Und sie dreht sich doch!

Liebe Mitmenschen, liebe Klimastreikende

Hier ein kleines Update zu meiner Präsentation «Auf ein Wunder zu hoffen ist keine Strategie» mit einem Vorwort von Galileo Galilei (vgl. Denken ist erlaubt). Der Auslöser dafür war nicht nur die Wiederaufnahme der Klimastreiks, sondern auch der fast komplette Realitätsverlust der offiziellen Klimadebatte. Alle reden von der Notwendigkeit, die Treibhausgasemissionen möglichst schnell zu senken. Gleichzeitig wissen wir, dass sie bis im Jahr 2030 kaum sinken werden, womit wir dann auch das Zwei-Grad-Ziel aufgeben können. Der Grund ist, dass eine schnelle Absenkung der Emissionen bei gleichbleibender oder sogar steigender Wirtschaftsleistung eine physikalische Unmöglichkeit darstellt, wie ich in meinem Vortrag zeige. Wir könnten genauso gut die Erfindung des Perpetuum Mobiles zur offiziellen Klimastrategie machen.

Leider ist der Vortrag etwas zu lang geraten aber er enthält einige interessante Informationen. Eine PDF-Version der Vortrages ist hier.

Auf ein Wunder zu hoffen ist eben keine Strategie. Wenn wir also jetzt nicht bereit sind, die wirtschaftliche Notbremse zu betätigen, gibt es keine Hoffnung mehr. Um mit Hannah Arendt zu sprechen, stehen wir dann wieder vor dem «totalen Zusammenbruch aller geltenden moralischen Normen im öffentlichen und privaten Leben», ausgelöst durch das banale Versagen der Eliten, das Richtige zu tun.

«Was eben wahr ist allerorten
Das sag ich mit ungescheuten Worten.»

Übrigens habe ich letzte Woche den Klimaplan von avenir suisse erhalten. Besten Dank dafür. Ich werde den Bericht unvoreingenommen und mit grossem Interesse lesen und bei Gelegenheit einen Kommentar dazu verfassen.

Mit nachhaltigen Grüssen,
Henrik Nordborg

PS: Ich rede in meinem Vortrag über die globale Situation. Für die reichen Industrieländer ist die Situation viel einfacher: Je schneller sie sich von fossilen Brennstoffen verabschieden können, desto besser. “When in a hole, stop digging”. Etwas Selbstversorgung wäre beim globalen Klimakollaps vielleicht gar nicht schlecht. Sie haben die Technologie und die finanziellen Ressourcen dafür.

Klimaschutz ist kein Nebenjob

Die Klimakrise stellt junge Menschen vor eine schwierige Wahl. Wer verstanden hat, dass die Klimakrise nur durch einen globalen Systemwandel gelöst werden kann, muss dies auch bei der Karriereplanung berücksichtigen. Es macht keinen Sinn, tagsüber für eine Ölfirma zu arbeiten, um dann am Abend am Klimastreik teilzunehmen. Abgesehen davon, dass Ölfirmen eher schlechte Zukunftsaussichten haben.

Die Frage ist, ob ein potenzieller Arbeitgeber als Teil der Lösung oder als Teil des Problems gesehen werden kann. Eine Marketingfirma mit dem Ziel, den Konsum anzukurbeln, ist Teil des Problems. Das Gleiche gilt auch für Hersteller von SUVs und für Fluggesellschaften, um nur einige Beispiele zu nennen. Es gibt aber viele Firmen, die auch etwas Positives bewirken wollen. Einige davon findet man bei den Mitgliedern von swisscleantech. Diese Firmen setzen sich auch aktiv für die Annahme des neuen CO2-Gesetzes ein, das notwendig, aber sicher nicht hinreichend ist. Es werden weitere Massnahmen erforderlich sein, aber es geht im Moment darum, das eine zu tun und das andere nicht sein zu lassen. Oder wie die Amerikaner es sagen: You’ve got to be able to walk and chew gum simultaneously.

Leider bilden viele Hochschulen immer noch Menschen für die Gesellschaft und Wirtschaft von gestern aus. Sie wollen gut geschmierte Zahnrädchen für eine veraltete Maschine produzieren. Für junge Menschen ist die Aussicht auf einen gut bezahlten Job mit Dienstwagen vielleicht verlockend. Viele stellen sich vor, zuerst 10 Jahre Karriere zu machen, um Geld zu verdienen, bevor sie sich dann einer sinnvollen Tätigkeit widmen. Diese Überlegung ist aus zwei Gründen gefährlich: Der Ausstieg ist meistens schwieriger als man denkt und in 10 Jahren wird es zu spät sein, den Planeten zu retten. Der britische Journalist George Monbiot hat mehrmals darüber geschrieben, wie junge Menschen für sinnlose Tätigkeiten ausgebildet werden, die bald überflüssig sein werden:

Die Digitalisierung ist ein gutes Beispiel dafür, und das Urteil des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung in Deutschland hätte kaum härter ausfallen können:

Im Großen wirken Digitalisierungsprozesse heute eher als Brandbeschleuniger bestehender nicht nachhaltiger Trends, also der Übernutzung natürlicher Ressourcen und wachsender sozialer Ungleichheit in vielen Ländern.

WBGU, Unsere gemeinsame digitale Zukunft

Das Problem ist, dass die Digitalisierung hauptsächlich von gewinnoptimierenden Grossfirmen vorangetrieben wird. Damit ist nicht gesagt, dass sie keine positiven Auswirkungen haben könnte. Das Gleiche lässt sich aber über die Kernspaltung sagen.

Für junge Menschen, die etwas Positives bewirken wollen, gibt es aber genug Möglichkeiten. Hier meine Empfehlungen an die Jugend von heute:

  • Seid laut, kritisch, unartig und politisch aktiv. Damit die notwendigen Veränderungen schnell genug passieren, muss ein enormer politischer Druck aufgebaut werden.
  • Lernt etwas, das auch in einer post-fossilen und post-kapitalistischen Welt Sinn ergibt. Es ist zwecklos, sich für die Welt von gestern auszubilden.
  • Wählt ein Studium, bei dem die Dozierenden und die anderen Studierenden auch etwas Positives bewirken wollen. So macht es mehr Spass und der Lerneffekt ist grösser.

Es freut mich natürlich, wenn unsere Studierenden dies auch so sehen. Das Statement von Cornelia Haueisen zum Studium hat mich sehr beindruckt.

Weitere Videos zum Studiengang Erneuerbare Energien und Umwelttechnik an der OST sind hier zu finden. Ein Kurzbeschreibung des Studiums befindet sich auf unserem Blog.

An Open Letter to the ETH

Patrick Chappatte

A couple of students from the ETH asked me to help them distribute an open letter to the Department of Environmental Systems Science and I feel honored to do so. The letter is available in English and German:

I mean no offense to my Alma Mater, but I am convinced that the ETH suffers from the same problem as all other universities. The classical idea of teaching assumes that professors teach, and students learn. When the students realize that their teachers do not have the answers to the most challenging problems of our time, things get complicated.

In addition, the world is now changing so fast that both academic research and conventional politics will have to step it up a notch or two to stay relevant. As I am currently working on a sustainability policy for our university (www.ost.ch), I am well aware of these problems.

I have derived continued benefit from criticism at all periods of my life and I do not remember any time when I was ever short of it.

Winston Churchill

Rise Up For Change!

Die Aufkündigung des Generationenvertrags ist eine historische Erstmaligkeit. Wir wissen von keiner Gesellschaft, die sich selbst außerhalb eines generationenübergreifenden Geschichtsverhältnisses verstanden hätte. Wir kennen auch keine religiösen oder ideologischen Kosmologien, die die Gegenwart zum alleinigen Bezugspunkt für Denken, Entscheiden und Handeln genommen hätte. In gewisser Weise ist die heutige universale Masse von Ich-AGs eine konsequente Fortsetzung der Emanzipation von Naturverhältnissen, wie sie die Moderne seit je antreibt: Nun lebt und stirbt jede Generation für sich allein. Verpflichtungen, die das Selbst überschreiten, laufen den Funktionsbedingungen dieser Kultur zuwider. Genau deshalb hätte der Neoliberalismus so etwas wie Familie, Freundschaft, jede Form autonomer Sozialbeziehung nie erfinden können; genau deshalb versucht er auch, alles zu zerstören, was sich dem Markt nicht fügt.

Welzer, Harald. Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand
Quelle: https://polyp.org.uk/cartoons.html

Vor mehr als einem Jahr habe ich alle Politiker, denen ich begegnet bin, vor der Radikalisierung der Jugend gewarnt. Mir war klar, dass sich die Jugendlichen nicht einfach mit netten Worten und Beschwichtigungen zufriedengeben würden, sondern Taten sehen wollten. Zum Glück ist die unbewilligte Besetzung des Bundesplatzes immer noch bunt und fröhlich und durchaus als Einladung zum Dialog zu verstehen. Diese Chance sollte die Politik nicht verstreichen lassen.

Welche Optionen bleiben einem Staat, wenn die Jugend rebelliert und die «göttliche Ordnung» in Frage stellt. Sie als «Pack», «nichtsnutzige Aktivisten» und «Möchtegern-Kommunisten» zu bezeichnen und eine gewaltsame Räumung zu fordern ist nicht besonders konstruktiv und führt uns sicher nicht weiter. Ich arbeite im Bildungsbereich und würde niemals junge Menschen als «Pack» bezeichnen, aber vielleicht bin ich einfach besser erzogen als gewisse Nationalräte. Übrigens kenne ich viele von den Klimastreikenden persönlich und erlebe sie als äusserst sympathisch, engagiert und lebensfreudig. Sie sind intelligent genug, um die Schwachstellen der heutigen Gesellschaft zu erkennen und mutig genug, um etwas dagegen tun zu wollen.

Jemand hat mal Jean Ziegler mit folgenden Worten beschrieben: «Er schiesst oft über das Ziel hinaus aber selten daneben». Es kann darüber gestritten werden, ob und wie ziviler Ungehorsam zu rechtfertigen ist. Dass die Klimaaktivisten mit ihrer Empörung und ihren Forderungen recht haben, das ist unbestritten. Man kann nicht einfach den Generationenvertrag aufkündigen und hoffen, dass niemand es merkt. «Ihr zahlt unsere Renten und erbt dafür den Klimawandel» ist ein sehr schlechter Deal. Wenn die Jugend ihn annehmen würde, käme dies einer Bankrotterklärung des gesamten Bildungssystems gleich. Persönlich bin ich erstaunt, dass nicht mehr junge Menschen auf die Strasse gehen.

In einer sich erwärmenden Welt macht der Konservatismus keinen Sinn. Die Klimaerwärmung wird unsere Gesellschaft radikal verändern, ob es uns gefällt oder nicht. Der Tourismus, die Landwirtschaft, die Architekten und die Stadtplaner werden sich alle neuen Herausforderungen stellen müssen (siehe dazu die Klimakonferenz an der OST). Da es sich um eine beispiellose Krise handelt, können wir nicht auf Erfahrungen zurückgreifen, sondern müssen kreativ sein und improvisieren. Die Klimajugend macht es gerade vor.

Notausschalter (Wikipedia)

Die Klimaerwärmung schreitet aber so schnell voran, dass eine Anpassung bald gar nicht mehr möglich sein wird. Es gibt einen Grund, wieso in den Fabriken der Schweiz alle grossen Maschinen mit Notausschaltern ausgestattet sind. Wer unnötigerweise diesen Schalter betätigt, macht sich unbeliebt. Wer dies im Notfall nicht tut, macht sich strafbar. In der Corona-Krise waren die Regierungen der Welt bereit, den Not-Aus zu drücken. In der Klimakrise passiert dies erstaunlicherweise nicht. Das finde ich moralisch verwerflich.

Nature cannot be fooled!

What the corona crisis teaches us about solving the climate crisis

Thursday, May 14, 2020
7:00 PM to 8:30 PM GMT+2
More information and registration

A recording of the lecture can be found here:

I am delighted to be able to give a public lecture again. This time it will be online and hosted by WWF in Basel.

The title is borrowed from Richard Feynman and I will explain why I believe it is highly relevant.

Abstract

With media’s attention almost entirely devoted to the corona crisis, it is easy to forget that climate change represents a much larger threat to humanity and that we are rapidly running out of time to fix the problem. We should therefore try to learn as much as possible from the current situation, which offers important insights into the politics of crisis management. The most important lesson is probably that “nature cannot be fooled”. Real threats cannot be countered with wishful thinking or political rhetoric.

The largest obstacle to fixing the climate crisis is in our heads. For almost 30 years, we have been arguing over minimal changes to society, hoping that these would miraculously suffice to solve the greatest challenge in human history. Political convenience was more important than solid facts. The corona crisis gives us an opportunity to change this. In my presentation, I will try to be more ambitious and present a plan to solve the climate crisis.

Quiz: Can you find the oil crisis in the plot below?