Luftsprünge erreichen wollte. Jeder Erlöser hatte seinen eigenen Stil. Nichts und niemand war überraschend; die Überraschung war etwas schon lange vergessenes.
– Haffner, Sebastian. Geschichte eines Deutschen: Die Erinnerungen 1914-1933
In den USA haben viele Wählerinnen und Wähler in New York für Alexandria Ocasio-Cortez (AOC) und für Donald Trump gestimmt (siehe dazu ein faszinierendes Gespräch zwischen Bernie Sanders und Trevor Noah). Sie haben ihre Stimmen der Person gegeben, die bereit war zuzugeben, dass das bestehende System nicht mehr funktioniert. Der gleiche Trend ist in Europa zu beobachten und die etablierten Parteien verlieren immer mehr an Bedeutung. Dies ist nicht unbedingt eine schlechte Entwicklung. Die Frage ist, wodurch sie ersetzt werden.
Wenn, wie es im Fall der Erderhitzung und der anderen ökologischen Probleme, evident zu sein scheint, dass sich die Lebens- und Überlebensbedingungen deutlich verändern werden, und die herrschenden Parteien und Akteure ganz offensichtlich die Probleme nicht angemessen adressieren, weil sie erstens noch in einer Weltsicht aus dem 20. Jahrhundert verfangen sind und zweitens von ihrem Lebensalter her nicht so hart von den ökologischen Krisen getroffen sein werden wie die Jüngeren: Dann hat man einen handfesten, der Sache nach radikalen Generationenkonflikt.
Paradoxerweise gibt der Kollaps der westlichen Demokratien Anlass zur Hoffnung. Es dürfte inzwischen allen klar sein, dass der Globale Norden nie vorhatte, die Klimakrise zu lösen. Es gab einfach zu viel zu verlieren, und die Oligarchie hat alles darangesetzt, den Status Quo so lange wie nur möglich zu erhalten. In einem kapitalistischen System kann die Klimakrise nur gelöst werden, wenn es nichts kostet.
Das fundamentale Problem ist so alt wie die menschliche Zivilisation: Die Elite einer Gesellschaft besteht aus Menschen, die vom bestehenden System maximal profitiert haben und somit die Letzten sind, die das System verändern wollen. Denn auch bei der Lösung der Klimakrise wird es Gewinner und Verlierer geben, und die Letzteren werden nicht kampflos aufgeben. In der Privatwirtschaft wird meistens das Führungsteam ausgewechselt, wenn grosse Umbaumassnahmen anstehen. Nur wenn es um die grösste Herausforderung der Menschheitsgeschichte geht, scheinen wir der Meinung zu sein, dass sich das Problem von selbst lösen wird, basierend auf Freiwilligkeit. Dies ist einigermassen naiv.
Ausserdem sorgt eine tief verwurzelte Angst vor Veränderungen dafür, «dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehn» (Shakespeare, Hamlet). Wir können aber den Aufstieg der Populisten und Rechtsradikalen nicht stoppen, indem wir veraltete und korrupte Machtstrukturen erhalten. Wie Zoran Mamdani in New York gezeigt hat, müssen wohl die rechten Parteien eher links überholt werden.
Wollen wir den Weltuntergang einfach so hinnehmen?
Es ist offensichtlich, dass wir nicht auf Kurs sind, die Klimakatastrophe abzuwenden. Die Treibhauskonzentrationen und die Temperaturen steigen immer schneller, die Biodiversität nimmt weiterhin ab und die meisten planetaren Grenzen haben wir bereits hinter uns gelassen. Mitte dieses Jahrhunderts wird sich die Erde um 2 °C erwärmt haben, und wir können praktisch nichts dagegen tun. In Afrika und Südostasien sind inzwischen 30-40 % aller Kinder unterernährt und die Lage wird sich mit steigenden Temperaturen dramatisch zuspitzen (Nature 2025).
Da Gewalt immer eine Option menschlichen Handelns ist, ist es unausweichlich, dass gewaltsame Lösungen auch für Probleme gefunden werden, die auf sich verändernde Umweltbedingungen zurückgehen.
Weltweit nimmt die Anzahl bewaffneter Konflikte wieder zu, und viele davon haben mit dem Zugang zu Ressourcen zu tun. Es könnte durchaus sein, dass die Menschheit durch einen Atomwaffenkrieg ausgelöscht wird, bevor wir die klimatischen Kipppunkte erreichen, aber dies wäre ein schwacher Trost.
Die Frage ist, wer uns retten soll. Die Privatwirtschaft wird die planetare Krise nicht lösen, weil es dafür keine Anreize gibt. Die Politiker können es nicht tun, weil es sich erstens um ein globales Problem handelt und sie zweitens kein Mandat dazu haben; nur die Quadratur des Kreises ist mehrheitsfähig. Die Wissenschaftler sind Angestellte der Regierungen und machen nur das, was die Politik von ihnen verlangt. Die traurige Wahrheit ist, dass die Klimakrise ein ungelöstes Problem bleibt, weil niemand an deren Lösung arbeitet. Es gibt weltweit keine Nation, kein Unternehmen oder sonst irgendeine Organisation, die einen realistischen Plan für das Abwenden der Klimakatastrophe hat.
Das grosse Problem unserer Zeit ist nicht die zunehmende Polarisierung, sondern die Tatsache, dass wir vergessen haben zu denken und zu argumentieren. Diese Entwicklung wurde bereits von Neil Postman im Jahr 1985 vorhergesagt (Postman 1985), und inzwischen zeigen linguistische Studien, dass er recht hatte (Scheffer et al. 2021). Statt eines seriösen politischen Diskurses finden heute nur Streitgespräche statt, die das hauptsächliche Ziel haben, das Publikum zu unterhalten. Sie führen zu nichts, weil die Weltbilder der Kontrahenten viel zu unterschiedlich sind. Ausserdem sind Debatten über die planetare Krise sinnlos, wenn sie nicht auf Fakten basieren. Die ganze Idee hinter der wissenschaftlichen Methode war, dass es eine objektive Wahrheit gibt, die es zu entdecken gilt. Damit dieser Prozess funktioniert, müssen wir bereit sein zuzuhören und unsere Meinung zu ändern, was auf einer Bühne vor einem kritischen Publikum kaum passieren wird.
Die Naturgesetze und insbesondere die Thermodynamik sind nicht demokratisch. Auch wenn es möglich ist, per Mehrheitsentscheid die Quadratur des Kreises oder die Abschaffung des zweiten Hauptsatzes zu beschliessen, macht dies wenig Sinn. In seinem im Jahr 1961 erschienenen Buch «The Image» beschreibt Daniel J. Boorstin «wie wir unseren Wohlstand, unsere Bildung, unsere Technologie und unseren Fortschritt genutzt haben, um das Dickicht der Unwirklichkeit zu schaffen, das zwischen uns und den Tatsachen des Lebens steht» (Boorstin 1961). Er fängt bei den «übersteigerten Erwartungen» der Menschen an und beschreibt, wie aus dem «amerikanischen Traum» eine «amerikanische Illusion» geworden ist. «Wir müssen zuerst aufwachen, bevor wir in die richtige Richtung laufen können. Wir müssen unsere Illusionen erkennen, bevor wir verstehen, dass wir schlafgewandelt sind.» Erst wenn wir verstehen, wer wir sind und wo wir stehen, können wir entscheiden, wo wir hingehen wollen.
Seit mehr als einem Jahrzehnt habe ich den grössten Teil meiner Freizeit damit verbracht, die planetare Krise nicht nur zu verstehen, sondern auch eine Lösung zu finden. Ich habe mich dabei frei über die Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen bewegt, was im heutigen System der formalisierten Forschungsfinanzierung gar nicht möglich gewesen wäre, hätte ich dafür Geld gewollt. Ich habe verstanden, dass Paul Wiegmann doch recht hatte: Das Lösen relevanter Probleme dauert mindestens 10 Jahre und ist für die wissenschaftliche Karriere eher schlecht. Umso grösser die Genugtuung, wenn die Lösung doch gefunden wird.
Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf die Dauer nicht widerstehen. Kein Mensch kann lange zusehen, wie ich einen Stein fallen lasse und dazu sage: er fällt nicht. Dazu ist kein Mensch imstande. Die Verführung, die von einem Beweis ausgeht, ist zu groß. Ihr erliegen die meisten, auf die Dauer alle. Das Denken gehört zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse.
– Bertolt Brecht, Leben des Galilei
Einer alten akademischen Tradition folgend werde ich im Frühling 2026 eine Reihe öffentlicher Vorträge – oder vielleicht eher Feierabendgespräche – durchführen. Ich möchte die Teilnehmenden auf eine Reise durch Zeit und Raum mitnehmen, mit dem Ziel, ihnen das Denken beizubringen, damit sie die Welt von heute verstehen können. Dabei geht es weniger um den Aufbau eines neuen Weltbildes als um die Dekonstruktion eines falschen. Denn entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist unsere Welt nicht komplexer geworden. Das Problem ist das «Dickicht der Unwirklichkeit», das sich in der Werbung, in den Medien und in der Politik ausgebreitet hat. Nur wer die Welt versteht, kann den Weg aus dem Morast der Lügen finden.
Persönlich möchte ich mit den Veranstaltungen meinem Motto treu bleiben und «unseren Kindern einen Grund geben, uns nicht zu hassen». Ich freue mich auf zahlreiches Erscheinen, besonders von der jüngeren Generation.
Die genauen Daten und der Veranstaltungsort müssen noch festgelegt werden, aber das vorläufige Programm sieht wie folgt aus:
Der (einst) vitale Planet
In diesem Vortrag werde ich den Begriff des vitalen Planeten einführen und erklären, wieso wir uns heute aus thermodynamischer Sicht auf einen sterbenden Planeten befinden. Schuld daran ist die menschliche Zivilisation und eine Heilung wäre möglich, aber nur unter Berücksichtigung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik.
Kapitalismus als Religion
Hier wird erklärt, wieso der Kapitalismus immer eine schlechte Idee war und wie wir ein Wirtschaftssystem entwickeln können, das ohne Wachstum und Kapitaleinkommen auskommt. Die gute Nachricht ist, dass dies nicht schwierig wäre.
Globale Klimakompensation
Die globale Klimakompensation ist ein konkreter Plan, wie wir die Klimakrise lösen könnten. Der Plan würde geopolitische Spannungen reduzieren, globale Armut abschaffen und hätte die Unterstützung von mindestens 80 % der Weltbevölkerung.
Die friedliche Revolution der anständigen Menschen
Wir können wir unsere Gesellschaft hinreichend schnell verändern? Auch dafür gibt es einen Plan, der ohne illegale Aktionen auskommt. Da wir dem Gegner keinen Informationsvorsprung gewähren wollen, werden die Details bis auf weiteres unter Verschluss gehalten.
Wenn irgendetwas von dem, was wir schätzen, überleben soll, muss das Problem gelöst werden. Wie es gelöst werden kann, ist klar; die Schwierigkeit besteht darin, die Menschheit zu überzeugen, ihrem eigenen Überleben zuzustimmen. Ich kann nicht glauben, dass diese Aufgabe unmöglich ist.
– Bertrand Russell
«Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels spürt, und die letzte Generation, die etwas dagegen tun kann» hat Präsident Barack Obama im Jahr 2014 gesagt. Bald werden wir den letzten Teil dieses wunderbaren Zitats in «hätte tun können» umformulieren müssen. Wir leben in einer Zeit, die von grossen Unsicherheiten geprägt ist. Die daraus resultierende Angst wird von populistischen Politikern und den Ultrareichen instrumentalisiert, um das Fussvolk gefügig zu halten. Das Denken ist in unserer Gesellschaft immer noch erlaubt, aber nicht obligatorisch. Das Nichtdenken ist aber inzwischen tödlich geworden.
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern inspirierende und erholsame Festtage. Hoffentlich sehen wir uns im neuen Jahr.
Parsifal: «Ich schreite kaum, doch wähn ich mich schon weit.» Gurnemanz: «Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit.»
Wagner, Parsifal
Während der letzten sechs Monate habe ich eine Zeitreise unternommen. Statt mich von den Massenabfertigungssystemen der modernen Reisebranche von einem Kontinenten zum anderen verfrachten zu lassen, habe ich mich mit Orten und Menschen auseinandergesetzt, die ich einst gekannt habe. Vor allem bin ich dorthin gereist, wo ich nicht nur meiner Kreditkarte wegen freundlich empfangen wurde. Ich habe alte Freunde wiedergesehen und neue Bekanntschaften gemacht.
Abschied von Malte Jönsson – «Ihn fällte des Alters siegende Kraft»
Die Reise fing im Elternhaus zusammen mit meinem 90-jährigen Vater an und hörte mit dem Abschiednehmen in der wunderbaren mittelalterlichen Kirche von Stehag auf. Ein langes Leben ist zu Ende gegangen und es lohnt sich, darüber nachzudenken.
Wer, wie mein Vater, in den dreissiger Jahren auf einem Bauernhof im neutralen Schweden geboren wurde, hatte gute Voraussetzungen, alt zu werden. Die Kindheit und Jugend wurden mit körperlicher Arbeit an der frischen Luft verbracht und im Alter standen die Errungenschaften der modernen Medizin zur Verfügung. Ausserdem musste weder er noch seine älteren Brüder befürchten, in einen sinnlosen Krieg geschickt zu werden. Heute ist alles anderes und die Jugend wird sich wohl damit abfinden müssen, deutlich früher zu sterben. Nicht nur wegen des ungesünderen Lebens, sondern vor allem weil Ressourcenknappheit und Klimawandel die vier Reiter der Apokalypse wieder auf die Bühne geholt haben. Die schwedische Neutralität ist widerstandslos aufgegeben worden und die Rüstungsausgaben steigen weltweit (Trends in World Military Expenditure, 2021 | SIPRI). Während der COVID-Pandemie ist es uns allen klar geworden, dass die Idee der internationalen Zusammenarbeit eine Illusion bleibt. Wir erleben gerade den gefährlichsten Moment der Menschengeschichte, wie Noam Chomsky richtig festgehalten hat.
Mein Vater Ende der 40er Jahre.
Als mein Vater mit der Mistgabel auf dem Pferdewagen stand, war der zweite Weltkrieg gerade zu Ende gegangen. Es folgte eine Periode beispiellosen wirtschaftlichen Wachstums und technischen Fortschritts, welche das Denken der Menschen geprägt hat. Vor allem die Kernspaltung und die Verheissung der unbegrenzt verfügbaren Energie (E = mc2) hat die Menschheit fasziniert. Plötzlich schien jedes Problem durch Investitionen in neue Technik lösbar zu sein. Das dafür benötigte Geld sollte durch Wachstum erzeugt werden und die Aufgabe der Politik wurde auf das Bereitstellen günstiger Rahmenbedingungen für die Wirtschaft reduziert. Der Fantasie (bzw. Geldgier) der Menschen waren keine Grenzen gesetzt und zum ersten Mal in der Geschichte wurde Übermut (Hybris) zur Tugend. Wer das Ausmass des Wahnsinns verstehen möchte, soll sich bitte Our Friend the Atom aus dem Jahr 1957 auf Youtube anschauen. In diesem von Walt Disney produzierten Film wird vom deutschen Physiker und ehemaligen SS-Mitglied Heinz Haber der Segen der radioaktiven Strahlung sehr anschaulich und kindergerecht erklärt. Allerdings scheint auch Dr. Haber verstanden zu haben, dass die Verbrennung fossiler Brennstoffe möglichst bald aufhören müsste – die Nutzung der Atomkraft war für ihn die einzige Lösung.
Was dagegenspricht, sich in Fragen, die menschliche Angelegenheiten angehen, auf Wissenschaftler qua Wissenschaftler zu verlassen, ist nicht, daß sie sich bereitfanden, die Atombombe herzustellen, bzw. daß sie naiv genug waren zu meinen, man würde sich um ihre Ratschläge kümmern und bei ihnen anfragen, ob und wie sie eingesetzt werden sollte; viel schwerwiegender ist, daß sie sich überhaupt in einer Welt bewegen, in der die Sprache ihre Macht verloren hat, die der Sprache nicht mächtig ist.
Arendt, Hannah. Vita activa oder Vom tätigen Leben
Der oben genannte Film vermittelt den Eindruck, dass es bei der Kernenergie nicht nur um eine neue Technologie handelt, sondern um eine Revolution der menschlichen Existenz. Heute ist das gleiche Phänomen in der Diskussion der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz (KI) zu beobachten. Die Automatisierung versprach die Abschaffung der physischen Arbeit, die KI das Ende des menschlichen Denkens. Dabei ist die Fähigkeit kritisch zu Denken heute wichtiger als je zuvor.
Warum werden gerade diejenigen Wünsche, die sich auf Irrtümern gründen, in uns übermächtig? Nichts haben sie mir später mehr übelgenommen als meine Weigerung, mich ihrem fatalen Wunschentzücken hinzugeben.
Christa Wolf, Kassandra
Es gab auch vernünftigere Stimmen auf der Welt. Schon während des zweiten Weltkrieges hat sich Erwin Schrödinger (Nobelpreis 1933) Gedanken zur thermodynamischen Erklärung des Lebens gemacht (Was ist Leben?). Seine Ideen, zusammen mit den späteren Arbeiten von Ilya Prigogine (Nobelpreis 1977) und anderen, sind für eine wissenschaftlichen Definition der Nachhaltigkeit ausreichend. Leider hat sich niemand dafür interessiert. Im Jahr 1958 erklärte der renommierte amerikanische Ökonom J. K. Galbraith in seinem Buch The Affluent Society den Kapitalismus zum Auslaufmodell: Wenn Arbeit darin besteht, ein sinnloses Produkt zu erstellen, das niemand braucht und die Umwelt zerstört, wäre es viel besser, nicht zu arbeiten. Auch für diese offensichtlich korrekte Aussage hat sich niemand interessiert.
Im Jahr 1958 haben sich auch meine Eltern kennengelernt. Als sie fünf Jahre später heirateten, war das Buch Silent Spring von Rachel Carson gerade erschienen, das vielleicht als Anfang der Umweltbewegung gesehen werden kann. Vor 50 Jahren, als ich erst fünf Jahre alt war, wurde die Studie Grenzen des Wachstums des Club of Rome veröffentlicht, die aufgrund ihrer Richtigkeit weitestgehend ignoriert wurde. Dafür wurden Wissenschaftler, welche die Studie nicht verstanden haben, später mit dem Nobelpreis geehrt (Why Economists Can’t Understand Complex Systems: Not Even the Nobel Prize, William Nordhaus – Resilience).
Als die kleine Kirche in Stehag im 12. Jahrhundert gebaut wurde, waren die letzten vorchristlichen Tempel im damals dänischen Reich gerade abgerissen und ein Weltbild durch ein neues, nicht weniger falsches, ersetzt worden. Etwa 500 Jahre später hat ein gewisser Galileo Galilei einen bemerkenswerten Brief an die Grossherzogin Christina von Toskana verfasst. Er verteidigt darin die empirischen Wissenschaften, deren Aussagen auf Beobachtungen der Natur basieren, und hält fest, dass die Mächtigen dieser Welt zwar Gesetze, aber keine Naturgesetze, erlassen können. Was dabei auffällt, ist die Naivität Galileos. Er glaubte, dass seine Forschungsergebnisse allein wegen ihrer Richtigkeit akzeptiert werden müssten und verstand nicht, dass die Mächtigen sich nur für ihre Nützlichkeit interessierten. Da die katholische Kirche darin vor allem ein Infragestellen der göttlichen Ordnung gesehen hat, wurde Galileo unter Hausarrest gestellt und zum Schweigen gebracht.
Ich entdeckte vor wenigen Jahren, wie Ihre durchlauchte Hoheit wohl wissen, viele besondere Erscheinungen am Himmel, die bis dahin unsichtbar gewesen waren. Weil diese, sei es wegen ihrer Neuheit, sei es wegen mehrerer Konsequenzen, die sich aus ihnen ergeben, einigen Behauptungen über die Natur widersprechen, die üblicherweise von den Philosophenschulen akzeptiert werden, brachten sie eine nicht geringe Zahl von Professoren gegen mich auf, gleichsam als ob ich diese Dinge eigenhändig an den Himmel gesetzt hätte, um Natur und Wissenschaft in Verwirrung zu bringen.
Galileo Galilei, Brief an die Grossherzogin Christina
Wir müssen die wissenschaftliche Revolution, die vor etwa 400 Jahren stattgefunden hat, neu denken. Sie war weniger ein Sieg der Vernunft als ein machtpolitischer Entscheid, die Priester durch Wissenschaftler zu ersetzen, genauso wie die Könige der Wikinger 500 Jahre früher das Christentum aus realpolitischen Überlegungen eingeführt haben. Weltanschauungen sind nun mal Narrative, die bestehende Machstrukturen rechtfertigen sollen, und die Vertreter der Kirche und der Wissenschaft werden wegen ihrer Nützlichkeit geduldet. Dafür müssen sie einfach so tun, als könnten sie alle Probleme der Menschheit lösen und dem König niemals widersprechen. Die COVID-, Klima-, oder Energiestrategien eines Landes sind aus wissenschaftlicher Sicht immer gut, weil die Wissenschaftler sonst kein Geld bekommen. Ich übertreibe vielleicht ein wenig, aber der Interessenskonflikt ist offensichtlich, da die Forscher ihren Lohn direkt vom Staat beziehen. Es erstaunt immer wieder, wie häufig Forschungsergebnisse im Interesse des Auftraggebers ausfallen. Die Warnung Galileos aus dem Jahr 1615 ist somit ungehört geblieben, und nur so ist die Idee des nachhaltigen Wachstums als Antwort auf den Klimawandel zu verstehen. Diese neuste Inkarnation des Perpetuum Mobiles ist eher durch ihre politische Notwendigkeit als ihre physikalische Machbarkeit zu erklären.
Die Krise der Menschheit ist ein direktes Resultat unseres Weltbildes und deshalb nicht durch neue Technologie zu lösen. Hingegen wäre unabhängige Forschung, die nicht im Interesse der Geldvermehrung durchgeführt wird, sehr wichtig. Die Forschungsförderung führt aber dazu, dass die Universitäten heute keine Kraft des gesellschaftlichen Wandels sind und die Prophezeiung Galileos aus dem Bühnenstück von Bertolt Brecht sich leider bewahrheitet hat. Aus den Forschern ist “ein Geschlecht erfinderischer Zwerge” geworden, die für alles gemietet werden können.
Unter diesen ganz besonderen Umständen hätte die Standhaftigkeit eines Mannes große Erschütterungen hervorrufen können. Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden! Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können.
Brecht, Bertolt. Leben des Galilei
Heute brauchen wir aber keine Wissenschaft, um den schlechten Zustand unseren Planeten zu verstehen. Der grösste Vorteil einer Zeitreise ist vielleicht, dass sie die schleichende Verschlechterung der Umwelt gnadenlos offenbart. Wer zu den Orten seiner Kindheit zurückkehrt, stellt sehr schnell fest, dass die Wiesen und Wälder von damals, durch Strassen, Parkplätze, und Häuser ersetzt worden sind. Die biologische Vielfalt ist einer primitiven Konsumgesellschaft gewichen, was sicher nicht nachhaltig ist. Leider scheinen viele Menschen dies nicht zu verstehen, weil sie jeglichen Bezug zur Natur und zu biologischen Prozessen verloren haben. In der Generation meines Vaters ist praktisch jeder auf einem Bauernhof aufgewachsen und hat verstanden, wie Essen auf den Tisch kommt. Heute ist dies nicht mehr der Fall.
Es geht inzwischen, inmitten von Finanzkrise, Klimawandel, Ressourcenkonkurrenz und Globalisierung der Wirtschaftskreisläufe, schon längst nicht mehr um die Gestaltung einer offenen Zukunft: Aller Schwung ist dahin. Es geht nur mehr um Restauration; um die Aufrechterhaltung eines schon brüchig gewordenen Status quo, in diesem Sinn nicht mehr um Politik, sondern um hektisches Basteln.
Welzer, Harald. Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand
Eine letzte Warnung an die Menschheit von Ann-Margret Jönsson, geb. Nordborg.
Meine Mutter hat die Zusammenhänge der Natur intuitiv sehr gut verstanden. Mit unglaublicher Energie, Kreativität und künstlerischer Begabung schien sie sich zum Ziel gesetzt haben, die Welt noch schöner zu gestalten. Als sie im Alter von nur 47 Jahren an Krebs erkrankte, haben ihre Kräfte noch ausgereicht, um als Abschied eine letzte Warnung and die Menschheit zu schaffen. Entstanden ist dabei ein Wandteppich mit einer blutenden Erde unter einer kaputten Ozonschicht.
Einige Monate später, im Juni 1988, war sie tot. Den Wandteppich habe ich im Elternhaus wiedergefunden und in unserem Sommerhaus aufgehängt. Möge er dort künftige Generationen zum Nachdenken anregen.
Zeit zum Handeln
Nach meinem sechsmonatigen Sabbatical bin ich hochmotiviert in die Schweiz zurückgekehrt. Ich werde die mir verbleibende Zeit nutzen, um etwas Gutes zu tun.
Hier einige Links zu Aktivitäten, die in den letzten Monaten passiert sind.
Ich habe die grossartige Klimajournalistin Rachel Donald kennengelernt. Sie hat den Podcast Planet: Critical ins Leben gerufen und mich eingeladen, über die Klimakompensation zu sprechen.
Als Physiker habe ich mich von Erwind Schrödinger, Ilya Prigogine und andere inspirieren lassen und arbeite jetzt an einer thermodynamischen Definition der Nachhaltigkeit. Einen ersten Vortrag zu diesem Thema durfte ich im August dieses Jahres an der CMD29 Konferenz in Manchester halten. Die Konferenz hatte nichts mit Nachhaltigkeit zu tun, aber die Organisatoren waren der Meinung, dass das Thema uns allen angeht.
Ich suche Partner für eine Beteiligung am MEER-Projekt (Solar Radiation Managment | Meer). Es geht darum, die Sonneneinstrahlung an geeigneten Orten mit Spiegeln abzuschirmen.
Was mich in den letzten Monaten besonders beeindruckt und gefreut hat ist die Tatsache, dass immer mehr Entscheidungsträger der Wirtschaft die Notwendigkeit des Handelns einsehen. Es laufen auch Aktivitäten über die ich im Moment nichts sagen darf 😊.
PS: Ich habe im obigen Text bewusst auf gendergerechte Sprache verzichtet. Die Welt der Vergangenheit war männerdominiert, und ich möchte nicht die Frauen für unsere Probleme verantwortlich machen.
Niemand tut etwas gegen die Klimazerstörung, weil es heute weder politisch noch wirtschaftlich Sinn macht, etwas dagegen zu tun. Klimaschutz kostet nämlich Geld und politisches Kapital. Greenwashing, hingegen, besänftigt das Gewissen der Menschen, ohne etwas zu kosten.
Unser Problem ist nicht, dass die meisten Politiker und Unternehmer böse Menschen sind. Das Problem ist, dass sie alle im Rahmen des bestehenden Wirtschaftssystems, welches die externen Kosten der fossilen Brennstoffe konsequent ausblendet, rational handeln. Wer sich für Klimaschutz einsetzt ist irrational. Dies muss sich ändern!
Die Globale Klimakompensation ist ein Versuch, die Spielregeln der globalen Wirtschaft so zu verändern, dass die Zerstörung des Erdklimas etwas kostet. Einige Details dazu sind in diesem Vortrag vom 18. November 2021 an der OST zu finden.
COP26 promise to ‘end deforestation by 2030’ is not worth the pulp and paper it’s written on
by Bernice Maxton-Lee
World leaders at the climate meeting in Glasgow are celebrating their agreement to stop deforestation by 2030, specifically naming Indonesia, Brazil, and Democratic Republic of Congo. The pledge is being hailed as the meeting’s first major deal, but in reality it is little more than a cheap, gaudy toy. If it weren’t so pathetic, it would almost be funny that this is being suggested as something new, clever, or remotely useful.
The idea of protecting forests as ‘the lungs of our planet‘ is old wine in new bottles. Indonesia’s former President Yudhoyono invoked the term back in 2012. Forest conservation has been a favourite of climate discussions for decades, as an easy, low resistance way of tackling climate change. It looks like a no-brainer: trees suck up carbon emissions and do lots of other things humans find useful, so why not kill two birds with one stone, and keep the trees standing? But we know perfectly well too, that for 20 years there has been no reduction in deforestation or emissions. In fact, both have risen.
The rate of deforestation is increasing globally (Source WRI and Bernice Maxton Lee)
An Executive Director at Chatham House Sustainability Accelerator, which produced a report to COP26 promoting the Amazon rainforest as an important building block in a climate agreement, said this deal is ‘a really important step’ to keeping global temperature rises below 1.5C, but that ‘the devil is in the detail’. Actually, the devil is in the whole idea in the first place, but economists and finance evangelists will now have their fun with discussions about how best to put a financial value on the carbon content of forests, and the biodiversity and ecosystem services they supposedly provide to the global economy. None of this is new, and none of it has even begun to make a dent in the real source of greenhouse gas emissions, despite years of refinement and practice.
In 1997 the Kyoto Protocol presented forest conservation as a magic bullet for mitigating climate change. Since then, billions of US dollars have been spent in rainforest countries on legal reforms, governance improvement, and transparency drives (all of which, by an amazing coincidence, are keystones of neoliberal free market ideology). Certification programmes (of which there are almost too many to count) have sprung up to encourage responsible consumer engagement in palm oil, soy, and timber markets (regulated by the very companies that produce those goods), conservation enclosures have been funded by big energy companies (who naturally support any alternative to a restriction on fossil fuel use), and national payments to rainforest countries have been promised (and sometimes made) by apparently beneficent wealthy industrialised countries like Norway (much of whose wealth comes from fossil fuel extraction and export). Yet despite all these activities (we might even say because of them) global emissions have risen at terrifying rates, and forest cover has fallen.
Deforestation is not the most important source of global long-term emissions, and nor are they now the most reliable carbon sinks. As the climate warms, forests are now turning from carbon sinks to carbon contributors. Their ability to absorb carbon is fading, thanks to greater heat and water stress. Many are also dying. If we actually want to prevent runaway climate change, there is a much quicker and more effective way to reduce emissions, which is to stop burning fossil fuels.
The carbon concentration of the atmosphere is not only rising, it is rising at an accelerating rate (Source: Henrik Nordborg)
But we shouldn’t expect any new ideas when the old ones still have such appeal to an audience that doesn’t want fundamental change. The deforestation agenda is, in fact, a massive smoke screen, designed to detract attention from the real emissions problem.
The real cause of the emissions driving climate change is the fossil fuel combusting global economic engine. Global climate change is caused by anthropogenic emissions of greenhouse gases, and most greenhouse gas emissions come overwhelmingly from fossil fuel combustion and industrial processes like cement production and chemical and metal processes. The vast majority of these have historically been emitted by countries in the Global North since the Industrial Revolution, which makes US President Joe Biden’s rant against China at the opening of COP26 especially nauseating. The rise in emissions from developing and later developed countries like India and China follows the model of industrialisation, economic growth through large-scale production, and compulsory participation in global trade prescribed by the Global North. But that essential context is omitted from the hypocritical finger-wagging lectures of rich countries.
Pretending to save the world’s rainforests is simply a more cost effective policy for the Global North, and an easier concept for their economists, businesses, politicians, and voters to accept, because it effectively means they have to do nothing. This way, rich countries get to maintain their status quo, and dictate the terms of engagement, while shirking the consequences of their historical and continuing actions.