Zurück zur Realität

Der Weg in eine selbstgestaltete Zukunft

Das dumpfe Einverstandensein mit aller Verschlechterung der Zukunftsaussichten zeigt sich vor allem darin, dass wir widerspruchslos in einer Kultur leben, in der »Gutmensch« genauso als Beleidigung gilt wie »Wutbürger«.

– Welzer, Harald. Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand

Die Utopie ist am Horizont.
Ich laufe zwei Schritte,
sie entfernt sich zwei Schritte
und der Horizont rückt zehn Schritte weiter fort.
Also, wofür ist die Utopie dann gut?
Eben dafür, damit man läuft.

– Eduardo Galeano

Eine verschneite Landschaft mit einer breiten, schneebedeckten Spur, die zu einem ruhigen See führt. Die Sonne geht am Horizont auf, während sich Bäume rechts und links am Weg befinden.

Vor langer Zeit habe ich zusammen mit einem deutschen Postdoc den theoretischen Physiker Paul Wiegmann in seinem Büro in Chicago besucht. Er hat uns von einem spannenden Forschungsthema erzählt und uns gleichzeitig davon abgeraten, daran zu arbeiten. Der Grund war, dass die Lösung – wenn es überhaupt eine gäbe – mindestens zehn Jahre dauern würde, ohne brauchbare Zwischenergebnisse. Der Versuch, dieses Problem zu lösen, käme somit einem akademischen Selbstmord gleich.

Kein System ist perfekt. Jeder Versuch, menschliche Leistung zu messen, ob in der Schule, in der Forschung oder in der Privatwirtschaft, ist fehlerbehaftet. Nichtsdestotrotz leben wir in einer Welt des zunehmenden Controllings. «Was nicht gemessen werden kann, kann nicht gemanagt werden» lautet ein bekannter Spruch. Daraus wird immer gefolgert, dass mehr gemessen werden muss, auch wenn eine viel einfachere Lösung zur Verfügung stünde: Vielleicht müssen wir nicht alles managen. Erwachsene und gut ausgebildete Menschen, wie Lehrer, Ärzte oder Forscher (weibliche Form inbegriffen) müssten eigentlich in der Lage sein, sich selbst zu führen.

Die aus dem Kontrollwahn resultierende Bürokratisierung der Hochschulen hat sicherlich dazu geführt, dass Wissenschaftler immer weniger Forschung machen, weil sie zu viel Zeit mit Administration und dem Schreiben von Anträgen aufwenden (Binswanger 2024). Dies ist aber nicht der Hauptgrund, wieso sich das akademische System in einer Krise befindet. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass Forschungsfinanzierung sehr politisch geworden ist. Die «akademische Freiheit» ist durch ein System der «Wissenschaftsprostitution» ersetzt worden; die Forschenden machen das, wofür sie Geld bekommen, und tun so, als würde es ihnen gefallen (Tsakraklides 2025).

Leider ist dadurch ein System aufgebaut worden, das «wissenschaftliche Revolutionen» im Sinne von Thomas Kuhn verhindert (Kuhn 1962). Insbesondere ist es nicht dazu geeignet, Lösungen der planetaren Krise zu entwickeln. Wenn Forschung als Karriere gesehen wird, werden sich Wissenschaftler hauptsächlich mit Forschung beschäftigen, die dieser Karriere dienlich ist. Sie haben keine andere Wahl. Die verrückten Ideen, die lange dauern, eine tiefe Erfolgsquote haben, aber das Potenzial hätten, die Welt zu verändern, werden von den Förderagenturen ignoriert.

Das Problem ist nicht neu. Galileo Galilei wurde für seine bahnbrechenden Entdeckungen der Astronomie mit Hausarrest belohnt, und die Philosophen und Wissenschaftler der Aufklärung haben keine Mühe gescheut, die Vereinbarkeit ihrer Thesen mit den Dogmen der Kirche zu betonen, auch wenn sie vom Gegenteil überzeugt waren. Philipp Blom erzählt in «Die Unterwerfung» die Geschichte des deutschen Universalgelehrten Christian Wolff, der wegen der Behauptung, die chinesische Kultur liefere den Beweis für die Möglichkeit einer nicht-christlichen Ethik, im Jahr 1723 gecancelt wurde. Genau wie Galileo hatte er nicht verstanden, dass Kritik an der «göttlichen Ordnung» von den Mächtigen nicht goutiert wird.

Solche Gedanken führten direkt in den Abgrund und so wendete die »Moderate mainstream«-Aufklärung enorm viel Tinte auf, um sich vor ihren eigenen Konsequenzen zu schützen, denn letztendlich hatte die Philosophie im Verständnis vieler Zeitgenossen die Aufgabe, die Welt nicht nur zu erklären, sondern auch in ihren gegenwärtigen Strukturen zu rechtfertigen, was häufig auch mit wirtschaftlichen Abhängigkeiten verbunden war, siehe Christian Wolff.

-Philipp Blom, Die Unterwerfung

Im Jahr 1972 erschien der Bericht «Die Grenzen des Wachstums» (Meadows et al. 1972). Auch hier handelte es sich um eine wissenschaftlich korrekte Aussage mit dem Potenzial, bestehende Machtstrukturen zu zerrütten. Konsequenterweise ist den Autoren das gleiche Schicksal widerfahren wie Galileo etwa 340 Jahre früher. Die Frage, wie unbegrenztes Wachstum auf einem endlichen Planeten möglich sein kann, wurde nie beantwortet; sie wurde verboten. Die ganze Geschichte kann man auf «Cassandra’s Legacy» nachlesen oder im Podcast «Tipping Point» nachhören. Gaya Herrington hat einen aktuellen Vergleich zwischen den Vorhersagen des ursprünglichen Berichtes und der Realität veröffentlicht, und die Übereinstimmung ist erstaunlich gut (Herrington 2020). Bei der Unmöglichkeit des unbegrenzten Wachstums handelt es sich um eine verbotene Wahrheit. Oder anders gesagt, das Wirtschaftswachstum ist die Mutter aller Lügen.

Die heutigen Klima- und Nachhaltigkeitsforscher haben daraus gelernt. Wer Forschungsfinanzierung erhalten möchte, muss sich zuerst bereit erklären, den offensichtlichen Widerspruch zwischen Kapitalismus und Nachhaltigkeit zu leugnen. Die meisten tun dies, indem sie sich auf ein Teilproblem spezialisieren und sich somit nicht mit den grossen Fragen der Gegenwart auseinandersetzen müssen. Den Satz «dies wird die Welt auch nicht retten, aber …» habe ich inzwischen zu häufig gehört, um ihn lustig zu finden.

“Once the rockets are up, who cares where they come down? That’s not my department,” says Wernher von Braun

– Tom Lehrer, Wernher von Braun

Ich weiss heute immer noch nicht, ob das von Paul Wiegmann vorgeschlagene Forschungsthema interessant gewesen wäre. Wahrscheinlich nicht, da sich die theoretische Physik inzwischen von der realen Welt entfernt zu haben scheint. Inzwischen habe ich aber mehr als zehn Jahre investiert, um die sich beschleunigende Klimazerstörung zu stoppen. Oder anders gesagt, ich habe nach Möglichkeiten gesucht, den kollektiven Selbstmord der Menschheit zu verhindern. Es war ein langer Weg, der mich inzwischen wieder zum Ausgangspunkt zurückgeführt hat. Denn ob es uns gefällt oder nicht, am Ende geht es nur um Thermodynamik: Wir können den Planeten nachhaltig bewirtschaften oder ihn verheizen. Leider haben wir uns für die zweite Option entschieden und leben deshalb auf einem sterbenden Planeten.

Das Problem mit fossilen Brennstoffen ist längst bekannt. Professor Rudolf Clausius, einer der Pioniere der Thermodynamik und der Erfinder des Entropiebegriffes, hat schon im Jahr 1885 ein internationales Abkommen zur Begrenzung des Kohleabbaus gefordert (Erdöl und Erdgas gab es damals noch nicht) und Svante Arrhenius hat im Jahr 1896 das erste Klimamodell veröffentlicht. Für die Erklärung des Klimawandels wurde keine neue Physik benötigt – wie die Relativitätstheorie oder die Quantenmechanik – weil die gute alte Thermodynamik vollkommen ausreichte. Trotzdem fehlt in der Abschlussdeklaration des COP 30 – 140 Jahre nach der Empfehlung von Herrn Clausius – jede Erwähnung der fossilen Brennstoffe. Es gibt heute viel mehr Menschen auf unserem Planeten als vor 400 Jahren, aber die kollektive Intelligenz scheint eher abgenommen zu haben. Zwischen den Veröffentlichungen von Kopernikus «De revolutionibus orbium coelestium» (1543) und Newtons «Philosophiæ Naturalis Principia Mathematica» (1687) sind nur 144 Jahre verstrichen. Und sowohl die Relativitätstheorie als auch die Quantenmechanik wurden viel schneller von der Gesellschaft akzeptiert als die offensichtliche Tatsache des anthropogenen Klimawandels.

Jeder von uns trägt ein Weltbild mit sich, das uns erlaubt, die Welt zu interpretieren und schnelle Entscheidungen zu treffen. Um den Vergleich mit künstlicher Intelligenz zu wagen, tragen wir alle ein neuronales Netz im Kopf, das durch unsere Erfahrungen, Erziehung, Bildung und Indoktrination trainiert wurde und uns erlaubt, auf vorhandenes Wissen schnell zuzugreifen. Ein gelernter Automechaniker, der beim Autofahren ein komisches Rattern hört, wird das Geräusch anders interpretieren als der normale Autofahrer. Analog wird eine Ärztin die Symptome eines kranken Menschen hoffentlich besser interpretieren als der Laie.

Der entscheidende Punkt ist, dass Menschen die gleiche Information sehr unterschiedlich interpretieren. Im Mittelalter wurden Seuchen und Naturkatastrophen als die Strafe Gottes gedeutet, was der Lösungsfindung nicht gerade förderlich war. Heute sind wir vielleicht etwas weiter und nutzen unser Vorwissen aus der Medizin und Meteorologie, um die gleichen Ereignisse zu verstehen. Daraus zu schliessen, dass die Menschen im Mittelalter dumm waren, ist aber falsch. Basierend auf dem Weltbild eines allmächtigen Gottes lag die Vermutung nahe, dass dieser auch in der Lage war, in das Leben der Menschen direkt einzugreifen.

Almost everything that distinguishes the modern world from earlier centuries is attributable to science, which achieved its most spectacular triumphs in the seventeenth century.

Bertrand Russell, History of Western Philosophy

Die grösste Errungenschaft der wissenschaftlichen Revolution war die Einführung der wissenschaftlichen Methode, von Francis Bacon bereits im Jahr 1620 als «Novum Organum» bezeichnet. Diese Methode hat es uns ermöglicht, die Korrektheit einer Aussage objektiv zu überprüfen. Damit waren Fakten erfunden, die von religiösen Autoritäten unabhängig waren und somit die Macht der Kirche in Frage stellten. Am Ende konnte sich die Wissenschaft durchsetzen, weil sie den weltlichen Fürsten nützlicher war als die Religion. Die Wissenschaftler haben die Priester nicht nur als Berater ersetzt, sondern sie wurden Teil der «Rechtfertigungsindustrie», welche für den Erhalt bestehender Machtstrukturen notwendig ist. Wie Philipp Blom so schön festgehalten hat, wurde die vermeintliche Unterlegenheit der Frauen oder anderer Rassen zuerst religiös begründet und nachher wissenschaftlich (Blom 2022). Das Ziel war immer das gleiche, denn die herrschende Meinung ist immer die Meinung der Herrschenden. Dass die Wissenschaft inzwischen religiöse Züge angenommen hat, ist kein Zufall, sondern eine Notwendigkeit, denn ohne ein allumfassendes Weltbild (oder eben eine Religion) können komplexe Gesellschaften nicht funktionieren (Harari 2015). Nietzsche hatte wohl recht, als er feststellte, dass Gottesmord ein schweres Verbrechen ist, das nicht so leicht gesühnt werden kann.

Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. Weiter reichte seine Vorstellungskraft nicht.

Tage Danielsson

Die Wissenschaft kann aber die existenziellen Fragen der Menschen nicht beantworten und ist somit als Weltbild unzulänglich. Es folgt, dass wir alle – unabhängig vom Bildungsstand und der Profession – viele unbegründete und irrationale Meinungen in uns tragen, die unser Denken und Handeln massgeblich beeinflussen. Das Weltbild der Europäer ist von der christlichen Vorstellung der Unterwerfung der Natur, kombiniert mit einer guten Portion Rassismus und Gewaltfixierung, geprägt. Seit Hunderten von Jahren führen wir einen Dauerkrieg nicht nur gegen die Natur, sondern auch gegen andere Kulturen und Rassen. Lange waren wir erfolgreich, weshalb Australien, Neuseeland und Amerika grösstenteils von Europäern besiedelt sind und die Erde inzwischen Fieber hat. Heute stellen wir fest, dass die restliche Welt und die Natur durchaus imstande sind, Widerstand zu leisten.

Das ist eine böse Zeit, wenn Wahnwitzige die Blinden führen.

Das Problem mit Weltbildern fängt dann an, wenn sie so starr werden, dass sie weiteres Lernen verunmöglichen. Intelligente Menschen zeichnen sich durch ihre Lernfähigkeit aus. Sie bleiben neugierig, sind bereit zuzuhören und können aufgrund neuer Fakten ihre Meinung ändern. Was wir momentan in Europa erleben, ist das Gegenteil von Intelligenz. Die herrschende Elite und ein Grossteil der Bürgerinnen und Bürger können gar nicht akzeptieren, dass weiteres Wirtschaftswachstum weder möglich noch erwünscht ist oder dass die USA bereit sind, das europäische Projekt aufzugeben (Donald 2025). Wir werden von Vertretern der Gattung «Homo Ignorans» regiert, die bewusst jede Information ausblenden, die nicht zu ihrem Weltbild passt (Hertwig und Engel 2016).

Als ich im Jahr 2013 meinen ersten Klimavortrag an der Hochschule in Rapperswil hielt, war der Hörsaal zum Bersten voll. Damals hatte noch niemand vom Pariser Klimaabkommen oder den Klimastreiks gehört und die Studierenden schienen grosses Interesse daran zu haben, mehr über die Klimazerstörung zu erfahren. Die CO2-Konzentration der Atmosphäre war kleiner als 400 ppm, die globale Erwärmung lag etwa bei 1 °C, und die meisten Nationen der Welt hatten handlungsfähige und rational denkende Regierungen.

Heute, 12 Jahre später, hat sich die Weltlage in fast jeder Hinsicht massiv verschlechtert. Die einzige positive Nachricht ist, dass die Chinesen inzwischen sehr günstige Batterien und Solarpanels produzieren können, weshalb der Ausbau der erneuerbaren Energien schnell voranschreitet. Dies wird aber nicht ausreichen, weil der globale Energiebedarf weiterhin ansteigt und die Biosphäre allmählich ihre Fähigkeit verliert, zusätzliches CO2 aufzunehmen. Das Ergebnis ist, dass die Konzentration der Treibhausgase immer schneller ansteigt, wie aus dem Diagramm unten ersichtlich ist. Wir fahren gegen eine Wand und beschleunigen immer noch. Jeder Versuch, den Fuss vom Gaspedal wegzunehmen oder sogar die Bremse zu betätigen, gilt als politisch zu radikal, um mehrheitsfähig zu sein.

Diagramm zur CO2-Konzentration in der Atmosphäre mit Zeitachse von 1960 bis 2025, zeigt die steigenden Werte und wichtige Ereignisse in der Klimapolitik.
Die Keeling-Kurve (Scripps Institution of Oceanography) mit der atmosphärischen Kohlendioxidkonzentration. Der kleine rote Kreis zeigt das Datum meines ersten Klimavortrags. Mehr als 20 % der Gesamtemissionen stammen aus der Zeit nach diesem Vortrag.

Gleichzeitig scheint die nächste Generation – mit wenigen Ausnahmen – aufgegeben zu haben. Der Grund dafür ist das «bla, bla, bla» (Zitat Greta Thunberg) der Politik, Wirtschaft und Medien. Junge Menschen haben das Gefühl, ständig angelogen zu werden, und der Grund dafür ist, dass sie ständig angelogen werden. Jeder denkende Mensch versteht, dass Begriffe wie «nachhaltiges Wachstum» oder «Klimarealismus» nur euphemistische Umschreibungen der geplanten Weltzerstörung sind. Wir scheinen von Menschen regiert zu werden, die weder das Wissen noch die intellektuelle Kapazität oder die Führungsqualität haben, um realistische Lösungen für höchst reale Probleme anzubieten. Ausserdem ist es unklar, ob sie es überhaupt wollen; Regierungen, die einem Genozid tatenlos zuschauen können, werden kaum einen Ökozid verhindern wollen. Die Bürgerinnen und Bürger haben verständlicherweise Angst vor dem Kollaps und suchen verzweifelt nach dem Erlöser. Wie es enden könnte, kann man in «Die Geschichte eines Deutschen» von Sebastian Haffner nachlesen, der Deutschland im Jahr 1938 rechtzeitig verlassen konnte (Haffner 2014).

Während Hitler das Tausendjährige Reich durch den Massenmord aller Juden herbeiführen wollte, gab es in Thüringen einen gewissen Lamberty, der es durch allgemeinen Volkstanz, Singen und Luftsprünge erreichen wollte. Jeder Erlöser hatte seinen eigenen Stil. Nichts und niemand war überraschend; die Überraschung war etwas schon lange vergessenes.

Haffner, Sebastian. Geschichte eines Deutschen: Die Erinnerungen 1914-1933

In den USA haben viele Wählerinnen und Wähler in New York für Alexandria Ocasio-Cortez (AOC) und für Donald Trump gestimmt (siehe dazu ein faszinierendes Gespräch zwischen Bernie Sanders und Trevor Noah). Sie haben ihre Stimmen der Person gegeben, die bereit war zuzugeben, dass das bestehende System nicht mehr funktioniert. Der gleiche Trend ist in Europa zu beobachten und die etablierten Parteien verlieren immer mehr an Bedeutung. Dies ist nicht unbedingt eine schlechte Entwicklung. Die Frage ist, wodurch sie ersetzt werden.

Wenn, wie es im Fall der Erderhitzung und der anderen ökologischen Probleme, evident zu sein scheint, dass sich die Lebens- und Überlebensbedingungen deutlich verändern werden, und die herrschenden Parteien und Akteure ganz offensichtlich die Probleme nicht angemessen adressieren, weil sie erstens noch in einer Weltsicht aus dem 20. Jahrhundert verfangen sind und zweitens von ihrem Lebensalter her nicht so hart von den ökologischen Krisen getroffen sein werden wie die Jüngeren: Dann hat man einen handfesten, der Sache nach radikalen Generationenkonflikt.

– Harald Welzer, ZEITEN ENDE: Politik ohne Leitbild, Gesellschaft in Gefahr.

Paradoxerweise gibt der Kollaps der westlichen Demokratien Anlass zur Hoffnung. Es dürfte inzwischen allen klar sein, dass der Globale Norden nie vorhatte, die Klimakrise zu lösen. Es gab einfach zu viel zu verlieren, und die Oligarchie hat alles darangesetzt, den Status Quo so lange wie nur möglich zu erhalten. In einem kapitalistischen System kann die Klimakrise nur gelöst werden, wenn es nichts kostet.

Das fundamentale Problem ist so alt wie die menschliche Zivilisation: Die Elite einer Gesellschaft besteht aus Menschen, die vom bestehenden System maximal profitiert haben und somit die Letzten sind, die das System verändern wollen. Denn auch bei der Lösung der Klimakrise wird es Gewinner und Verlierer geben, und die Letzteren werden nicht kampflos aufgeben. In der Privatwirtschaft wird meistens das Führungsteam ausgewechselt, wenn grosse Umbaumassnahmen anstehen. Nur wenn es um die grösste Herausforderung der Menschheitsgeschichte geht, scheinen wir der Meinung zu sein, dass sich das Problem von selbst lösen wird, basierend auf Freiwilligkeit. Dies ist einigermassen naiv.

Ausserdem sorgt eine tief verwurzelte Angst vor Veränderungen dafür, «dass wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehn» (Shakespeare, Hamlet). Wir können aber den Aufstieg der Populisten und Rechtsradikalen nicht stoppen, indem wir veraltete und korrupte Machtstrukturen erhalten. Wie Zoran Mamdani in New York gezeigt hat, müssen wohl die rechten Parteien eher links überholt werden.

Wollen wir den Weltuntergang einfach so hinnehmen?

Es ist offensichtlich, dass wir nicht auf Kurs sind, die Klimakatastrophe abzuwenden. Die Treibhauskonzentrationen und die Temperaturen steigen immer schneller, die Biodiversität nimmt weiterhin ab und die meisten planetaren Grenzen haben wir bereits hinter uns gelassen. Mitte dieses Jahrhunderts wird sich die Erde um 2 °C erwärmt haben, und wir können praktisch nichts dagegen tun. In Afrika und Südostasien sind inzwischen 30-40 % aller Kinder unterernährt und die Lage wird sich mit steigenden Temperaturen dramatisch zuspitzen (Nature 2025).

Da Gewalt immer eine Option menschlichen Handelns ist, ist es unausweichlich, dass gewaltsame Lösungen auch für Probleme gefunden werden, die auf sich verändernde Umweltbedingungen zurückgehen.

Harald Welzer, Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird.

Weltweit nimmt die Anzahl bewaffneter Konflikte wieder zu, und viele davon haben mit dem Zugang zu Ressourcen zu tun. Es könnte durchaus sein, dass die Menschheit durch einen Atomwaffenkrieg ausgelöscht wird, bevor wir die klimatischen Kipppunkte erreichen, aber dies wäre ein schwacher Trost.

Die Frage ist, wer uns retten soll. Die Privatwirtschaft wird die planetare Krise nicht lösen, weil es dafür keine Anreize gibt. Die Politiker können es nicht tun, weil es sich erstens um ein globales Problem handelt und sie zweitens kein Mandat dazu haben; nur die Quadratur des Kreises ist mehrheitsfähig. Die Wissenschaftler sind Angestellte der Regierungen und machen nur das, was die Politik von ihnen verlangt. Die traurige Wahrheit ist, dass die Klimakrise ein ungelöstes Problem bleibt, weil niemand an deren Lösung arbeitet. Es gibt weltweit keine Nation, kein Unternehmen oder sonst irgendeine Organisation, die einen realistischen Plan für das Abwenden der Klimakatastrophe hat.

Das grosse Problem unserer Zeit ist nicht die zunehmende Polarisierung, sondern die Tatsache, dass wir vergessen haben zu denken und zu argumentieren. Diese Entwicklung wurde bereits von Neil Postman im Jahr 1985 vorhergesagt (Postman 1985), und inzwischen zeigen linguistische Studien, dass er recht hatte (Scheffer et al. 2021). Statt eines seriösen politischen Diskurses finden heute nur Streitgespräche statt, die das hauptsächliche Ziel haben, das Publikum zu unterhalten. Sie führen zu nichts, weil die Weltbilder der Kontrahenten viel zu unterschiedlich sind. Ausserdem sind Debatten über die planetare Krise sinnlos, wenn sie nicht auf Fakten basieren. Die ganze Idee hinter der wissenschaftlichen Methode war, dass es eine objektive Wahrheit gibt, die es zu entdecken gilt. Damit dieser Prozess funktioniert, müssen wir bereit sein zuzuhören und unsere Meinung zu ändern, was auf einer Bühne vor einem kritischen Publikum kaum passieren wird.

Die Naturgesetze und insbesondere die Thermodynamik sind nicht demokratisch. Auch wenn es möglich ist, per Mehrheitsentscheid die Quadratur des Kreises oder die Abschaffung des zweiten Hauptsatzes zu beschliessen, macht dies wenig Sinn. In seinem im Jahr 1961 erschienenen Buch «The Image» beschreibt Daniel J. Boorstin «wie wir unseren Wohlstand, unsere Bildung, unsere Technologie und unseren Fortschritt genutzt haben, um das Dickicht der Unwirklichkeit zu schaffen, das zwischen uns und den Tatsachen des Lebens steht» (Boorstin 1961). Er fängt bei den «übersteigerten Erwartungen» der Menschen an und beschreibt, wie aus dem «amerikanischen Traum» eine «amerikanische Illusion» geworden ist. «Wir müssen zuerst aufwachen, bevor wir in die richtige Richtung laufen können. Wir müssen unsere Illusionen erkennen, bevor wir verstehen, dass wir schlafgewandelt sind.» Erst wenn wir verstehen, wer wir sind und wo wir stehen, können wir entscheiden, wo wir hingehen wollen.

Seit mehr als einem Jahrzehnt habe ich den grössten Teil meiner Freizeit damit verbracht, die planetare Krise nicht nur zu verstehen, sondern auch eine Lösung zu finden. Ich habe mich dabei frei über die Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen bewegt, was im heutigen System der formalisierten Forschungsfinanzierung gar nicht möglich gewesen wäre, hätte ich dafür Geld gewollt. Ich habe verstanden, dass Paul Wiegmann doch recht hatte: Das Lösen relevanter Probleme dauert mindestens 10 Jahre und ist für die wissenschaftliche Karriere eher schlecht. Umso grösser die Genugtuung, wenn die Lösung doch gefunden wird.

Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf die Dauer nicht widerstehen. Kein Mensch kann lange zusehen, wie ich einen Stein fallen lasse und dazu sage: er fällt nicht. Dazu ist kein Mensch imstande. Die Verführung, die von einem Beweis ausgeht, ist zu groß. Ihr erliegen die meisten, auf die Dauer alle. Das Denken gehört zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse.

Bertolt Brecht, Leben des Galilei

Einer alten akademischen Tradition folgend werde ich im Frühling 2026 eine Reihe öffentlicher Vorträge – oder vielleicht eher Feierabendgespräche – durchführen. Ich möchte die Teilnehmenden auf eine Reise durch Zeit und Raum mitnehmen, mit dem Ziel, ihnen das Denken beizubringen, damit sie die Welt von heute verstehen können. Dabei geht es weniger um den Aufbau eines neuen Weltbildes als um die Dekonstruktion eines falschen. Denn entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist unsere Welt nicht komplexer geworden. Das Problem ist das «Dickicht der Unwirklichkeit», das sich in der Werbung, in den Medien und in der Politik ausgebreitet hat. Nur wer die Welt versteht, kann den Weg aus dem Morast der Lügen finden.

Persönlich möchte ich mit den Veranstaltungen meinem Motto treu bleiben und «unseren Kindern einen Grund geben, uns nicht zu hassen». Ich freue mich auf zahlreiches Erscheinen, besonders von der jüngeren Generation.

Die genauen Daten und der Veranstaltungsort müssen noch festgelegt werden, aber das vorläufige Programm sieht wie folgt aus:

Der (einst) vitale Planet

In diesem Vortrag werde ich den Begriff des vitalen Planeten einführen und erklären, wieso wir uns heute aus thermodynamischer Sicht auf einen sterbenden Planeten befinden. Schuld daran ist die menschliche Zivilisation und eine Heilung wäre möglich, aber nur unter Berücksichtigung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik.

Kapitalismus als Religion

Hier wird erklärt, wieso der Kapitalismus immer eine schlechte Idee war und wie wir ein Wirtschaftssystem entwickeln können, das ohne Wachstum und Kapitaleinkommen auskommt. Die gute Nachricht ist, dass dies nicht schwierig wäre.

Globale Klimakompensation

Die globale Klimakompensation ist ein konkreter Plan, wie wir die Klimakrise lösen könnten. Der Plan würde geopolitische Spannungen reduzieren, globale Armut abschaffen und hätte die Unterstützung von mindestens 80 % der Weltbevölkerung.

Die friedliche Revolution der anständigen Menschen

Wir können wir unsere Gesellschaft hinreichend schnell verändern? Auch dafür gibt es einen Plan, der ohne illegale Aktionen auskommt. Da wir dem Gegner keinen Informationsvorsprung gewähren wollen, werden die Details bis auf weiteres unter Verschluss gehalten.

Wenn irgendetwas von dem, was wir schätzen, überleben soll, muss das Problem gelöst werden. Wie es gelöst werden kann, ist klar; die Schwierigkeit besteht darin, die Menschheit zu überzeugen, ihrem eigenen Überleben zuzustimmen. Ich kann nicht glauben, dass diese Aufgabe unmöglich ist.

– Bertrand Russell

«Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels spürt, und die letzte Generation, die etwas dagegen tun kann» hat Präsident Barack Obama im Jahr 2014 gesagt. Bald werden wir den letzten Teil dieses wunderbaren Zitats in «hätte tun können» umformulieren müssen. Wir leben in einer Zeit, die von grossen Unsicherheiten geprägt ist. Die daraus resultierende Angst wird von populistischen Politikern und den Ultrareichen instrumentalisiert, um das Fussvolk gefügig zu halten. Das Denken ist in unserer Gesellschaft immer noch erlaubt, aber nicht obligatorisch. Das Nichtdenken ist aber inzwischen tödlich geworden.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern inspirierende und erholsame Festtage. Hoffentlich sehen wir uns im neuen Jahr.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Parsifal: «Ich schreite kaum, doch wähn ich mich schon weit.»
Gurnemanz: «Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit.»

Wagner, Parsifal

Während der letzten sechs Monate habe ich eine Zeitreise unternommen. Statt mich von den Massenabfertigungssystemen der modernen Reisebranche von einem Kontinenten zum anderen verfrachten zu lassen, habe ich mich mit Orten und Menschen auseinandergesetzt, die ich einst gekannt habe. Vor allem bin ich dorthin gereist, wo ich nicht nur meiner Kreditkarte wegen freundlich empfangen wurde. Ich habe alte Freunde wiedergesehen und neue Bekanntschaften gemacht.

Abschied von Malte Jönsson – «Ihn fällte des Alters siegende Kraft»

Die Reise fing im Elternhaus zusammen mit meinem 90-jährigen Vater an und hörte mit dem Abschiednehmen in der wunderbaren mittelalterlichen Kirche von Stehag auf. Ein langes Leben ist zu Ende gegangen und es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Wer, wie mein Vater, in den dreissiger Jahren auf einem Bauernhof im neutralen Schweden geboren wurde, hatte gute Voraussetzungen, alt zu werden. Die Kindheit und Jugend wurden mit körperlicher Arbeit an der frischen Luft verbracht und im Alter standen die Errungenschaften der modernen Medizin zur Verfügung. Ausserdem musste weder er noch seine älteren Brüder befürchten, in einen sinnlosen Krieg geschickt zu werden. Heute ist alles anderes und die Jugend wird sich wohl damit abfinden müssen, deutlich früher zu sterben. Nicht nur wegen des ungesünderen Lebens, sondern vor allem weil Ressourcenknappheit und Klimawandel die vier Reiter der Apokalypse wieder auf die Bühne geholt haben. Die schwedische Neutralität ist widerstandslos aufgegeben worden und die Rüstungsausgaben steigen weltweit (Trends in World Military Expenditure, 2021 | SIPRI). Während der COVID-Pandemie ist es uns allen klar geworden, dass die Idee der internationalen Zusammenarbeit eine Illusion bleibt. Wir erleben gerade den gefährlichsten Moment der Menschengeschichte, wie Noam Chomsky richtig festgehalten hat.

Mein Vater Ende der 40er Jahre.

Als mein Vater mit der Mistgabel auf dem Pferdewagen stand, war der zweite Weltkrieg gerade zu Ende gegangen. Es folgte eine Periode beispiellosen wirtschaftlichen Wachstums und technischen Fortschritts, welche das Denken der Menschen geprägt hat. Vor allem die Kernspaltung und die Verheissung der unbegrenzt verfügbaren Energie (E = mc2) hat die Menschheit fasziniert. Plötzlich schien jedes Problem durch Investitionen in neue Technik lösbar zu sein. Das dafür benötigte Geld sollte durch Wachstum erzeugt werden und die Aufgabe der Politik wurde auf das Bereitstellen günstiger Rahmenbedingungen für die Wirtschaft reduziert. Der Fantasie (bzw. Geldgier) der Menschen waren keine Grenzen gesetzt und zum ersten Mal in der Geschichte wurde Übermut (Hybris) zur Tugend. Wer das Ausmass des Wahnsinns verstehen möchte, soll sich bitte Our Friend the Atom aus dem Jahr 1957 auf Youtube anschauen. In diesem von Walt Disney produzierten Film wird vom deutschen Physiker und ehemaligen SS-Mitglied Heinz Haber der Segen der radioaktiven Strahlung sehr anschaulich und kindergerecht erklärt. Allerdings scheint auch Dr. Haber verstanden zu haben, dass die Verbrennung fossiler Brennstoffe möglichst bald aufhören müsste – die Nutzung der Atomkraft war für ihn die einzige Lösung.

Was dagegenspricht, sich in Fragen, die menschliche Angelegenheiten angehen, auf Wissenschaftler qua Wissenschaftler zu verlassen, ist nicht, daß sie sich bereitfanden, die Atombombe herzustellen, bzw. daß sie naiv genug waren zu meinen, man würde sich um ihre Ratschläge kümmern und bei ihnen anfragen, ob und wie sie eingesetzt werden sollte; viel schwerwiegender ist, daß sie sich überhaupt in einer Welt bewegen, in der die Sprache ihre Macht verloren hat, die der Sprache nicht mächtig ist.

Arendt, Hannah. Vita activa oder Vom tätigen Leben

Der oben genannte Film vermittelt den Eindruck, dass es bei der Kernenergie nicht nur um eine neue Technologie handelt, sondern um eine Revolution der menschlichen Existenz. Heute ist das gleiche Phänomen in der Diskussion der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz (KI) zu beobachten. Die Automatisierung versprach die Abschaffung der physischen Arbeit, die KI das Ende des menschlichen Denkens. Dabei ist die Fähigkeit kritisch zu Denken heute wichtiger als je zuvor.

Warum werden gerade diejenigen Wünsche, die sich auf Irrtümern gründen, in uns übermächtig? Nichts haben sie mir später mehr übelgenommen als meine Weigerung, mich ihrem fatalen Wunschentzücken hinzugeben.

Christa Wolf, Kassandra

Es gab auch vernünftigere Stimmen auf der Welt. Schon während des zweiten Weltkrieges hat sich Erwin Schrödinger (Nobelpreis 1933) Gedanken zur thermodynamischen Erklärung des Lebens gemacht (Was ist Leben?). Seine Ideen, zusammen mit den späteren Arbeiten von Ilya Prigogine (Nobelpreis 1977) und anderen, sind für eine wissenschaftlichen Definition der Nachhaltigkeit ausreichend. Leider hat sich niemand dafür interessiert. Im Jahr 1958 erklärte der renommierte amerikanische Ökonom J. K. Galbraith in seinem Buch The Affluent Society den Kapitalismus zum Auslaufmodell: Wenn Arbeit darin besteht, ein sinnloses Produkt zu erstellen, das niemand braucht und die Umwelt zerstört, wäre es viel besser, nicht zu arbeiten. Auch für diese offensichtlich korrekte Aussage hat sich niemand interessiert.

Im Jahr 1958 haben sich auch meine Eltern kennengelernt. Als sie fünf Jahre später heirateten, war das Buch Silent Spring von Rachel Carson gerade erschienen, das vielleicht als Anfang der Umweltbewegung gesehen werden kann. Vor 50 Jahren, als ich erst fünf Jahre alt war, wurde die Studie Grenzen des Wachstums des Club of Rome veröffentlicht, die aufgrund ihrer Richtigkeit weitestgehend ignoriert wurde. Dafür wurden Wissenschaftler, welche die Studie nicht verstanden haben, später mit dem Nobelpreis geehrt (Why Economists Can’t Understand Complex Systems: Not Even the Nobel Prize, William Nordhaus – Resilience).

Als die kleine Kirche in Stehag im 12. Jahrhundert gebaut wurde, waren die letzten vorchristlichen Tempel im damals dänischen Reich gerade abgerissen und ein Weltbild durch ein neues, nicht weniger falsches, ersetzt worden. Etwa 500 Jahre später hat ein gewisser Galileo Galilei einen bemerkenswerten Brief an die Grossherzogin Christina von Toskana verfasst. Er verteidigt darin die empirischen Wissenschaften, deren Aussagen auf Beobachtungen der Natur basieren, und hält fest, dass die Mächtigen dieser Welt zwar Gesetze, aber keine Naturgesetze, erlassen können. Was dabei auffällt, ist die Naivität Galileos. Er glaubte, dass seine Forschungsergebnisse allein wegen ihrer Richtigkeit akzeptiert werden müssten und verstand nicht, dass die Mächtigen sich nur für ihre Nützlichkeit interessierten. Da die katholische Kirche darin vor allem ein Infragestellen der göttlichen Ordnung gesehen hat, wurde Galileo unter Hausarrest gestellt und zum Schweigen gebracht.

Ich entdeckte vor wenigen Jahren, wie Ihre durchlauchte Hoheit wohl wissen, viele besondere Erscheinungen am Himmel, die bis dahin unsichtbar gewesen waren. Weil diese, sei es wegen ihrer Neuheit, sei es wegen mehrerer Konsequenzen, die sich aus ihnen ergeben, einigen Behauptungen über die Natur widersprechen, die üblicherweise von den Philosophenschulen akzeptiert werden, brachten sie eine nicht geringe Zahl von Professoren gegen mich auf, gleichsam als ob ich diese Dinge eigenhändig an den Himmel gesetzt hätte, um Natur und Wissenschaft in Verwirrung zu bringen.

Galileo Galilei, Brief an die Grossherzogin Christina

Wir müssen die wissenschaftliche Revolution, die vor etwa 400 Jahren stattgefunden hat, neu denken. Sie war weniger ein Sieg der Vernunft als ein machtpolitischer Entscheid, die Priester durch Wissenschaftler zu ersetzen, genauso wie die Könige der Wikinger 500 Jahre früher das Christentum aus realpolitischen Überlegungen eingeführt haben. Weltanschauungen sind nun mal Narrative, die bestehende Machstrukturen rechtfertigen sollen, und die Vertreter der Kirche und der Wissenschaft werden wegen ihrer Nützlichkeit geduldet. Dafür müssen sie einfach so tun, als könnten sie alle Probleme der Menschheit lösen und dem König niemals widersprechen. Die COVID-, Klima-, oder Energiestrategien eines Landes sind aus wissenschaftlicher Sicht immer gut, weil die Wissenschaftler sonst kein Geld bekommen. Ich übertreibe vielleicht ein wenig, aber der Interessenskonflikt ist offensichtlich, da die Forscher ihren Lohn direkt vom Staat beziehen. Es erstaunt immer wieder, wie häufig Forschungsergebnisse im Interesse des Auftraggebers ausfallen. Die Warnung Galileos aus dem Jahr 1615 ist somit ungehört geblieben, und nur so ist die Idee des nachhaltigen Wachstums als Antwort auf den Klimawandel zu verstehen. Diese neuste Inkarnation des Perpetuum Mobiles ist eher durch ihre politische Notwendigkeit als ihre physikalische Machbarkeit zu erklären.

Die Krise der Menschheit ist ein direktes Resultat unseres Weltbildes und deshalb nicht durch neue Technologie zu lösen. Hingegen wäre unabhängige Forschung, die nicht im Interesse der Geldvermehrung durchgeführt wird, sehr wichtig. Die Forschungsförderung führt aber dazu, dass die Universitäten heute keine Kraft des gesellschaftlichen Wandels sind und die Prophezeiung Galileos aus dem Bühnenstück von Bertolt Brecht sich leider bewahrheitet hat. Aus den Forschern ist “ein Geschlecht erfinderischer Zwerge” geworden, die für alles gemietet werden können.

Unter diesen ganz besonderen Umständen hätte die Standhaftigkeit eines Mannes große Erschütterungen hervorrufen können. Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschheit anzuwenden! Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können.

Brecht, Bertolt. Leben des Galilei

Heute brauchen wir aber keine Wissenschaft, um den schlechten Zustand unseren Planeten zu verstehen. Der grösste Vorteil einer Zeitreise ist vielleicht, dass sie die schleichende Verschlechterung der Umwelt gnadenlos offenbart. Wer zu den Orten seiner Kindheit zurückkehrt, stellt sehr schnell fest, dass die Wiesen und Wälder von damals, durch Strassen, Parkplätze, und Häuser ersetzt worden sind. Die biologische Vielfalt ist einer primitiven Konsumgesellschaft gewichen, was sicher nicht nachhaltig ist. Leider scheinen viele Menschen dies nicht zu verstehen, weil sie jeglichen Bezug zur Natur und zu biologischen Prozessen verloren haben. In der Generation meines Vaters ist praktisch jeder auf einem Bauernhof aufgewachsen und hat verstanden, wie Essen auf den Tisch kommt. Heute ist dies nicht mehr der Fall.

Es geht inzwischen, inmitten von Finanzkrise, Klimawandel, Ressourcenkonkurrenz und Globalisierung der Wirtschaftskreisläufe, schon längst nicht mehr um die Gestaltung einer offenen Zukunft: Aller Schwung ist dahin. Es geht nur mehr um Restauration; um die Aufrechterhaltung eines schon brüchig gewordenen Status quo, in diesem Sinn nicht mehr um Politik, sondern um hektisches Basteln.

Welzer, Harald. Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand
Eine letzte Warnung an die Menschheit von Ann-Margret Jönsson, geb. Nordborg.

Meine Mutter hat die Zusammenhänge der Natur intuitiv sehr gut verstanden. Mit unglaublicher Energie, Kreativität und künstlerischer Begabung schien sie sich zum Ziel gesetzt haben, die Welt noch schöner zu gestalten. Als sie im Alter von nur 47 Jahren an Krebs erkrankte, haben ihre Kräfte noch ausgereicht, um als Abschied eine letzte Warnung and die Menschheit zu schaffen. Entstanden ist dabei ein Wandteppich mit einer blutenden Erde unter einer kaputten Ozonschicht.

Einige Monate später, im Juni 1988, war sie tot. Den Wandteppich habe ich im Elternhaus wiedergefunden und in unserem Sommerhaus aufgehängt. Möge er dort künftige Generationen zum Nachdenken anregen.


Zeit zum Handeln

Nach meinem sechsmonatigen Sabbatical bin ich hochmotiviert in die Schweiz zurückgekehrt. Ich werde die mir verbleibende Zeit nutzen, um etwas Gutes zu tun.

Hier einige Links zu Aktivitäten, die in den letzten Monaten passiert sind.

  • Die Idee der globalen Klimakompensation hat eine eigene Webseite erhalten: Global Climate Compensation.
  • Ich habe die grossartige Klimajournalistin Rachel Donald kennengelernt. Sie hat den Podcast Planet: Critical ins Leben gerufen und mich eingeladen, über die Klimakompensation zu sprechen.
  • Meine Beiträge für higgs.ch sind vom Energieexperten Thomas Elmiger gerettet worden. Sie sind hier zu finden: Henrik Nordborg schreibt für Energie-Experten.
  • Als Physiker habe ich mich von Erwind Schrödinger, Ilya Prigogine und andere inspirieren lassen und arbeite jetzt an einer thermodynamischen Definition der Nachhaltigkeit. Einen ersten Vortrag zu diesem Thema durfte ich im August dieses Jahres an der CMD29 Konferenz in Manchester halten. Die Konferenz hatte nichts mit Nachhaltigkeit zu tun, aber die Organisatoren waren der Meinung, dass das Thema uns allen angeht.
  • Ich suche Partner für eine Beteiligung am MEER-Projekt (Solar Radiation Managment | Meer). Es geht darum, die Sonneneinstrahlung an geeigneten Orten mit Spiegeln abzuschirmen.

Was mich in den letzten Monaten besonders beeindruckt und gefreut hat ist die Tatsache, dass immer mehr Entscheidungsträger der Wirtschaft die Notwendigkeit des Handelns einsehen. Es laufen auch Aktivitäten über die ich im Moment nichts sagen darf 😊.

PS: Ich habe im obigen Text bewusst auf gendergerechte Sprache verzichtet. Die Welt der Vergangenheit war männerdominiert, und ich möchte nicht die Frauen für unsere Probleme verantwortlich machen.

Und sie dreht sich doch!

Liebe Mitmenschen, liebe Klimastreikende

Hier ein kleines Update zu meiner Präsentation «Auf ein Wunder zu hoffen ist keine Strategie» mit einem Vorwort von Galileo Galilei (vgl. Denken ist erlaubt). Der Auslöser dafür war nicht nur die Wiederaufnahme der Klimastreiks, sondern auch der fast komplette Realitätsverlust der offiziellen Klimadebatte. Alle reden von der Notwendigkeit, die Treibhausgasemissionen möglichst schnell zu senken. Gleichzeitig wissen wir, dass sie bis im Jahr 2030 kaum sinken werden, womit wir dann auch das Zwei-Grad-Ziel aufgeben können. Der Grund ist, dass eine schnelle Absenkung der Emissionen bei gleichbleibender oder sogar steigender Wirtschaftsleistung eine physikalische Unmöglichkeit darstellt, wie ich in meinem Vortrag zeige. Wir könnten genauso gut die Erfindung des Perpetuum Mobiles zur offiziellen Klimastrategie machen.

Leider ist der Vortrag etwas zu lang geraten aber er enthält einige interessante Informationen. Eine PDF-Version der Vortrages ist hier.

Auf ein Wunder zu hoffen ist eben keine Strategie. Wenn wir also jetzt nicht bereit sind, die wirtschaftliche Notbremse zu betätigen, gibt es keine Hoffnung mehr. Um mit Hannah Arendt zu sprechen, stehen wir dann wieder vor dem «totalen Zusammenbruch aller geltenden moralischen Normen im öffentlichen und privaten Leben», ausgelöst durch das banale Versagen der Eliten, das Richtige zu tun.

«Was eben wahr ist allerorten
Das sag ich mit ungescheuten Worten.»

Übrigens habe ich letzte Woche den Klimaplan von avenir suisse erhalten. Besten Dank dafür. Ich werde den Bericht unvoreingenommen und mit grossem Interesse lesen und bei Gelegenheit einen Kommentar dazu verfassen.

Mit nachhaltigen Grüssen,
Henrik Nordborg

PS: Ich rede in meinem Vortrag über die globale Situation. Für die reichen Industrieländer ist die Situation viel einfacher: Je schneller sie sich von fossilen Brennstoffen verabschieden können, desto besser. “When in a hole, stop digging”. Etwas Selbstversorgung wäre beim globalen Klimakollaps vielleicht gar nicht schlecht. Sie haben die Technologie und die finanziellen Ressourcen dafür.

Die ganze Welt ist eine Bühne

Die Klimakrise ist aber höchst real.

Im Jahr 1648 reiste Johan Axelsson Oxenstierna als offizieller Vertreter Schwedens an die Friedensverhandlungen in Westfalen. In einem Brief an seinen Vater, den schwedischen Reichskanzler Axel Oxenstierna, äusserte er seine Bedenken, dass er für die Aufgabe eventuell zu unerfahren sei. Dieser hat ihn aber mit folgendem Satz beruhigt: «Du ahnst nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird.»

Im Jahr 2020 ist diese Einschätzung aktueller denn je. Im Weissen Haus sitzt ein Egomane, der sich weigert seine Wahlniederlage einzugestehen. Sein russisches Pendant ist etwas geschickter und stellt sicher, dass er die Wahlen jedes Mal gewinnt. In China werden gar keine Wahlen durchgeführt, was den administrativen Aufwand der Machterhaltung deutlich reduziert. Die Briten haben sich entschieden, den Brexit um jeden Preis umzusetzen, auch wenn das Volk dabei verhungern wird, während andere EU-Mitglieder immer grössere Mühe mit Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte bekunden. Zwischen Aserbaidschan und Armenien tobte ein kurzer Krieg, in dem die israelischen und türkischen Drohnen der Aserbaidschaner die armenische Armee in kürzester Zeit ausgeschaltet haben. Im automatisierten Hightech-Krieg der Zukunft sind die Menschen nur noch Kanonenfutter. Darüber wurde aber praktisch nichts berichtet, da die Medien zwischen Trump und der Pandemie schlicht keine Zeit dafür hatten. Und schliesslich hat COVID-19 gezeigt, dass jedes Thema politisiert werden kann, weil das Internet zu einem Selbstbedienungsladen für alternative Fakten mutiert ist. Wie erkläre ich meinen Kindern, dass wir von Egoisten, Hohlköpfen und Psychopathen regiert werden? Zum Glück haben sie es schon längst begriffen.

Dabei hätten wir eigentlich eine Klimakrise zu bewältigen. November 2020 war der wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen und die CO2-Konzentration der Atmosphäre ist höher als jemals zuvor in den letzten drei Millionen Jahren. Es ist inzwischen klar, dass die bisherige Erderwärmung von “nur” einem Grad verheerende Auswirkungen hatte und es ist ebenso klar, dass junge Menschen, die wie meine Kinder im 21. Jahrhundert geboren sind, mit einem weiteren Temperaturanstieg von mindestens einem Grad fertig werden müssen.

Leider gibt es auch nach 25 Klimakonferenzen der UNO nicht mal ansatzweise einen Plan, um die Klimazerstörung zu stoppen. Das Problem lässt sich graphisch sehr schön darstellen.

Es geschehe ein Wunder!

Das Diagramm enthält nur öffentlich verfügbare Daten. Die durchgezogenen Kurven zeigen das weltweite inflationsbereinigte Bruttoinlandprodukt (GDP) in Billionen USD (blau) und die globalen jährlichen CO2-Emissionen in Gigatonnen (rot). Wenn man die Achsen richtig skaliert, ist die enge Korrelation der beiden Grössen offensichtlich. Die gestrichelte blaue Kurve stellt ein jährliches Wirtschaftswachstum von +2% dar, was von den G20-Staaten als Minimalziel für die nächste Zukunft erachtet wird. Die gestrichelte rote Kurve zeigt eine Halbierung der CO2-Emissionen innerhalb von 10 Jahren oder eine jährliche Reduktion von 6.7%, wie es vom Pariser Klimaabkommen verlangt wird. Die Regierungen der Welt haben somit Ziele festgelegt, die sich wahrscheinlich gegenseitig ausschliessen. Wer die Quadratur des Kreises zum politischen Programm macht, wird seine Wähler*innen bald enttäuschen.

Wenn ich öffentliche Klimavorträge halte, fängt das Publikum spätestens an diesem Punkt an zu lachen. Man muss weder Ökonom noch Wissenschaftler sein, um zu verstehen, was hier gespielt wird. Axel Oxenstierna hätte es sofort verstanden, Machiavelli auch. Wenn die Mächtigen von den langfristigen Konsequenzen ihres Handelns nichts zu befürchten haben, entscheiden sie sich immer für den kurzfristigen Gewinn. Wenn Politik und Wirtschaft von älteren vorwiegend weissen Männern kontrolliert werden, ist nichts Anderes zu erwarten. In der Privatwirtschaft wird häufig von «Dogfooding» gesprochen: die Mitarbeiter*innen eines Unternehmens müssen im übertragenen Sinn «das eigene Hundefutter essen», um die Qualität zu garantieren. Softwareentwickler sollen die eigene Software nutzen, Mitarbeiter eines Autoherstellers sollen nicht lieber mit den Autos der Konkurrenz fahren und das Personal von McDonalds soll auch bereit sein, ab und zu einen Hamburger zu essen. Die Reichen und Mächtigen dieser Welt, die für die globale Wirtschaftspolitik zuständig sind, müssen sich wegen der Klimaerwärmung wenig Sorgen machen, da sie alt und reich genug sind, um sich von den Konsequenzen freikaufen zu können.

Galileo Galilei wurde im Jahr 1633 zu Hausarrest verurteilt, weil er die Wahrheit über die Bewegung der Planeten gelehrt hatte. Interessanterweise scheint er das Universum viel besser verstanden zu haben als seine Mitmenschen, denn er versuchte die katholische Kirche mit Fakten zu überzeugen. Dies ist eine weit verbreitete Berufskrankheit der Wissenschaftler, die immer davon ausgehen, dass der politische Gegner sich für die Wahrheit interessiert. Dabei war es im 17. Jahrhundert dem Papst ziemlich egal, welcher Planet sich um welchen drehte. Wichtiger war, dass die Kirche ihre Deutungshoheit des Weltgeschehens behalten konnte. Der Klerus hat mit allen Mitteln versucht, die wissenschaftliche Revolution aufzuhalten, was ihm in den katholischen Ländern auch teilweise gelungen ist. Die protestantischen Fürsten, denen es vor allem darum ging, die Macht des Papstes zu schwächen, waren eher für neue Ideen offen. Ihre Kanonen haben vielleicht mehr für die Verbreitung der Wissenschaft geleistet als Galileo. Ein hochgradig ketzerischer Gedanke.

Die Moral der Geschichte ist einfach: es geht immer nur um Macht. Die Reichen und Mächtigen der Welt interessieren sich nicht für die Wissenschaft per se, sondern nur für ihre Nützlichkeit. Die Erforschung der Welt dient nur ihrer Ausbeutung und wissenschaftliche Erkenntnisse, welche die bestehende Gesellschaftsordnung in Frage stellen, waren aber nie beliebt.

Deshalb ist die Grafik oben so wichtig. Ein gewisser Optimismus bezüglich der Möglichkeiten neuer Technologien ist vollkommen in Ordnung, aber auf ein Wunder zu hoffen ist keine Strategie. Es besteht ein Unterschied zwischen Optimismus und Fanatismus. Obwohl eine vollständige Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch als sehr unwahrscheinlich erscheint, gilt «nachhaltiges Wachstum» in der Politik als einzige «realistische Lösung» der Klimakrise. Das Primat des Kapitals steht nicht zur Diskussion, so wie die Lehren Aristoteles vor 400 Jahren nicht durch physikalische Beobachtungen in Frage gestellt werden durften. «Meine Herren, ich ersuche Sie in aller Demut, Ihren Augen zu trauen» lässt Bertolt Brecht Galileo sagen. Ich kann diese Aufforderung nur mit zunehmender Verzweiflung wiederholen.

«Die ganze Welt ist Bühne und alle Fraun und Männer bloße Spieler» schrieb ein berühmter Zeitgenosse Alex Oxenstiernas. Wir können davon ausgehen, dass der Autor von Werken wie «Richard III», «King Lear» oder «Julius Caesar» die heutige Lage der Menschheit sehr schnell und treffend analysiert hätte. Denn es geht beim Klimaschutz nicht um Forschung oder Technik. Es geht um Gier, Macht und Geld. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt und dessen Lösung ebenso: die Förderung fossiler Brennstoffe muss so schnell wie möglich gestoppt werden! Leider hätte diese Entscheidung dermassen grosse gesellschaftliche Auswirkungen, «daß wir die Übel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehn.»

So wird seit Jahrzehnten Theater gespielt, ohne dass jemand sich traut, das tatsächliche Problem beim Namen zu nennen. Die Klimaforscher tun so als würden wir noch mehr Klimadaten brauchen, obwohl wir mehr als genug wissen um zu handeln. Die Ingenieure wollen die Klimakrise mit Elektromobilität und erneuerbaren Energien lösen, die Informatiker mit Digitalisierung, die Ökonomen mit Wirtschaftswachstum, und die Politiker am liebsten gar nicht, wenn es sie Stimmen kosten könnte. Wir spielen alle unsere Rollen mit dem Ziel, die nächste Lohnzahlung zu erhalten und vergessen dabei, dass die Klimakrise so nicht gelöst werden kann. «Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral». Das Resultat ist eine Folge ungenügender Massnahmen, die uns in die Katastrophe führen.

Dabei wäre eine Lösung der Klimakrise gar nicht so schwierig, wenn wir uns von der Vorstellung des ewigen Wachstums lösen würden. Wie Einstein so richtig festgehalten hat, können wir Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind. Die Industrienationen sind durch übermässigen Ressourcenverbrauch reich geworden und haben dadurch die Klimaerwärmung und viele andere Problemen verursacht. Sie haben jetzt sowohl die finanziellen Mittel wie auch die moralische Verantwortung, diese Probleme zu lösen, wie sie auch in der «United Nations Framework Convention on Climate Change» aus dem Jahr 1992 festgehalten haben.

Wir zahlen jetzt aber den Preis dafür, dass wir die Welt weitgehend privatisiert haben. Vor Kurzem nahm ich an einem Podiumsgespräch mit hochkarätigen Vertretern der Finanzbranche teil. Unter dem Titel «Finance in Climate» wurde über die Auswirkungen des Klimawandels auf Geldanlagen gesprochen. Positiv dabei war die Feststellung, dass die fossilen Energieträger ausgedient haben. Wer heute noch in Öl-, Kohle-, oder Gasfirmen investiert, verschenkt einfach sein Geld. Ein Beispiel: während die Aktienkurse von BP und Shell im Jahr 2020 um mehr als ein Drittel eingebrochen sind, ist der Börsenkurs des dänischen Windkraftherstellers VESTAS um 100% gestiegen. Die schlauen Anleger haben die Zeichen der Zeit erkannt und verlassen das sinkende Schiff.

Dass Anleger und Finanzinstitute Geld verdienen wollen, ist nicht erstaunlich und vielleicht nicht mal verwerflich. Schwierig wird es, wenn Geldvermehrung zum einzigen Ziel menschlichen Handelns wird. Hinter Begriffen wie «private-public- partnership» und «green investing» versteckt sich die traurige Wahrheit, dass Probleme der heutigen Welt nur dann lösbar sind, wenn sich jemand dadurch bereichern kann. Heute besitzen 1% der Superreichen mehr als die restlichen 99% der Weltbevölkerung. Sie sind gerne bereit, etwas für die Rettung der Welt zu tun, wenn sie dadurch noch reicher werden können. Die Bemerkung, dass sie unrechtmässig reich geworden sind, weil sie ihr Vermögen mit nicht-nachhaltigen Investitionen aufgebaut haben, führt im Kreis der Reichen zum Eklat. Dabei sind es gerade sie, die durch ihren Lebensstil den Planeten am stärksten belasten.

Die Grafik oben zeigt somit die intellektuelle Kapitulation der Menschheit vor dem Primat des Kapitals. Von bestehenden Machtstrukturen werden wir gezwungen, auf dem Weg des Wachstums weiter ins Ungewisse zu laufen und hinter uns die Brücken zu verbrennen. Wir wissen nicht was wir tun und welche Auswirkungen es haben wird. Sicher ist nur, dass wir es nicht mehr rückgängig machen können. Wenn wir in 10 Jahren feststellen, dass eine Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch unmöglich ist, wird es längst zu spät sein. Wie Soldaten in einer längst verlorenen Schlacht machen wir einfach weiter, ohne den Sinn des letzten Befehls zu hinterfragen. Wir sind in einer Falle der gefühlten Ausweglosigkeit gefangen und können uns nicht mehr vorstellen, dass es anders sein könnte.

Man kann heute keine Diskussion über die Zukunft führen, ohne auf die Globalisierung einzugehen. Ihre ideologische Seite besteht darin, alle anwachsenden Zumutungen im Kapitalismus als Wirkung eines objektiven Prozesses zu deuten, auf den man keinen Einfluss habe.

Gregor Gysi

Dabei könnte alles anders sein. Die Reise Johan Oxenstiernas nach Westfalen wurde dadurch veranlasst, dass ein deutscher Mönch namens Martin Luther etwa 130 Jahre früher seine 95 Thesen in Wittenberg vorgelegt hatte. Er hat darin das Geschäft mit dem Ablasshandel in Frage gestellt und viele Kritikpunkte rhetorisch geschickt als naive Fragen formuliert: «Warum baut der Papst, der heute reicher ist als der reichste Crassus, nicht wenigstens die Kirche St. Peter lieber mit seinem eigenen Geld als dem der armen Gläubigen?» Eine berechtige Frage. Ihre heutige Entsprechung wäre die Frage, wieso wir immer noch über globale Armut diskutieren, wenn die Superreichen das Problem morgen lösen könnten.

Heute brauchen wir wieder eine Reformation des Denkens, die uns erlaubt, die intellektuelle Zwangsjacke des Kapitalismus abzuwerfen. Der Homo Oeconomicus wird die Klimakrise nicht lösen können, der Homo Sapiens vielleicht schon. Wir müssen uns wieder darauf besinnen, dass Fragen ohne Antworten wertvoller sind als Antworten, die nicht hinterfragt werden dürfen.

Viele Ökonomen können sich eine Welt ohne Wirtschaftswachstum nicht vorstellen. Dies ist schon etwas fantasielos, denn ich kann mir eine Welt ohne Ökonomen sehr gut vorstellen. Um die gesellschaftliche Debatte etwas zu beleben und ein paar Gedanken anzuregen, lege ich gleich folgende Thesen für das neue Jahr vor:

  • Selbstverständlich können wir die Klimazerstörung stoppen, da diese zu 100% von menschlichen Aktivitäten verursacht wird. Dass der grösste Teil der Klimazerstörung auf Luxuskonsum der reichen Länder zurückzuführen ist, macht die Lösung des Problems noch einfacher.
  • Ob wir die Klimazerstörung aufhalten wollen, ist hauptsächlich eine ethische Frage und hat nichts mit Wissenschaft und Wirtschaft zu tun. Es geht gar nicht um Geld, sondern um das Überleben der Menschheit und den einzig bewohnbaren Planeten im uns bekannten Universum.
  • Wir können die Zukunft nicht vorhersagen. Der Planet ist dermassen komplex, dass nur ein Verrückter sich anmassen würde, die Kosten des Klimaschutzes den wirtschaftlichen Schäden der Klimaerwärmung gegenüberzustellen, um ein Optimum zu finden. Leider hat er dafür Wirtschaftsnobelpreis erhalten.
  • In der Vergangenheit war es nicht notwendig, die Zukunft vorherzusagen, weil das Klima stabil war. Es gab im Wesentlichen nur jährliche Schwankungen, denen man sich anpassen konnte. Es gibt viele Bäume, die älter als 1000 Jahre sind. Der Grund dafür ist, dass die mittlere Temperatur der Welt sich während dieser Zeit um weniger als 0.2°C verändert hat. Heute steigt die Temperatur um mehr als 0.2° pro Dekade. In der Zukunft wird es sicher keine Wälder mit alten Bäume geben.
  • Wir müssen den Gedanken akzeptieren, dass Klimaschutz mit Wirtschaftswachstum wahrscheinlich nicht vereinbar ist. Im Moment haben wir für diesen Fall keinen Plan.
  • Es gibt keine nationalen Klimaziele, sondern nur ein globales. Internationale Zusammenarbeit ist angesagt.
  • Es gibt keinen Widerspruch zwischen Klimaschutz und Vollbeschäftigung. Günstige fossile Brennstoffe fördern Globalisierung und Automatisierung, wodurch Arbeitsplätze abgebaut werden.
  • Es gibt einen Widerspruch zwischen Klimaschutz und Kapitaleinkommen. In einer nachhaltigen Welt wird man wieder arbeiten müssen, um Geld zu verdienen.
  • Was uns in den vergangenen 30 Jahren als Klimapolitik verkauft wurde, war ein verzweifelter Versuch, ein bankrottes System zu retten. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder und jedes Mal als Tragödie. Der Versuch, die europäischen Monarchien zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu retten, hat viele Tote hinterlassen. Beim Versuch, den Kapitalismus zu retten, könnten noch mehr Leute sterben.

Ich gebe offen zu, dass ich beim Nachdenken über den Zustand der Welt sowohl Wut wie auch Trauer verspüre. Trauer über das bereits Verlorene. Wut darüber, dass wir die Zerstörung der Zukunft unserer Kinder tatenlos hinnehmen.

Dabei gäbe es viel Grund zum Optimismus. Der Planet ist immer noch bewohnbar und der Sonne ist es sowieso egal, was wir auf der Erde machen. Wenn wir mit der Zerstörung des Planeten rechtzeitig aufhören, könnte sich die menschliche Zivilisation während Jahrtausenden noch positiv weiterentwickeln. Wir müssen es aber nicht nur wollen, sondern auch den Mut haben, eine Zukunft für unsere Kinder einzufordern.

Ohne einen Plan geht aber gar nichts, weshalb ich einen entwickelt habe: Die globale Klimakompensation. Mit dieser kann die Klimaerwärmung gestoppt, die globale Armut abgeschafft, die Flüchtlingskrise beendet und für mehr internationale Stabilität gesorgt werden. Plötzlich könnten unsere Kinder wieder Kinder sein und mit Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft schauen. Wenn sich das WEF wirklich für das Wohlergehen der Menschheit interessieren würde, könnten ihre prominenten Mitglieder die globale Klimakompensation morgen umsetzen. Als Konsequenz würden sie vielleicht künftig auf ihre Business Jets verzichten müssen.

Und damit sind wir beim Kern des Problems angekommen. Mit der Globalisierung hat sich der Kapitalismus von den Fesseln der Demokratie befreit. Die Menschen, die ihre Kinder noch lieben, haben nicht die Macht, die Klimaerwärmung zu stoppen. Die Mächtigen wollen es nicht. Hier müssen wir ansetzen. Wir können nicht zulassen, dass eine kleine Gruppe von Menschen, die weder gewählt wurden noch sonst irgendwelche politische Legitimität haben, die Zukunft unserer Kinder zerstören.

Kehren wir doch die Feststellung von Edmund Burke, Albert Einstein und anderen für einmal um: damit das Gute gewinnt müssen anständige Menschen etwas Rückgrat zeigen. In zehn Jahren wird es zu spät sein, die Klimazerstörung zu stoppen, und wir werden zehn Jahre älter sein. Die Zeit zum Handeln ist jetzt.

Ein am 25. Juli 1654 datierter Brief beginnt mit dem Satz «Mein lieber Sohn» und endet mit «Dein treuer Vater, solange ich noch lebe, Axel Oxenstierna». Memento mori. Auf der Rückseite hat der Adressat, Graf Erik Oxenstierna folgende Bemerkung hinzugefügt: «Dies ist der letzte Brief meines verehrten Herrn Vaters». Aus den isländischen Sagen der Wikinger ist folgender Hinweis überliefert worden:

Das Vieh stirbt, die Freunde sterben,
endlich stirbt man selbst;
doch eines weiß ich, daß immer bleibt:
das Urteil über den Toten.

Hávamál

Wer den Sinn des Lebens nur in der Vermehrung materiellen Eigentums sieht, wird nicht als Vorbild oder wegen seines Charakters in Erinnerung bleiben, sondern hauptsächlich als Entsorgungsproblem.

Ich wünsche allen ein aufgeklärtes und gesundes neues Jahr!

Denken ist erlaubt

GALILEI (fast unterwürfig): Meine Herren, der Glaube an die Autorität des Aristoteles ist eine Sache, Fakten, die mit Händen zu greifen sind, eine andere. Sie sagen, nach dem Aristoteles gibt es dort oben Kristallschalen, und so können gewisse Bewegungen nicht stattfinden, weil die Gestirne die Schale durchstoßen müßten. Aber wie, wenn Sie diese Bewegungen konstatieren könnten? Vielleicht sagt Ihnen das, daß es diese Kristallschalen gar nicht gibt? Meine Herren, ich ersuche Sie in aller Demut, Ihren Augen zu trauen.

Brecht, Bertolt. Leben des Galilei: Schauspiel. Suhrkamp Verlag.

Das Problem einer autoritären Erziehung ist, dass die Kinder nie zu denken lernen. Wenn jede ihrer Fragen mit dem Satz «weil ich es sage» beantwortet wird, verlieren Sie ihre Neugier und haben keine Lust mehr, sich selber Gedanken zu machen. Sie gewöhnen sich daran, dass es immer Autoritäten gibt – seien es die Eltern, die Priester oder die Lehrer – die alles besser wissen. Das Erfolgserlebnis des Denkens bleibt aus.

Ein grossartiges Cartoon des iranischen Zeichners Mana Neyestani

Aus den autoritär erzogenen Kindern werden gehorsame Bürger autoritärer Regime. Studien in den USA haben gezeigt, dass die Wähler und Wählerinnen, die für Donald Trump stimmten, sich vor allem einen starken Mann als Präsidenten wünschten. Sie brauchen einen Führer, der immer sofort auf alles eine einfache Antwort hat, ganz unabhängig davon, ob diese richtig ist oder nicht. Das Nachdenken gilt für sie als Zeichen der Schwäche. Diese Haltung ist in der Gesellschaft weit verbreitet. Im Jahr 2000 hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei Boston Consulting in Chicago. Die Stelle habe ich nicht bekommen, weil der Personalverantwortliche das Gefühl hatte, ich denke bevor ich spreche. Mit diesem Urteil kann ich gut leben.

Autoritäre Systeme zeichnen sich durch ein einfaches Weltbild und die Unterdrückung abweichender Meinungen aus. Der Neoliberalismus ist deshalb autoritär, da er eine Lösung für alle Probleme postuliert und keine anderen Ideen zulässt. Die berühmte Behauptung von Margret Thatcher, dass es keine Alternative gibt (TINA), lässt sich kaum als Einladung zum Dialog interpretieren.

Wir leben heute in einer Welt, in der die freie Marktwirtschaft als göttliche Ordnung verstanden wird. Unbequeme Fakten werden unterdrückt und Unwahrheiten zu Dogmen erhoben. Obwohl unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten offensichtlich unmöglich ist, wird die Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums selten infrage gestellt. Die Tatsache, dass der ökologische Fussabdruck der Menschheit um einen Faktor zwei zu gross ist und immer noch zunimmt, wird von den Mächtigen zur Kenntnis genommen und gleich ignoriert. Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Galileo hätte den Frust der Klimaforscher sofort verstanden.

«Die Wahrheit ist das Kind der Zeit, nicht der Autorität» sagt Galileo im oben zitierten Theaterstück von Bertolt Brecht. Was Galileo wirklich gesagt hat, wissen wir aus einem Brief an die Grossherzogin Christine (etwa aus dem Jahr 1615):

Ich möchte jene sehr klugen Väter bitten, dass sie mit aller Sorgfalt den Unterschied bedenken möchten, der zwischen den auf Meinung gegründeten und den beweisbaren Lehren besteht: Wenn sie sich nämlich deutlich vor Augen stellen würden, mit welcher Kraft die zwangsläufigen Schlussfolgerungen zwingend sind, würde ihnen eher klar werden, dass es nicht in der Macht der Professoren der beweisenden Wissenschaften steht, die Meinungen nach ihrem Willen zu ändern, indem sie sich bald dieser und bald jener anschliessen, und dass ein grosser Unterschied besteht zwischen dem Befehl an einen Mathematiker oder an einen Philosophen und der Anordnung an einen Kaufmann oder an einen Rechtsgelehrten, und dass die bewiesenen Schlüsse über die Dinge der Natur und des Himmels nicht mit der gleichen Leichtigkeit geändert werden können wie die Meinungen über das, was in einem Vertrag, einem Census oder einem Wechsel zulässig ist.

Hans Bieri, Der Streit um das kopernikanische Weltsystem im 17. Jahrhundert, Peter Lang Verlag

Anders gesagt, auch vor 400 Jahren musste die Rolle der Wissenschaft den Mächtigen erklärt werden. In den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften gibt es keine Naturgesetze, da das ganze System menschengemacht ist. Gesetzliche Vorschriften, von denen erstaunlich viele für das Funktionieren der angeblich «freien Marktwirtschaft» erforderlich sind, können wir jederzeit ändern. Die Gesetze der Natur eben nicht. Ich bin nicht sicher, ob alle Juristen und Ökonomen dies verstehen.

Jesse Springer

Mit dem Coronavirus meldet sich die reale Welt zurück. Plötzlich haben wir es mit einer externen Bedrohung des Wirtschaftssystems zu tun, die sich nicht um menschengemachte Regeln und Gesetze kümmert. Erstaunt stellen wir fest, dass ein grosser Teil der Privatwirtschaft über Nacht abgestellt werden kann und wir trotzdem genug zu essen haben. Sogar das Klopapier reicht für alle. J. K. Galbraith hat dies in seinem Buch «Gesellschaft im Überfluss» schon im Jahr 1958 vorhergesagt. In einer Gesellschaft, deren materielle Bedürfnisse schon befriedigt sind, produziert die Wirtschaft hauptsächlich Produkte, die niemand braucht. «Die Wirtschaft schafft Arbeitsplätze» wird oft behauptet. Hoffentlich tut sie mehr als das, denn sonst müssten wir einen anderen Weg finden, die Menschen zu beschäftigen.

Im Gegensatz zur Klimaerwärmung stellt das Coronavirus keine Bedrohung der Menschheit dar. Weil aber diesmal Männer über 50 zur Risikogruppe gehören und ein Virus keine Lobby hat, wurde sofort reagiert. Es macht Sinn, die Verbreitung des Coronavirus so weit wie möglich einzudämmen, damit eine Überforderung des Gesundheitswesens vermieden werden kann. Zum Glück scheinen die meisten Regierungen der Welt dies zu verstehen und haben entsprechende Massnahmen ergriffen.

Die Coronakrise wäre auch eine gute Gelegenheit, unser Wirtschaftssystem grundsätzlich zu hinterfragen. Um dies zu verhindern, will eine Mehrheit der Meinungsbildner aus Politik und Wirtschaft möglichst schnell zur vermeintlichen Normalität zurückkehren. Es bestünde sonst die Gefahr, dass wir aus der Krise etwas lernten.

Genau dies sollten wir aber tun. Denn wir neigen dazu, jedes Problem mit minimalistischen Veränderungen des bestehenden Systems lösen zu wollen. Die Klimaerwärmung wollen wir mit Elektroautos und Solarpanels in den Griff bekommen, obwohl dies offensichtlich nicht ausreicht. Das Coronavirus lehrt uns, dass wir gewisse Herausforderungen auf diese Art nicht meistern können. Auch bei der Erwärmung des Erdklimas gibt es keinen Grund zu vermuten, dass das Problem innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems gelöst werden kann. Wir brauchen komplett neue Ideen.

Mike Lukovich

Die Frage ist, wer ein neues System aufbauen soll. Menschen wehren sich gegen Veränderungen, weil sie Angst haben, etwas zu verlieren. Es macht wenig Sinn, eine Gruppe von Kardinälen damit zu beauftragen, die Frage nach der Existenz Gottes zu klären. Analog können und wollen Menschen, die mit dem bestehenden Wirtschaftssystem reich und erfolgreich wurden, das System kaum umbauen. Niemand verlässt gerne den Bereich des Bekannten, um sich neue Themen zu widmen. Wenn Menschen doch über den Tellerrand schauen, werden sie mit dem Vorwurf konfrontiert, keine Experten zu sein.

Ich verstehe die Sorgen. Als Physiker hätte ich auch ein grosses Problem, wenn die Naturgesetze morgen aufhören würden zu gelten. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies passiert und ich es auch überleben würde, schätze ich aber als sehr gering ein. Somit bilden wissenschaftliche Fakten eine gute Basis für den Aufbau eines neuen Systems. Nicht weil sie von den Wissenschaftlern stammen, sondern weil sie wahr sind.

Wer jetzt bereit ist, der Bitte von Galileo folgend den eigenen Augen zu trauen, stellt Erstaunliches fest. In vielen Städten der Welt hat sich die Luftqualität wegen des wirtschaftlichen Lockdowns massiv verbessert und der Lärmpegel ist gesunken. Dies ist eindeutig gut für Mensch und Umwelt. Der wirtschaftliche Schaden hingegen ist systembedingt. Wenn unser Wirtschaftssystem nicht auf Wachstum und Überkonsum basierte, wäre der Lockdown kein Problem. «Die Wirtschaft leidet» verkünden die Medien unisono, aber niemand fragt sich wieso. Rein abgesehen davon, dass juristische Personen kaum leiden können.

Gleichzeitig geht es dem Planeten schlechter als je zuvor. Die ersten drei Monate dieses Jahres waren viel zu heiss, und Europa wird wieder von einer Dürre mit grossen Ernteausfällen bedroht. Der Lockdown wird den globalen CO2-Austoss um etwa 5% in diesem Jahr reduzieren. Wir brauchen aber eine Reduktion von über 7% pro Jahr über die nächsten 30 Jahre, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu verstehen, dass dies schwierig wird. Wenn wir in alten Denkmustern verharren, schaffen wir es sicher nicht.


Nachtrag 1: Ich möchte Margaret Thatcher nicht unrecht tun. Dass sie die Kohleminen in Grossbritannien geschlossen hat, war wohl gut für die Umwelt. Sie hat auch im Jahr 1989 in einem dringlichen Appell an die Generalversammlung der Uno vor den Gefahren der Umweltzerstörung und der Klimaerwärmung gewarnt. Ihre politischen Ideen waren sonst aber nicht besonders progressiv.

Nachtrag 2: Viele Denker*innen setzen sich im Moment mit den Konsequenzen der Coronakrise auseinander. Hier eine kleine Auswahl:

Nachtrag 3: Hier noch der Auszug aus dem Brief von Galilei Galileo:

Alla Serenissima Madama, la Gran Duchessa Madre.

….

Io vorrei pregar questi prudentissimi Padri, che volessero con ogni diligenza considerare la differenza che è tra le dottrine opinabili e le dimostrative; acciò, rappresentandosi ben avanti la mente con qual forza stringhino le necessarie illazioni, si accertassero maggiormente come non è in potestà de’professori delle scienze demostrative il mutar l’opinioni a voglia loro, applicandosi ora a questa ed ora a quella, e che gran differenza è tra il comandare a un matematico o a un filosofo e ‘l disporre un mercante o un legista, e che non con l’istessa facilità si possono mutare le conclusioni dimostrate circa le cose della natura e del cielo, che le opinioni circa a quello che sia lecito o no in un contratto, in un censo, o in un cambio.

Galileo Galilei, etwa 1615