Zurรผck zur Realitรคt

Der Weg in eine selbstgestaltete Zukunft

Das dumpfe Einverstandensein mit aller Verschlechterung der Zukunftsaussichten zeigt sich vor allem darin, dass wir widerspruchslos in einer Kultur leben, in der ยปGutmenschยซ genauso als Beleidigung gilt wie ยปWutbรผrgerยซ.

– Welzer, Harald. Selbst denken: Eine Anleitung zum Widerstand

Die Utopie ist am Horizont.
Ich laufe zwei Schritte,
sie entfernt sich zwei Schritte
und der Horizont rรผckt zehn Schritte weiter fort.
Also, wofรผr ist die Utopie dann gut?
Eben dafรผr, damit man lรคuft.

– Eduardo Galeano

Eine verschneite Landschaft mit einer breiten, schneebedeckten Spur, die zu einem ruhigen See fรผhrt. Die Sonne geht am Horizont auf, wรคhrend sich Bรคume rechts und links am Weg befinden.

Vor langer Zeit habe ich zusammen mit einem deutschen Postdoc den theoretischen Physiker Paul Wiegmann in seinem Bรผro in Chicago besucht. Er hat uns von einem spannenden Forschungsthema erzรคhlt und uns gleichzeitig davon abgeraten, daran zu arbeiten. Der Grund war, dass die Lรถsung โ€“ wenn es รผberhaupt eine gรคbe โ€“ mindestens zehn Jahre dauern wรผrde, ohne brauchbare Zwischenergebnisse. Der Versuch, dieses Problem zu lรถsen, kรคme somit einem akademischen Selbstmord gleich.

Kein System ist perfekt. Jeder Versuch, menschliche Leistung zu messen, ob in der Schule, in der Forschung oder in der Privatwirtschaft, ist fehlerbehaftet. Nichtsdestotrotz leben wir in einer Welt des zunehmenden Controllings. ยซWas nicht gemessen werden kann, kann nicht gemanagt werdenยป lautet ein bekannter Spruch. Daraus wird immer gefolgert, dass mehr gemessen werden muss, auch wenn eine viel einfachere Lรถsung zur Verfรผgung stรผnde: Vielleicht mรผssen wir nicht alles managen. Erwachsene und gut ausgebildete Menschen, wie Lehrer, ร„rzte oder Forscher (weibliche Form inbegriffen) mรผssten eigentlich in der Lage sein, sich selbst zu fรผhren.

Die aus dem Kontrollwahn resultierende Bรผrokratisierung der Hochschulen hat sicherlich dazu gefรผhrt, dass Wissenschaftler immer weniger Forschung machen, weil sie zu viel Zeit mit Administration und dem Schreiben von Antrรคgen aufwenden (Binswanger 2024). Dies ist aber nicht der Hauptgrund, wieso sich das akademische System in einer Krise befindet. Viel wichtiger ist die Tatsache, dass Forschungsfinanzierung sehr politisch geworden ist. Die ยซakademische Freiheitยป ist durch ein System der ยซWissenschaftsprostitutionยป ersetzt worden; die Forschenden machen das, wofรผr sie Geld bekommen, und tun so, als wรผrde es ihnen gefallen (Tsakraklides 2025).

Leider ist dadurch ein System aufgebaut worden, das ยซwissenschaftliche Revolutionenยป im Sinne von Thomas Kuhn verhindert (Kuhn 1962). Insbesondere ist es nicht dazu geeignet, Lรถsungen der planetaren Krise zu entwickeln. Wenn Forschung als Karriere gesehen wird, werden sich Wissenschaftler hauptsรคchlich mit Forschung beschรคftigen, die dieser Karriere dienlich ist. Sie haben keine andere Wahl. Die verrรผckten Ideen, die lange dauern, eine tiefe Erfolgsquote haben, aber das Potenzial hรคtten, die Welt zu verรคndern, werden von den Fรถrderagenturen ignoriert.

Das Problem ist nicht neu. Galileo Galilei wurde fรผr seine bahnbrechenden Entdeckungen der Astronomie mit Hausarrest belohnt, und die Philosophen und Wissenschaftler der Aufklรคrung haben keine Mรผhe gescheut, die Vereinbarkeit ihrer Thesen mit den Dogmen der Kirche zu betonen, auch wenn sie vom Gegenteil รผberzeugt waren. Philipp Blom erzรคhlt in ยซDie Unterwerfungยป die Geschichte des deutschen Universalgelehrten Christian Wolff, der wegen der Behauptung, die chinesische Kultur liefere den Beweis fรผr die Mรถglichkeit einer nicht-christlichen Ethik, im Jahr 1723 gecancelt wurde. Genau wie Galileo hatte er nicht verstanden, dass Kritik an der ยซgรถttlichen Ordnungยป von den Mรคchtigen nicht goutiert wird.

Solche Gedanken fรผhrten direkt in den Abgrund und so wendete die ยปModerate mainstreamยซ-Aufklรคrung enorm viel Tinte auf, um sich vor ihren eigenen Konsequenzen zu schรผtzen, denn letztendlich hatte die Philosophie im Verstรคndnis vieler Zeitgenossen die Aufgabe, die Welt nicht nur zu erklรคren, sondern auch in ihren gegenwรคrtigen Strukturen zu rechtfertigen, was hรคufig auch mit wirtschaftlichen Abhรคngigkeiten verbunden war, siehe Christian Wolff.

-Philipp Blom, Die Unterwerfung

Im Jahr 1972 erschien der Bericht ยซDie Grenzen des Wachstumsยป (Meadows et al. 1972). Auch hier handelte es sich um eine wissenschaftlich korrekte Aussage mit dem Potenzial, bestehende Machtstrukturen zu zerrรผtten. Konsequenterweise ist den Autoren das gleiche Schicksal widerfahren wie Galileo etwa 340 Jahre frรผher. Die Frage, wie unbegrenztes Wachstum auf einem endlichen Planeten mรถglich sein kann, wurde nie beantwortet; sie wurde verboten. Die ganze Geschichte kann man auf ยซCassandraโ€™s Legacyยป nachlesen oder im Podcast ยซTipping Pointยป nachhรถren. Gaya Herrington hat einen aktuellen Vergleich zwischen den Vorhersagen des ursprรผnglichen Berichtes und der Realitรคt verรถffentlicht, und die รœbereinstimmung ist erstaunlich gut (Herrington 2020). Bei der Unmรถglichkeit des unbegrenzten Wachstums handelt es sich um eine verbotene Wahrheit. Oder anders gesagt, das Wirtschaftswachstum ist die Mutter aller Lรผgen.

Die heutigen Klima- und Nachhaltigkeitsforscher haben daraus gelernt. Wer Forschungsfinanzierung erhalten mรถchte, muss sich zuerst bereit erklรคren, den offensichtlichen Widerspruch zwischen Kapitalismus und Nachhaltigkeit zu leugnen. Die meisten tun dies, indem sie sich auf ein Teilproblem spezialisieren und sich somit nicht mit den grossen Fragen der Gegenwart auseinandersetzen mรผssen. Den Satz ยซdies wird die Welt auch nicht retten, aber โ€ฆยป habe ich inzwischen zu hรคufig gehรถrt, um ihn lustig zu finden.

โ€œOnce the rockets are up, who cares where they come down? Thatโ€™s not my department,โ€ says Wernher von Braun

– Tom Lehrer, Wernher von Braun

Ich weiss heute immer noch nicht, ob das von Paul Wiegmann vorgeschlagene Forschungsthema interessant gewesen wรคre. Wahrscheinlich nicht, da sich die theoretische Physik inzwischen von der realen Welt entfernt zu haben scheint. Inzwischen habe ich aber mehr als zehn Jahre investiert, um die sich beschleunigende Klimazerstรถrung zu stoppen. Oder anders gesagt, ich habe nach Mรถglichkeiten gesucht, den kollektiven Selbstmord der Menschheit zu verhindern. Es war ein langer Weg, der mich inzwischen wieder zum Ausgangspunkt zurรผckgefรผhrt hat. Denn ob es uns gefรคllt oder nicht, am Ende geht es nur um Thermodynamik: Wir kรถnnen den Planeten nachhaltig bewirtschaften oder ihn verheizen. Leider haben wir uns fรผr die zweite Option entschieden und leben deshalb auf einem sterbenden Planeten.

Das Problem mit fossilen Brennstoffen ist lรคngst bekannt. Professor Rudolf Clausius, einer der Pioniere der Thermodynamik und der Erfinder des Entropiebegriffes, hat schon im Jahr 1885 ein internationales Abkommen zur Begrenzung des Kohleabbaus gefordert (Erdรถl und Erdgas gab es damals noch nicht) und Svante Arrhenius hat im Jahr 1896 das erste Klimamodell verรถffentlicht. Fรผr die Erklรคrung des Klimawandels wurde keine neue Physik benรถtigt โ€“ wie die Relativitรคtstheorie oder die Quantenmechanik โ€“ weil die gute alte Thermodynamik vollkommen ausreichte. Trotzdem fehlt in der Abschlussdeklaration des COP 30 โ€“ 140 Jahre nach der Empfehlung von Herrn Clausius โ€“ jede Erwรคhnung der fossilen Brennstoffe. Es gibt heute viel mehr Menschen auf unserem Planeten als vor 400 Jahren, aber die kollektive Intelligenz scheint eher abgenommen zu haben. Zwischen den Verรถffentlichungen von Kopernikus ยซDe revolutionibus orbium coelestiumยป (1543) und Newtons ยซPhilosophiรฆ Naturalis Principia Mathematicaยป (1687) sind nur 144 Jahre verstrichen. Und sowohl die Relativitรคtstheorie als auch die Quantenmechanik wurden viel schneller von der Gesellschaft akzeptiert als die offensichtliche Tatsache des anthropogenen Klimawandels.

Jeder von uns trรคgt ein Weltbild mit sich, das uns erlaubt, die Welt zu interpretieren und schnelle Entscheidungen zu treffen. Um den Vergleich mit kรผnstlicher Intelligenz zu wagen, tragen wir alle ein neuronales Netz im Kopf, das durch unsere Erfahrungen, Erziehung, Bildung und Indoktrination trainiert wurde und uns erlaubt, auf vorhandenes Wissen schnell zuzugreifen. Ein gelernter Automechaniker, der beim Autofahren ein komisches Rattern hรถrt, wird das Gerรคusch anders interpretieren als der normale Autofahrer. Analog wird eine ร„rztin die Symptome eines kranken Menschen hoffentlich besser interpretieren als der Laie.

Der entscheidende Punkt ist, dass Menschen die gleiche Information sehr unterschiedlich interpretieren. Im Mittelalter wurden Seuchen und Naturkatastrophen als die Strafe Gottes gedeutet, was der Lรถsungsfindung nicht gerade fรถrderlich war. Heute sind wir vielleicht etwas weiter und nutzen unser Vorwissen aus der Medizin und Meteorologie, um die gleichen Ereignisse zu verstehen. Daraus zu schliessen, dass die Menschen im Mittelalter dumm waren, ist aber falsch. Basierend auf dem Weltbild eines allmรคchtigen Gottes lag die Vermutung nahe, dass dieser auch in der Lage war, in das Leben der Menschen direkt einzugreifen.

Almost everything that distinguishes the modern world from earlier centuries is attributable to science, which achieved its most spectacular triumphs in the seventeenth century.

Bertrand Russell, History of Western Philosophy

Die grรถsste Errungenschaft der wissenschaftlichen Revolution war die Einfรผhrung der wissenschaftlichen Methode, von Francis Bacon bereits im Jahr 1620 als ยซNovum Organumยป bezeichnet. Diese Methode hat es uns ermรถglicht, die Korrektheit einer Aussage objektiv zu รผberprรผfen. Damit waren Fakten erfunden, die von religiรถsen Autoritรคten unabhรคngig waren und somit die Macht der Kirche in Frage stellten. Am Ende konnte sich die Wissenschaft durchsetzen, weil sie den weltlichen Fรผrsten nรผtzlicher war als die Religion. Die Wissenschaftler haben die Priester nicht nur als Berater ersetzt, sondern sie wurden Teil der ยซRechtfertigungsindustrieยป, welche fรผr den Erhalt bestehender Machtstrukturen notwendig ist. Wie Philipp Blom so schรถn festgehalten hat, wurde die vermeintliche Unterlegenheit der Frauen oder anderer Rassen zuerst religiรถs begrรผndet und nachher wissenschaftlich (Blom 2022). Das Ziel war immer das gleiche, denn die herrschende Meinung ist immer die Meinung der Herrschenden. Dass die Wissenschaft inzwischen religiรถse Zรผge angenommen hat, ist kein Zufall, sondern eine Notwendigkeit, denn ohne ein allumfassendes Weltbild (oder eben eine Religion) kรถnnen komplexe Gesellschaften nicht funktionieren (Harari 2015). Nietzsche hatte wohl recht, als er feststellte, dass Gottesmord ein schweres Verbrechen ist, das nicht so leicht gesรผhnt werden kann.

Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde. Weiter reichte seine Vorstellungskraft nicht.

Tage Danielsson

Die Wissenschaft kann aber die existenziellen Fragen der Menschen nicht beantworten und ist somit als Weltbild unzulรคnglich. Es folgt, dass wir alle โ€“ unabhรคngig vom Bildungsstand und der Profession โ€“ viele unbegrรผndete und irrationale Meinungen in uns tragen, die unser Denken und Handeln massgeblich beeinflussen. Das Weltbild der Europรคer ist von der christlichen Vorstellung der Unterwerfung der Natur, kombiniert mit einer guten Portion Rassismus und Gewaltfixierung, geprรคgt. Seit Hunderten von Jahren fรผhren wir einen Dauerkrieg nicht nur gegen die Natur, sondern auch gegen andere Kulturen und Rassen. Lange waren wir erfolgreich, weshalb Australien, Neuseeland und Amerika grรถsstenteils von Europรคern besiedelt sind und die Erde inzwischen Fieber hat. Heute stellen wir fest, dass die restliche Welt und die Natur durchaus imstande sind, Widerstand zu leisten.

Das ist eine bรถse Zeit, wenn Wahnwitzige die Blinden fรผhren.

Das Problem mit Weltbildern fรคngt dann an, wenn sie so starr werden, dass sie weiteres Lernen verunmรถglichen. Intelligente Menschen zeichnen sich durch ihre Lernfรคhigkeit aus. Sie bleiben neugierig, sind bereit zuzuhรถren und kรถnnen aufgrund neuer Fakten ihre Meinung รคndern. Was wir momentan in Europa erleben, ist das Gegenteil von Intelligenz. Die herrschende Elite und ein Grossteil der Bรผrgerinnen und Bรผrger kรถnnen gar nicht akzeptieren, dass weiteres Wirtschaftswachstum weder mรถglich noch erwรผnscht ist oder dass die USA bereit sind, das europรคische Projekt aufzugeben (Donald 2025). Wir werden von Vertretern der Gattung ยซHomo Ignoransยป regiert, die bewusst jede Information ausblenden, die nicht zu ihrem Weltbild passt (Hertwig und Engel 2016).

Als ich im Jahr 2013 meinen ersten Klimavortrag an der Hochschule in Rapperswil hielt, war der Hรถrsaal zum Bersten voll. Damals hatte noch niemand vom Pariser Klimaabkommen oder den Klimastreiks gehรถrt und die Studierenden schienen grosses Interesse daran zu haben, mehr รผber die Klimazerstรถrung zu erfahren. Die CO2-Konzentration der Atmosphรคre war kleiner als 400 ppm, die globale Erwรคrmung lag etwa bei 1 ยฐC, und die meisten Nationen der Welt hatten handlungsfรคhige und rational denkende Regierungen.

Heute, 12 Jahre spรคter, hat sich die Weltlage in fast jeder Hinsicht massiv verschlechtert. Die einzige positive Nachricht ist, dass die Chinesen inzwischen sehr gรผnstige Batterien und Solarpanels produzieren kรถnnen, weshalb der Ausbau der erneuerbaren Energien schnell voranschreitet. Dies wird aber nicht ausreichen, weil der globale Energiebedarf weiterhin ansteigt und die Biosphรคre allmรคhlich ihre Fรคhigkeit verliert, zusรคtzliches CO2 aufzunehmen. Das Ergebnis ist, dass die Konzentration der Treibhausgase immer schneller ansteigt, wie aus dem Diagramm unten ersichtlich ist. Wir fahren gegen eine Wand und beschleunigen immer noch. Jeder Versuch, den Fuss vom Gaspedal wegzunehmen oder sogar die Bremse zu betรคtigen, gilt als politisch zu radikal, um mehrheitsfรคhig zu sein.

Diagramm zur CO2-Konzentration in der Atmosphรคre mit Zeitachse von 1960 bis 2025, zeigt die steigenden Werte und wichtige Ereignisse in der Klimapolitik.
Die Keeling-Kurve (Scripps Institution of Oceanography) mit der atmosphรคrischen Kohlendioxidkonzentration. Der kleine rote Kreis zeigt das Datum meines ersten Klimavortrags. Mehr als 20 % der Gesamtemissionen stammen aus der Zeit nach diesem Vortrag.

Gleichzeitig scheint die nรคchste Generation โ€“ mit wenigen Ausnahmen โ€“ aufgegeben zu haben. Der Grund dafรผr ist das ยซbla, bla, blaยป (Zitat Greta Thunberg) der Politik, Wirtschaft und Medien. Junge Menschen haben das Gefรผhl, stรคndig angelogen zu werden, und der Grund dafรผr ist, dass sie stรคndig angelogen werden. Jeder denkende Mensch versteht, dass Begriffe wie ยซnachhaltiges Wachstumยป oder ยซKlimarealismusยป nur euphemistische Umschreibungen der geplanten Weltzerstรถrung sind. Wir scheinen von Menschen regiert zu werden, die weder das Wissen noch die intellektuelle Kapazitรคt oder die Fรผhrungsqualitรคt haben, um realistische Lรถsungen fรผr hรถchst reale Probleme anzubieten. Ausserdem ist es unklar, ob sie es รผberhaupt wollen; Regierungen, die einem Genozid tatenlos zuschauen kรถnnen, werden kaum einen ร–kozid verhindern wollen. Die Bรผrgerinnen und Bรผrger haben verstรคndlicherweise Angst vor dem Kollaps und suchen verzweifelt nach dem Erlรถser. Wie es enden kรถnnte, kann man in ยซDie Geschichte eines Deutschenยป von Sebastian Haffner nachlesen, der Deutschland im Jahr 1938 rechtzeitig verlassen konnte (Haffner 2014).

Wรคhrend Hitler das Tausendjรคhrige Reich durch den Massenmord aller Juden herbeifรผhren wollte, gab es in Thรผringen einen gewissen Lamberty, der es durch allgemeinen Volkstanz, Singen und Luftsprรผnge erreichen wollte. Jeder Erlรถser hatte seinen eigenen Stil. Nichts und niemand war รผberraschend; die รœberraschung war etwas schon lange vergessenes.

Haffner, Sebastian. Geschichte eines Deutschen: Die Erinnerungen 1914-1933

In den USA haben viele Wรคhlerinnen und Wรคhler in New York fรผr Alexandria Ocasio-Cortez (AOC) und fรผr Donald Trump gestimmt (siehe dazu ein faszinierendes Gesprรคch zwischen Bernie Sanders und Trevor Noah). Sie haben ihre Stimmen der Person gegeben, die bereit war zuzugeben, dass das bestehende System nicht mehr funktioniert. Der gleiche Trend ist in Europa zu beobachten und die etablierten Parteien verlieren immer mehr an Bedeutung. Dies ist nicht unbedingt eine schlechte Entwicklung. Die Frage ist, wodurch sie ersetzt werden.

Wenn, wie es im Fall der Erderhitzung und der anderen รถkologischen Probleme, evident zu sein scheint, dass sich die Lebens- und รœberlebensbedingungen deutlich verรคndern werden, und die herrschenden Parteien und Akteure ganz offensichtlich die Probleme nicht angemessen adressieren, weil sie erstens noch in einer Weltsicht aus dem 20. Jahrhundert verfangen sind und zweitens von ihrem Lebensalter her nicht so hart von den รถkologischen Krisen getroffen sein werden wie die Jรผngeren: Dann hat man einen handfesten, der Sache nach radikalen Generationenkonflikt.

– Harald Welzer, ZEITEN ENDE: Politik ohne Leitbild, Gesellschaft in Gefahr.

Paradoxerweise gibt der Kollaps der westlichen Demokratien Anlass zur Hoffnung. Es dรผrfte inzwischen allen klar sein, dass der Globale Norden nie vorhatte, die Klimakrise zu lรถsen. Es gab einfach zu viel zu verlieren, und die Oligarchie hat alles darangesetzt, den Status Quo so lange wie nur mรถglich zu erhalten. In einem kapitalistischen System kann die Klimakrise nur gelรถst werden, wenn es nichts kostet.

Das fundamentale Problem ist so alt wie die menschliche Zivilisation: Die Elite einer Gesellschaft besteht aus Menschen, die vom bestehenden System maximal profitiert haben und somit die Letzten sind, die das System verรคndern wollen. Denn auch bei der Lรถsung der Klimakrise wird es Gewinner und Verlierer geben, und die Letzteren werden nicht kampflos aufgeben. In der Privatwirtschaft wird meistens das Fรผhrungsteam ausgewechselt, wenn grosse Umbaumassnahmen anstehen. Nur wenn es um die grรถsste Herausforderung der Menschheitsgeschichte geht, scheinen wir der Meinung zu sein, dass sich das Problem von selbst lรถsen wird, basierend auf Freiwilligkeit. Dies ist einigermassen naiv.

Ausserdem sorgt eine tief verwurzelte Angst vor Verรคnderungen dafรผr, ยซdass wir die รœbel, die wir haben, lieber ertragen als zu unbekannten fliehnยป (Shakespeare, Hamlet). Wir kรถnnen aber den Aufstieg der Populisten und Rechtsradikalen nicht stoppen, indem wir veraltete und korrupte Machtstrukturen erhalten. Wie Zoran Mamdani in New York gezeigt hat, mรผssen wohl die rechten Parteien eher links รผberholt werden.

Wollen wir den Weltuntergang einfach so hinnehmen?

Es ist offensichtlich, dass wir nicht auf Kurs sind, die Klimakatastrophe abzuwenden. Die Treibhauskonzentrationen und die Temperaturen steigen immer schneller, die Biodiversitรคt nimmt weiterhin ab und die meisten planetaren Grenzen haben wir bereits hinter uns gelassen. Mitte dieses Jahrhunderts wird sich die Erde um 2ย ยฐC erwรคrmt haben, und wir kรถnnen praktisch nichts dagegen tun. In Afrika und Sรผdostasien sind inzwischen 30-40ย % aller Kinder unterernรคhrt und die Lage wird sich mit steigenden Temperaturen dramatisch zuspitzen (Nature 2025).

Da Gewalt immer eine Option menschlichen Handelns ist, ist es unausweichlich, dass gewaltsame Lรถsungen auch fรผr Probleme gefunden werden, die auf sich verรคndernde Umweltbedingungen zurรผckgehen.

Harald Welzer, Klimakriege: Wofรผr im 21. Jahrhundert getรถtet wird.

Weltweit nimmt die Anzahl bewaffneter Konflikte wieder zu, und viele davon haben mit dem Zugang zu Ressourcen zu tun. Es kรถnnte durchaus sein, dass die Menschheit durch einen Atomwaffenkrieg ausgelรถscht wird, bevor wir die klimatischen Kipppunkte erreichen, aber dies wรคre ein schwacher Trost.

Die Frage ist, wer uns retten soll. Die Privatwirtschaft wird die planetare Krise nicht lรถsen, weil es dafรผr keine Anreize gibt. Die Politiker kรถnnen es nicht tun, weil es sich erstens um ein globales Problem handelt und sie zweitens kein Mandat dazu haben; nur die Quadratur des Kreises ist mehrheitsfรคhig. Die Wissenschaftler sind Angestellte der Regierungen und machen nur das, was die Politik von ihnen verlangt. Die traurige Wahrheit ist, dass die Klimakrise ein ungelรถstes Problem bleibt, weil niemand an deren Lรถsung arbeitet. Es gibt weltweit keine Nation, kein Unternehmen oder sonst irgendeine Organisation, die einen realistischen Plan fรผr das Abwenden der Klimakatastrophe hat.

Das grosse Problem unserer Zeit ist nicht die zunehmende Polarisierung, sondern die Tatsache, dass wir vergessen haben zu denken und zu argumentieren. Diese Entwicklung wurde bereits von Neil Postman im Jahr 1985 vorhergesagt (Postman 1985), und inzwischen zeigen linguistische Studien, dass er recht hatte (Scheffer et al. 2021). Statt eines seriรถsen politischen Diskurses finden heute nur Streitgesprรคche statt, die das hauptsรคchliche Ziel haben, das Publikum zu unterhalten. Sie fรผhren zu nichts, weil die Weltbilder der Kontrahenten viel zu unterschiedlich sind. Ausserdem sind Debatten รผber die planetare Krise sinnlos, wenn sie nicht auf Fakten basieren. Die ganze Idee hinter der wissenschaftlichen Methode war, dass es eine objektive Wahrheit gibt, die es zu entdecken gilt. Damit dieser Prozess funktioniert, mรผssen wir bereit sein zuzuhรถren und unsere Meinung zu รคndern, was auf einer Bรผhne vor einem kritischen Publikum kaum passieren wird.

Die Naturgesetze und insbesondere die Thermodynamik sind nicht demokratisch. Auch wenn es mรถglich ist, per Mehrheitsentscheid die Quadratur des Kreises oder die Abschaffung des zweiten Hauptsatzes zu beschliessen, macht dies wenig Sinn. In seinem im Jahr 1961 erschienenen Buch ยซThe Imageยป beschreibt Daniel J. Boorstin ยซwie wir unseren Wohlstand, unsere Bildung, unsere Technologie und unseren Fortschritt genutzt haben, um das Dickicht der Unwirklichkeit zu schaffen, das zwischen uns und den Tatsachen des Lebens stehtยป (Boorstin 1961). Er fรคngt bei den ยซรผbersteigerten Erwartungenยป der Menschen an und beschreibt, wie aus dem ยซamerikanischen Traumยป eine ยซamerikanische Illusionยป geworden ist. ยซWir mรผssen zuerst aufwachen, bevor wir in die richtige Richtung laufen kรถnnen. Wir mรผssen unsere Illusionen erkennen, bevor wir verstehen, dass wir schlafgewandelt sind.ยป Erst wenn wir verstehen, wer wir sind und wo wir stehen, kรถnnen wir entscheiden, wo wir hingehen wollen.

Seit mehr als einem Jahrzehnt habe ich den grรถssten Teil meiner Freizeit damit verbracht, die planetare Krise nicht nur zu verstehen, sondern auch eine Lรถsung zu finden. Ich habe mich dabei frei รผber die Grenzen der wissenschaftlichen Disziplinen bewegt, was im heutigen System der formalisierten Forschungsfinanzierung gar nicht mรถglich gewesen wรคre, hรคtte ich dafรผr Geld gewollt. Ich habe verstanden, dass Paul Wiegmann doch recht hatte: Das Lรถsen relevanter Probleme dauert mindestens 10 Jahre und ist fรผr die wissenschaftliche Karriere eher schlecht. Umso grรถsser die Genugtuung, wenn die Lรถsung doch gefunden wird.

Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft รผber die Menschen. Sie kรถnnen ihr auf die Dauer nicht widerstehen. Kein Mensch kann lange zusehen, wie ich einen Stein fallen lasse und dazu sage: er fรคllt nicht. Dazu ist kein Mensch imstande. Die Verfรผhrung, die von einem Beweis ausgeht, ist zu groรŸ. Ihr erliegen die meisten, auf die Dauer alle. Das Denken gehรถrt zu den grรถรŸten Vergnรผgungen der menschlichen Rasse.

Bertolt Brecht, Leben des Galilei

Einer alten akademischen Tradition folgend werde ich im Frรผhling 2026 eine Reihe รถffentlicher Vortrรคge โ€“ oder vielleicht eher Feierabendgesprรคche โ€“ durchfรผhren. Ich mรถchte die Teilnehmenden auf eine Reise durch Zeit und Raum mitnehmen, mit dem Ziel, ihnen das Denken beizubringen, damit sie die Welt von heute verstehen kรถnnen. Dabei geht es weniger um den Aufbau eines neuen Weltbildes als um die Dekonstruktion eines falschen. Denn entgegen einer weit verbreiteten Meinung ist unsere Welt nicht komplexer geworden. Das Problem ist das ยซDickicht der Unwirklichkeitยป, das sich in der Werbung, in den Medien und in der Politik ausgebreitet hat. Nur wer die Welt versteht, kann den Weg aus dem Morast der Lรผgen finden.

Persรถnlich mรถchte ich mit den Veranstaltungen meinem Motto treu bleiben und ยซunseren Kindern einen Grund geben, uns nicht zu hassenยป. Ich freue mich auf zahlreiches Erscheinen, besonders von der jรผngeren Generation.

Die genauen Daten und der Veranstaltungsort mรผssen noch festgelegt werden, aber das vorlรคufige Programm sieht wie folgt aus:

Der (einst) vitale Planet

In diesem Vortrag werde ich den Begriff des vitalen Planeten einfรผhren und erklรคren, wieso wir uns heute aus thermodynamischer Sicht auf einen sterbenden Planeten befinden. Schuld daran ist die menschliche Zivilisation und eine Heilung wรคre mรถglich, aber nur unter Berรผcksichtigung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik.

Kapitalismus als Religion

Hier wird erklรคrt, wieso der Kapitalismus immer eine schlechte Idee war und wie wir ein Wirtschaftssystem entwickeln kรถnnen, das ohne Wachstum und Kapitaleinkommen auskommt. Die gute Nachricht ist, dass dies nicht schwierig wรคre.

Globale Klimakompensation

Die globale Klimakompensation ist ein konkreter Plan, wie wir die Klimakrise lรถsen kรถnnten. Der Plan wรผrde geopolitische Spannungen reduzieren, globale Armut abschaffen und hรคtte die Unterstรผtzung von mindestens 80 % der Weltbevรถlkerung.

Die friedliche Revolution der anstรคndigen Menschen

Wir kรถnnen wir unsere Gesellschaft hinreichend schnell verรคndern? Auch dafรผr gibt es einen Plan, der ohne illegale Aktionen auskommt. Da wir dem Gegner keinen Informationsvorsprung gewรคhren wollen, werden die Details bis auf weiteres unter Verschluss gehalten.

Wenn irgendetwas von dem, was wir schรคtzen, รผberleben soll, muss das Problem gelรถst werden. Wie es gelรถst werden kann, ist klar; die Schwierigkeit besteht darin, die Menschheit zu รผberzeugen, ihrem eigenen รœberleben zuzustimmen. Ich kann nicht glauben, dass diese Aufgabe unmรถglich ist.

– Bertrand Russell

ยซWir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des Klimawandels spรผrt, und die letzte Generation, die etwas dagegen tun kannยป hat Prรคsident Barack Obama im Jahr 2014 gesagt. Bald werden wir den letzten Teil dieses wunderbaren Zitats in ยซhรคtte tun kรถnnenยป umformulieren mรผssen. Wir leben in einer Zeit, die von grossen Unsicherheiten geprรคgt ist. Die daraus resultierende Angst wird von populistischen Politikern und den Ultrareichen instrumentalisiert, um das Fussvolk gefรผgig zu halten. Das Denken ist in unserer Gesellschaft immer noch erlaubt, aber nicht obligatorisch. Das Nichtdenken ist aber inzwischen tรถdlich geworden.

Ich wรผnsche allen Leserinnen und Lesern inspirierende und erholsame Festtage. Hoffentlich sehen wir uns im neuen Jahr.

Unwissen schรผtzt nicht vor Strafe

Der Minister nimmt flรผsternd den Bischof beim Arm: Halt du sie dumm, โ€“ ich haltโ€™ sie arm!

Reinhard Mey, Sei Wachsam

Seit 10 Jahren halte ich รถffentliche Klimavortrรคge. Genรผtzt hat es nicht viel, denn in dieser Zeit hat die Menschheit weitere 370 Gigatonnen (Milliarden Tonnen) Kohlendioxid ausgestossen, wodurch die Konzentration in der Atmosphรคre von 396 auf 420 ppm gestiegen ist und sich unser Planet um weitere 0.2ยฐC erwรคrmt hat. Das 1.5-Grad-Ziel ist inzwischen aufgegeben worden und noch nie wurde so viel Kohle verbrannt wie im Jahr 2022.

Meinen ersten Klimavortrag habe ich auf Wunsch der Studierenden im Jahr 2013 gehalten und der Hรถrsaal war entsprechend voll. Heute ist es deutlich schwieriger, das Interesse der jungen Menschen fรผr ihre eigene Zukunft zu wecken. Es ist, als hรคtten die meisten von ihnen schon aufgegeben und daran sind nicht nur die Medien, sondern auch das Bildungswesen schuld.

Kรผrzlich hatte ich mit einigen Kolleginnen und Kollegen eine Diskussion รผber den Inhalt des Ingenieurstudiums. Mein Vorschlag, dass die Unmรถglichkeit eines Perpetuum Mobiles zur Abgangskompetenz gehรถren mรผsste, ist nicht gut angekommen. Stattdessen werden naturwissenschaftliche Fรคcher รผberall gestrichen, um Platz fรผr andere Themen zu schaffen. Das Ergebnis ist, dass immer weniger Menschen verstehen, wie die Welt funktioniert.

Was ist die Aufgabe des Bildungswesens? Sollen wir kritisch denkende Menschen ausbilden, die in der Lage sind, die Welt zu verstehen und die richtigen Fragen zu stellen? Oder besteht die Aufgabe darin, gefรผgige Lohnsklaven zu produzieren, die hart arbeiten, um die Renten ihrer Eltern zu finanzieren? Mรผssen die Studierenden wissen, dass unbegrenztes Wachstum auf einem endlichen Planeten unmรถglich ist? Mรผssen sie verstehen, dass sie in einer Gesellschaft leben, in der sie von allen Seiten angelogen werden?

Ihr finanziert uns die Renten und erbt dafรผr den Klimawandel.

Dr. Daniel Sager, DEZA

Letzte Woche habe ich mir meine erste Klimaprรคsentation aus dem Jahr 2013 wieder angeschaut. Alles war richtig aber meine Aussagen waren nicht radikal genug. Zu jener Zeit hatte ich noch etwas Hoffnung, dass eine internationale Zusammenarbeit zur Rettung der Menschheit doch mรถglich wรคre. Heute ist mir klar, dass bestehende politische und wirtschaftliche Machtstrukturen dies verhindern. Trotzdem gebe ich nicht auf. Unwissen schรผtzt nicht vor Strafe und die Ignoranten werden wohl zuerst an den Folgen des Klimawandels sterben.

Ich werde mich weiterhin weigern, nรผtzliche Idioten auszubilden, sondern meinem Motto treu bleiben: ยซDen Kindern einen Grund geben, uns nicht zu hassen.ยป Die Rรผckmeldungen von jungen Menschen geben mir recht.

Wahre Freundschaften sind nicht kรคuflich und wer etwas Gutes tut, hat ein glรผcklicheres Leben. Hier einige Beispiele von jungen Menschen, die etwas Positives bewirken.

Rachel Donald hielt am 22. Mรคrz an der OST einen Vortrag รผber die planetare Krise: Making Sense of the Crisis. Die Pressemitteilung dazu ist hier zu finden: Die Atmosphรคre glaubt keine Buchhalter-Tricks. Im Video oben spricht sie รผber die wichtige Rolle von Ingenieuren und Ingenieurinnen.

Roman Thurnherr hat Erneuerbare Energien und Umwelttechnik an der OST studiert und ist jetzt damit beschรคftigt, den Seegrund vor Uetikon zu sanieren.

Dylan Derradj und Simon Grundler der OST haben zusammen mit Julian Rieder der ETH eine solarbetriebene Wasseraufbereitungsanlage in Liberia aufgebaut.

Planlos durch den Winter

Kurz vor Weihnachten hat uns The Economist ein schรถnes Wintersujet geliefert. Der Artikel Europe faces an enduring crisis of energy and geopolitics hรคlt nochmals fest, was wir alle schon wussten: Die Energiewende wรคre fรผr Europa nicht nur aus Sicht des Klimaschutzes, sondern auch aus wirtschaftlichen und geopolitischen รœberlegungen das Richtige gewesen.

Frozen Out, The Economist, 26.11.2022

Etwa zwei Wochen spรคter doppelt der Generaldirektor der internationalen Energieagentur (IEA) nach:

Die unbequeme Wahrheit ist, dass das Geschรคftsmodell vieler europรคischer Industrien jahrzehntelang auf der Verfรผgbarkeit reichhaltiger und billiger russischer Energielieferungen beruhte. Dieses Geschรคftsmodell wurde durch den russischen Einmarsch in die Ukraine zerstรถrt und wird sich nicht erholen.

Faith Birol, IEA, Europe urgently needs a new industrial master plan

Politikerinnen und Politiker, die sich in der Vergangenheit gegen eine ambitionierte Klimapolitik eingesetzt haben, lagen somit falsch. Hoffentlich sind sie jetzt endlich bereit, den Fehler einzugestehen und ihre Meinung zu รคndern.

Wenn die Politik versagt, mรผssen andere in die Bresche springen. Ingmar Rentzhog ist ein umtriebiger Schwede, der die die Organisation We Don’t Have Time gegrรผndet hat. Unter dem Tag #WeCanDoIt lรคdt er engagierte Menschen ein, sich zu vernetzen und aktiv zu werden. Schaden tut dies sicher nicht.

Ingmar Rentzhog, Nigel Topping und Johan Rockstrรถm an der #COP27

An der OST kรคmpfen wir dafรผr, dass wenigstens genug Fachkrรคfte fรผr die Energiewende zur Verfรผgung stehen werden. Wer heute Energie- oder Umwelttechnik studiert, hat nach drei Jahren einen sicheren und sinnstiftenden Job mit einem guten Lohn und exzellenten Zukunftsperspektiven, wie der Artikel von meinem Kollegen Carsten Wemhรถner zeigt:

Leider ist es schwierig, junge Menschen fรผr die technische Umsetzung der Energiewende zu gewinnen. Vielleicht hat dies mit dem Statusverlust des Ingenieurberufes in einer zunehmend deindustrialisierten Gesellschaft zu tun. Obwohl wir alle von modernster Technik abhรคngig sind, wollen die wenigsten wissen, wie die Welt funktioniert. Joan Diamond und Paul Ehrlich erkennen hier ein Scheitern der Universitรคten, die immer noch junge Menschen fรผr die Welt von gestern ausbilden und sie nicht auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten.

Es kann auch sein, dass technische Ausbildungen als langweilig angesehen werden. Ingenieure (die immer noch mehrheitlich mรคnnlich sind) werden als Nerds angesehen, die fรผr jedes Problem eine technische Lรถsung suchen. Das stimmt aber nicht. Unsere Dozierenden haben sehr wohl verstanden, dass die Klimakrise nur interdisziplinรคr gelรถst werden kann. Nichtdestotrotz werden wir technische Lรถsungen brauchen, um gewisse fossile Infrastrukturen zu ersetzen.

Die Hochschulen kรถnnen die Klimakrise genauso wenig lรถsen wie die Wirtschaft. Wir kรถnnen aber als progressive Kraft in der Gesellschaft wirken. Den ersten Schritt in diese Richtung machen wir mit dem Vortrag der jungen britischen Journalistin und Podcasterin Rachel Donald am 22. Mรคrz 2023: Planet Critical โ€“ Making Sense of the Crisis.


Ich wรผnsche allen erholsame Festtage und einen guten Rutsch. Auch im nรคchsten Jahr wird uns die Arbeit nicht ausgehen.

Herzlichst,
Henrik Nordborg

Das Klima wartet nicht!

Es geht wieder los! Nach fast drei Semestern Lockdown und sonstigen COVID-Massnahmen freut es mich sehr, dass die Nachhaltigkeitswoche an der OST in Rapperswil wieder vor Ort stattfinden wird. Einige engagierte Studierende sind dabei, das Programm der NHWR im Frรผhling 2022 zusammenzustellen. Weitere Infos werden auf der Webseite verรถffentlicht werden: Rapperswil โ€“ Sustainability Week Switzerland.

Ich bin von den Studierenden eingeladen worden, mit einer Neuauflage meines Klimavortrages die Menschen wieder wachzurรผtteln. Dies mache ich selbstverstรคndlich gerne, da ein Aufwachen nottut. Diesmal werde ich aber vor allem รผber Lรถsungen reden.

ร–ffentlicher Vortrag an der OST:

Globale Klimakompensation

Wie wir die Klimakrise in zwei Schritten lรถsen kรถnnten, und warum wir es besser tun sollten.

Der Vortrag gibt einen รœberblick รผber den Zustand des Planeten, erklรคrt wieso bisherige Lรถsungsansรคtze fรผr die Klimakrise nicht nur versagt haben, sondern auch zum Scheitern verurteilt sind, und prรคsentiert eine realistische Vision fรผr die Zukunft.

Zeit: 18. November 2021, Tรผrรถffnung um 17:00
Ort: OST โ€“ Aula, Oberseestrasse 10, 8640 Rapperswil

Link zur Anmeldung

Flyer zum Ausdrucken

Der Vortrag hat drei Teile:

Die Fakten sind schnell erzรคhlt: Fast 30 Jahre nach der ersten Klimakonferenz der UNO steigen die Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphรคre schneller als je zuvor, weil immer mehr fossile Brennstoffe verbraucht werden. Von erfolgreicher Klimapolitik zu reden, wรคre nicht nur vermessen, sondern verlogen.

Das Problem ist, dass die nationale und globale Klimapolitik auf der falschen Annahme basiert, dass neue Technologien fossile Brennstoffe irgendwann รผberflรผssig machen werden. Diese Annahme war schon vor 30 Jahren sehr optimistisch und heute wissen wir, dass sie definitiv falsch ist.

Wenn das Grundproblem verstanden ist, wird die Lรถsung einfach: Globale Klimakompensation verรคndert die Spielregeln der globalen Wirtschaft dahingehend, dass Klimazerstรถrung wirtschaftlich keinen Sinn mehr macht.

Die Menschheit kann noch gerettet werden, aber wir haben nur eine letzte Chance und weniger als 10 Jahre, um dies zu tun. Die Zeit fรผr Verzรถgerungen, Ausreden und endlose Debatten ist definitiv vorbei.

Ich freue mich auf zahlreiches Erscheinen und eine angeregte Diskussion.

Geh aus mein Herz und suche Freud

Manchmal braucht man einfach eine Pause. Mein Lieblingsort, um Energie zu tanken, ist eine Insel an der schwedischen Ostkรผste, wo ich jeden Sommer seit meiner Geburt einige Wochen verbracht habe. Nicht nur kenne ich die Menschen dort, sondern die Landschaft ist inzwischen im neuronalen Netz meines Hirns permanent gespeichert. Es tรถnt vielleicht sentimental, aber ich bin mit einigen Felsen und Bรคumen dort gut befreundet.

Hier das Ergebnis eines Spazierganges am frรผhen Morgen im vergangenen Sommer. Vielleicht hilft es euch auch, in diesen eher dรผsteren Zeiten etwas Seelenruhe zu finden.

Ein morgendlicher Spaziergang in Schweden. Musik: The Real Group, Stรคmning (2002)

Es handelt sich in keiner Weise um unberรผhrte Natur. Auf der Insel gibt es drei bekannte Siedlungen aus der Jungsteinzeit und die Wikinger waren auch dort. Viele Ortsnamen in der Gegend fangen mit Tor- an, dem skandinavischen Namen des Wettergottes. Wir kรถnnen also davon ausgehen, dass die Insel wรคhrenden der letzten 5000 Jahre landwirtschaftlich genutzt wurde. Diese Landwirtschaft war offensichtlich nachhaltig, denn der Boden ist immer noch sehr fruchtbar. Fรผr die letzten 100 Jahre trifft dies wohl nicht mehr zu, wegen รœberdรผngung und Pestiziden. Ausserdem ist die Ostsee inzwischen so dreckig, dass die Fische nur in Schweden gegessen werden dรผrfen. Das grรถsste Problem mit Surstrรถmming ist nicht der Gestank, sondern die chemische Verseuchung.

Zur Musik: Die Hymne ยซI denna ljuva sommartidยป ist eines der bekanntesten Kirchenlieder Schwedens und wird in dieser Version von ยซThe Real Groupยป gesungen. Der Text ist eine รœbersetzung aus dem Deutschen und das Original wurde von Paul Gerhardt im Jahr 1653 geschrieben. Offensichtlich haben schon damals einige Menschen eine tiefe Verbundenheit zur Natur verspรผrt, denn es handelt sich um einen Lobesgesang auf die Schรถpfung.

Der deutsche Titel ยซGeh aus mein Herz und suche Freudยป ist keine schlechte Empfehlung fรผr die heutige Zeit. Nur wenn es uns bewusst ist, wie viel wir durch die Klima- und Umweltzerstรถrung verlieren werden, kรถnnen wir die nรถtige Kraft und Motivation finden, etwas dagegen zu tun.

Wer auf einer Insel lebt, tut gut daran, sparsam mit Ressourcen umzugehen. Die Bewohner der Osterinsel haben dies nicht begriffen und sind als Zivilisation klรคglich gescheitert. Wer auf dem einzig bewohnbaren Planeten im bekannten Universum lebt, tรคte auch gut daran, die Umwelt zu schonen. Leider wird diese einfache Feststellung im heutigen politischen Klima immer noch mit Radikalismus gleichgesetzt. Mit dem jรผngsten Klimabericht des IPCC ist die Kluft zwischen dem wissenschaftlich Notwendigen und dem politisch Machbaren noch grรถsser geworden. Wir sollten รผbrigens aufhรถren, vom ยซKlimawandelยป zu reden. Der Begriff wurde von politischen Beratern der Erdรถllobby eingefรผhrt, weil er weniger bedrohlich klingt als ยซErderwรคrmungยป. Er ist aber sehr ungenau, da er nichts รผber die Ursachen und Folgen aussagt. Wenn schon, mรผssten wir immer vom ยซmenschengemachten Klimawandel mit katastrophalen Auswirkungenยป sprechen, was eindeutig zu lang ist. Ein wissenschaftlich prรคziserer Name wรคre ยซKlimazerstรถrungยป. Nur wenn wir bereit sind, das Problem beim Namen zu nennen, kรถnnen wir es auch lรถsen.

Die Klimazerstรถrung kann gestoppt werden. Nach diesem Sommer bin ich entschlossener denn je, dies auch zu tun: www.global-climate-compensation.org.

PS: Der Networkingtag an der OST in St Gallen verspricht spannend zu werden. Anmeldungen sind noch mรถglich.